Asjadi: "Tric-Trac"

Reales Leid als Schockeffekt

05:19 Minuten
Das Cover des Buchs zeigt den Autornamen "Asjadi" und den Romantitel "Tric-Trac" vor einem schwarz-weiß-grünen Zackenmuster.
© Faber und Faber

Asjadi

Tric-TracFaber und Faber, Leipzig 2022

600 Seiten

28 Euro

Von Fabian Wolff · 14.05.2022
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Der in Teheran geborene Filmemacher und Kurator Asjadi schreibt unter Pseudonym. In seinem Romandebüt interessieren ihn nicht immer zu entschlüsselnde Anspielungen und Referenzen deutlich mehr als das zitierte Leid realer Figuren.
Im Poker zählt die Frage, ob das Gegenüber ein Tölpel ist oder nur einen spielt, ob die gehobene Augenbraue verrät, dass das Blatt sehr gut ist, oder ein Trick, um genau das vorzutäuschen – oder ob das Blatt sehr gut und die Augenbraue gespielt ist, weil eben jeder den Augenbrauentrick zu durchschauen glaubt und er deswegen funktioniert.
Bei dem mit Zitaten, Referenzen und Anspielungen überfrachteten Roman "Tric-Trac" des bemüht mysteriösen Schriftstellers Asjadi, laut Verlag in Teheran geboren und in Zürich lebend, verhält es sich ähnlich.
Wenn eine der Hauptfiguren das eigene Leben schon auf der ersten Seite ausgerechnet an den Bergman-Film "Sarabande" erinnert, gibt der Autor dann damit an, dieses Nebenwerk des schwedischen Großregisseurs zu kennen? Oder ist es ein Kommentar auf die Art von mittelaltem Mann, der sein Leben mit einem Bergman-Film vergleicht und sich dabei selbst nervt? Oder ein Kommentar auf die Art von Literatur, die einen solchen Mann im Mittelpunkt hat? Oder ein Kommentar auf den Diskurs um diese Art von Literatur, die - und so weiter, und so fort.

Romanprojekt über drei junge Iraner

Ähnlich ver-tric-trackt ist das ganze Buch, verpackt als Romanprojekt dieses mittelalten Mannes Christian Yorickson. Erinnert sein Name an das christliche Abendland und Laurence Sternes empfindsamen Yorick, erzählt Christian Yorickson in seinem Opus Magnum wiederum die Geschichte von drei jungen Männern aus dem Iran.
Shaahin, Aadish und Farshid und ihr Exil im Westen ist weniger eingebettet in die iranische Exilgeschichte (1953, 1979 und davor und danach) als in die gesamte Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts von Cortázar bis Tarantino. Der Roman verwendet zwar die Kategorien "Orient" und "Westen", aber zieht einen tieferen Graben zwischen Freiheit und Dogma.
Der Text bringt erzählende Kapitel, Briefe, Zeitungsausschnitte, eine beeindrucke Collage von männlichen Hintern, E-Mails zwischen Yorickson und seinem Liebhaber Andrea und derlei mehr zusammen. Der ästhetische Leim, das sind, neben großer Körperlichkeit und dem Hang zur etwas miefigen politischen Unkorrektheit, die permanenten Referenzen.

Farbfoto einer realen Hinrichtung

Auf Drängen des Verlages, so der Autor, gibt es einen umfangreichen Apparat mit Anmerkungen. Er selbst betont, dass "Profis ohne auskommen".
Die Fiktion geht hier weiter, wenn etwa behauptet wird, dass der Kosmopolit "Onkel Said", der das Figuren-Trio in Paris empfängt, dem exilierten Dichter Said Esfandiari nachempfunden sei. Für dessen Existenz lassen sich keine Belege finden – Esfandiari hingegen war der Geburtsname der tatsächlich in Paris verstorbenen Soraya, oder verweist auf den transhumanistischen Schriftsteller Fereidoun Esfandiary alias FM-2030, der Vorname wiederum auf den letztes Jahr in München verstorbenen SAID.

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Zwei Namen hingegen sind belegt: Mahmoud Asgari und Ayaz Marhoni, die im Alter von 16 und 18 Jahren 2005 im Iran gehängt wurden. Der Fall erregte im Westen als Symbol homophober Repression viel Aufsehen.
Der Roman im Roman stellt sich vor, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie noch leben würden. Am Ende ist ein Farbfoto ihrer Hinrichtung abgedruckt, daneben das Zitat des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad, dass es im Iran keine Homosexuellen gebe.

Fakten für mehr Schockeffekt

Der abrupte Einsatz realen Leids als Schockeffekt ist an sich schon streitbar und wird mit Blick auf den Fall selbst fast verantwortungslos. Offiziell wurden Asgari und Marhoni für die Vergewaltigung eines 13-Jährigen verurteilt. Die homophobe Dimension und die Queerness der Erhängten ist laut internationaler Menschenrechtsorganisationen mit Schwerpunkt auf antiqueerer Repression höchstwahrscheinlich nur ein Gerücht im Kontext der "Achse des Bösen"-Rhetorik des Westens in den Nullerjahren.
Das, falls das gesagt werden muss, macht die Todesstrafe nicht weniger zum Verbrechen und Repression im Iran nicht weniger repressiv. Aber die beiden gehängten Teenager müssen mit ihren Namen und verhüllten Gesichtern als moralische Rechtfertigung eines Romans herhalten, der kein Interesse an ihrem Leben und ihrem grausamen Tod hat, und auch nicht am queerem Widerstand, der sich im Iran im Untergrund formiert.

Alles nur ein Bluff?

Es ist bedauerlich, dass der Roman sich damit am Ende selbst den Teppich unter den Füßen wegzieht. In den großen Zügen mag er aufgedunsen sein, im Detail, vor allem in den Briefen, ist er teils sehr schön, wenn auch nicht so schön wie die Gedichtzeilen der ikonischen (und realen) Forugh Farrochsad, mit denen jedes Kapitel beginnt. Sie dazu selbst immer mit einem Foto aus dem Buch schauen zu lassen, grenzt natürlich an Schummelei.
Der Roman scheint das zu wissen, das macht seinen gelegentlich aufscheinenden melancholischen Charme aus, oft einfach nur in der Schönheit anderer, letztlich besserer Kunst schwelgend. Eine Form der sympathischen Bescheidenheit – oder vielleicht auch wieder nur ein Bluff.
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