Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 21.10.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Studio 9 | Beitrag vom 30.05.2016

Astrid-Lindgren-Preis für Meg RosoffJugendbücher gegen den Mainstream

Von Jens-Peter Marquardt

Podcast abonnieren
Meg Rosoff (Jonas Ekstromer/dpa)
Meg Rosoffs erstes Buch erschien 2004 unter dem Titel "So lebe ich jetzt". (Jonas Ekstromer/dpa)

Meg Rosoffs Jugendbücher sind nicht unumstritten. Ihre Protagonisten stellen Leser so sehr auf die Probe, dass sie beispielsweise von einem Kinderbuch-Festival in Bath wieder ausgeladen wurde. Trotzdem, oder vielleicht auch deswegen, erhält sie heute den Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis, den am höchsten dotierten Kinderbuchpreis der Welt.

Immer wieder Hunde. Es gibt kein Meg Rosoff-Buch ohne Tiere, und fast immer sind es Hunde. In ihrem neuesten Buch mit dem Titel Jonathan Unleashed heißen die Hunde Dante und Sissy. Und sie sind es, die den mit dem Erwachsenwerden kämpfenden Protagonisten Jonathan durch das Chaos seines Lebens führen. Meg Rosoff hat selber zwei Hunde:

"Viele Leute denken: Du hast einen Hund, oder in meinem Fall zwei, und Dein Job ist es, der Anführer zu sein, die Hunde würden dann schon tun, was Du sagst. Dabei ist es genau das Gegenteil. Die Hunde kommen in Deine Familie, und ihr Job ist es, Dich zu dem Herrchen oder Frauchen zu machen, den sie haben wollen."

Meg Rosoff ist in Boston aufgewachsen, in einer jüdischen Familie, als Tochter eines Arztes. Sie erlebte die ganz normale Kindheit in einer amerikanischen Mittelschichtfamilie, und war - typisch Mädchen - verrückt nach Tieren. Natürlich lernte sie als Kind reiten, holte sich dabei ihre ersten Gehirnerschütterungen, jobbte im Wissenschaftsmuseum in der Schlangenabteilung, reinigte die Käfige und fütterte die Schlangen mit zerhackten gefrorenen Vögeln. Sie begann in Harvard vor den Toren Bostons zu studieren, doch das war ihr nach drei Jahren zu konventionell, sie ging nach England und entdeckte Swinging London, studierte Bildhauerei und landete schließlich in der Werbebranche - genau wie ihr Alter Ego in dem neuen Buch:

"Es war von Anfang ein Desaster. Ich war eine komplette Versagerin in der Werbung, obwohl ich jedes Mal, wenn ich gefeuert wurde, was ziemlich häufig geschah, im neuen Job besser bezahlt wurde. Aber: Die Arbeit in der Werbebranche hat am Ende eine ziemlich positive Wirkung auf meine literarische Tätigkeit gehabt. Ich lernte, mit wenigen Worten viel zu erzählen und den Leser zu fesseln."

Meg Rosoff erhielt auch schon den Deutschen Jugendliteraturpreis

Als 2004 ihr erstes Buch "So lebe ich jetzt" erschien, stieg Meg Rosoff endgültig aus der Werbebranche, die sie hasste, aus. Als sie für ihr Debüt im gleichen Jahr den renommierten Guardian-Preis für Kinderliteratur bekam, kämpfte sie mit einer Brustkrebserkrankung und überlebte. Sie schrieb sechs weitere Bücher, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden, sie sammelte weitere Auszeichnungen, in Deutschland zum Beispiel den Luchs und den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Und trotzdem: Nicht alle finden ihre Bücher gut. 2011 wurde sie vom Kinderbuch-Festival in Bath wieder ausgeladen, weil ihr Buch "Oh. Mein. Gott." den Veranstaltern zu blasphemisch war, das gleiche passierte ihr bei einem Literatur-Festival in London. Kein Wunder: Ihre Jugendbücher testen immer wieder Grenzen aus, in "So lebe ich jetzt" zum Beispiel die sexuelle Beziehung zwischen Cousin und Cousine. Und dass der 15-Jährige in dieser Geschichte auch noch Kettenraucher ist, kam ebenfalls nicht überall gut an. Vielleicht auch deswegen ist sie eine würdige Astrid-Lindgren-Preisträgerin - sie hat als Kind die Bücher mit der politisch völlig unkorrekten Pippi Langstrumpf verschlungen, und auch danach lange gebraucht, um erwachsen zu werden:

"In meinen Zwanzigern, Dreißigern, habe ich mich ständig gefragt, was das eigentlich bedeutet, erwachsen zu sein. Ich habe damals immer darauf gewartet, dass mich das Erwachsensein erwischt - zur Ruhe kommen, klug sein und Kinder haben. Aber irgendwie ist mir das ständig entwischt."

Inzwischen hat die heute 59-Jährige neben den zwei Hunden eine Tochter und einen Mann, und sie will eigentlich keine Jugendliteratur mehr schreiben. Ihr neues Werk - Jonathan unleashed, der freigesetzte Jonathan - ist ihr erstes Buch für Erwachsene. Doch der Astrid-Lindgren-Preis jetzt, so sagt sie, könnte vielleicht doch Antrieb sein, auch weiter Jugendbücher zu schreiben. Für Meg Rosoff sind die Grenzen zwischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Literatur ohnehin fließend.

Mehr zum Thema

"Ich mag es, dass die Liebe manchmal schrecklich kompliziert ist"
(Deutschlandfunk, Bücher für junge Leser, 11.05.2013)

Die Pferdeflüsterin
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 20.10.2010)

Der junge Mann und das Meer
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 25.06.2009)

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

Neu im Kino: "Parasite"Der Duft der Armut
Szene aus dem Film "Parasite". Die Schauspielerin Yeo-jeong Jo geht eine Treppe hinauf. (picture alliance/dpa/Neon/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS)

In "Parasite", ausgezeichnet mit der Goldenen Palme von Cannes, erzählt Regisseur Bong Joon-ho von einer armen Familie, die sich in einen Oberschichtshaushalt einschleicht. Macht sie das zu Parasiten? Die Grenze zwischen Gut und Böse ist fließend.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur