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Zeitfragen | Beitrag vom 16.04.2019

Arzneimittel Duogynon Neue Hoffnung für Geschädigte

Von Katharina Peetz

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Drei Personen von der Interessengemeinschaft Duogynonopfer stehen im November 2016 vor dem Brandenburger Tor in Berlin und demonstrieren. Duogynon, ein hormoneller Schwangerschaftstest der Schering AG, wurde von 1950 bis 1981 verkauft und steht im Verdacht, tausende Missbildungen verursacht zu haben. (imago/epd/Jürgen Blume)
Die Interessengemeinschaft Duogynonopfer demonstriert 2016 in Berlin. Contergan wurde bis 1961 in der BRD vertrieben und war für Fehlbildungen verantwortlich. (imago/epd/Jürgen Blume)

In den 60er- und 70er-Jahren wurde das Medikament Duogynon vor allem als Schwangerschaftstest eingesetzt. Seit Jahren steht es im Verdacht, Missbildungen an Säuglingen verursacht zu haben. Duogynonopfer kämpfen um Entschädigung.

Seit zehn Jahren kämpft Andre Sommer um Aufklärung. Der 43-Jährige will wissen, warum er mit einer Fehlbildung auf die Welt gekommen ist.

"Die Blase, die ja innerhalb des Körpers liegt, die war außerhalb. Und das musste dann in 15 Folge-OPs operiert werden. Und ich hab praktisch ständig einen Beutel am Körper, wo der Urin reinfließt. Das begleitet mich ein Leben lang. Ich hab diese Behinderung. Für immer. Und muss immer darauf aufpassen."

Andre Sommer glaubt, dass das Hormonpräparat Duogynon schuld ist an seiner Missbildung. Duogynon wurde vor allem in den 60er- und 70er-Jahren als hormoneller Schwangerschaftstest eingesetzt: Beim Verdacht auf Schwangerschaft nahmen Frauen zwei Tabletten – setzte daraufhin keine Blutung ein, waren sie schwanger. Auch Andre Sommers Mutter nahm die Tabletten. Weil sie anschließend Krämpfe und Ausfluss hatte, vermutete sie, dass das Hormonpräparat der Grund für die Missbildung bei ihrem Sohn sein könnte.

2010 hat Andre Sommer die Bayer AG auf Auskunft verklagt – der Konzern ist der Rechtsnachfolger der Schering AG, die Duogynon damals vertrieben hat. Weil der Fall mehr als 30 Jahre zurückliegt, ist er jedoch verjährt. Ein herber Rückschlag für Sommer.

"Ich war schon einige Mal knapp dran, dass ich aufhöre. Als wir vor Gericht verloren hatten gegen Bayer, nur wegen der Verjährung, da war mein ganzes Rechtsbewusstsein gestört, sag ich jetzt mal. Sogar der Richter sagte er muss so urteilen, auch wenn er das eigentlich gar nicht für richtig hält. Aber die Sache ist eben verjährt. Da war ich knapp dran, dass ich aufhöre. Dann haben wir die Unterlagen aus dem Archiv bekommen, dann gings weiter."

Medikament wurde auch in Großbritannien verkauft

In den Unterlagen aus dem Berliner Landesarchiv finden sich Hinweise, dass die Schering AG von möglichen Embryo-Schädigungen durch das Arzneimittel wusste. In Deutschland wurde Duogynon erst Anfang der 80er-Jahre endgültig vom Markt genommen. Unter dem Namen Primodos wurde das Mittel auch in Großbritannien vertrieben.

Von dort kommt jetzt neue Hoffnung für Andre Sommer und die anderen schätzungsweise 400 bis 600 Betroffenen. Wissenschaftler der Universität Oxford haben im November vergangenen Jahres eine Meta-Analyse veröffentlicht. Jeffrey Aronson, Co-Autor der Studie:

"Wir haben 26 Studien gefunden. Und als wir sie und alle darin veröffentlichten Daten analysiert haben, so analysiert, als ob es eine einzige Studie gewesen wäre, haben wir herausgefunden, dass das Risiko einer Fehlbildung beim Baby, dessen Mutter den Hormon-Schwangerschaftstest gemacht hatte, 40 Prozent höher war als das Risiko bei einer Frau, die den Test nicht gemacht hatte."

Jeffrey Aronson betont, dass das Ergebnis keinen kausalen Zusammenhang beweise, sondern nur nahe lege, dass es einen Zusammenhang gebe.

Eine Expertenarbeitsgruppe, darunter die Labour-Abgeordnete Yasmin Qureshi (4.v.l.), und Betroffene präsentieren im November 2017 einen Bericht zu Primodos in London.  (picture alliance/dpa/Dominic Lipinski)Eine Expertengruppe, darunter die Labour-Abgeordnete Yasmin Qureshi (4.v.l.), und Betroffene präsentieren im November 2017 einen Primodos-Bericht in London. (picture alliance/dpa/Dominic Lipinski)
In Großbritannien hatte die Regierung bereits 2015 eine Kommission beauftragt, den Fall Duogynon bzw. Primodos aufzuklären. Eine Expertenarbeitsgruppe war im November 2017 zu dem Schluss gekommen, dass der kausale Zusammenhang nicht nachgewiesen werden könne. Eine weitere Untersuchungskommission sitzt seit Frühjahr 2018 zusammen und will ihre Ergebnisse in diesem Jahr vorstellen.

Geringes politisches Echo in Deutschland

In Deutschland dagegen war das politische Echo auf den Duogynon bislang gering. Die Fraktion Bündnis90/Die Grünen hatte bereits 2010 eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, erzählt Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen.  

"Dann noch mal 2016, und dann noch mal im letzten Jahr, im November 2018. Und da waren wir sehr enttäuscht, dass wir als Antwort aus dem Ministerium erhalten haben, dass sie keinerlei Hinweise sehen, dass sie tätig werden müssten, auch im Kontakt mit den geschädigten Betroffenen."

Auf Anfrage von Deutschlandfunk Kultur teilte das Bundesgesundheitsministerium schriftlich mit:

"Die derzeit vorliegende wissenschaftliche Evidenz stützt insgesamt nicht die Annahme eines ursächlichen  Zusammenhangs zwischen der Anwendung eines hormonellen Schwangerschaftstests wie z.B. Primodos® bzw. Duogynon® während der Frühschwangerschaft und unerwünschten Ereignissen wie Fehlgeburt, Totgeburt oder angeborenen Missbildungen."

Die Meta-Studie aus Oxford bedürfe einer vertieften Analyse, bevor abschließende Aussagen dazu möglich seien, teilte das Gesundheitsministerium weiter mit.

"Wir wollen Gerechtigkeit für die Opfer"

Das ist einigen Parlamentariern nicht genug: Die Abgeordneten Martina Stamm-Fibich aus der SPD und Stephan Pilsinger aus der CSU haben im März zu einem Fachgespräch im Bundestag eingeladen, bei dem auch die Ergebnisse der Oxford-Analyse vorgestellt wurden. Stephan Pilsinger ist neben seinem Bundestagsmandat auch als Hausarzt tätig:

"Uns geht’s in erster Linie darum hier im Deutschen Bundestag über diese Ergebnisse zu informieren. Und im zweiten Schritt wollen wir Gerechtigkeit für die Opfer, die eventuell davon betroffen sind. Ich glaub, es ist nicht unwahrscheinlich, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Einnahme von dem Duogynon bzw. Primodos, was ja dasselbe ist, und den schweren Schwangerschaftsschäden. Und es geht in erster Linie jetzt erst mal um Aufklärung und dann geht es um Gerechtigkeit."

Was wusste das ehemalige Bundesgesundheitsamt?

Bei der Aufklärung geht es auch um die Frage, ob das Bundesgesundheitsamt der Vorgänger des heutigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM, seiner Verantwortung als Aufsichtsbehörde ausreichend nachgekommen ist. Martina Stamm-Fibich: 

"Alles, was wir aus dem Landesarchiv lesen, deutet darauf hin, dass das Bundesgesundheitsamt, also der Vorgänger des heutigen BfArM, viele Dinge nicht ernst genommen hat. Ich möchte nicht noch deutlicher werden. Aber es ist schon teilweise… wo ich sagen muss, man kann da nur mit dem Kopf schütteln. Und in der Rechtsnachfolge, sowohl vom BfArM wie auch von Bayer, würde ich mir wünschen, dass man einen Runden Tisch installiert und sagt, wir tun einfach alles, um das was wir an Informationen haben zusammenzufügen. Es wird auch ein Ergebnis aus Großbritannien kommen, mit dem man umzugehen hat. Ich möchte aber nicht darauf warten müssen."

In der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Grünen im November 2018 heißt es, man gehe nach vorliegender Aktenlage davon aus, dass das ehemalige Bundesgesundheitsamt seiner Verantwortung nachgekommen sei.

Mehrere Personen von der Interessengemeinschaft Duogynonopfer stehen im November 2016 in Berlin und demonstrieren. Duogynon, ein hormoneller Schwangerschaftstest der Schering AG, wurde von 1950 bis 1981 verkauft und steht im Verdacht, tausende Missbildungen verursacht zu haben. (imago/epd/Jürgen Blume)Die Interessengemeinschaft Duogynonopfer hofft auf staatliche Hilfe. Hier ihre Demonstration 2016 in Berlin, an der auch Nina Hagen (m) teilnahm. (imago/epd/Jürgen Blume)
Bayer schließt Duogynon als Ursache für embryonale Missbildungen nach wie vor aus. Das teilte der Konzern auf Anfrage schriftlich mit. Bereits in den 70er- und 80er-Jahren seien Untersuchungen durchgeführt worden, die keine Hinweise auf den ursächlichen Zusammenhang ergeben hätten. Auch die Expertengruppe in Großbritannien habe keinen kausalen Zusammenhang feststellen können, heißt es in der Stellungnahme.  

"Aufgrund der zahlreichen methodologischen Mängel der in die Metaanalyse aufgenommen Studien kamen die Experten zum Ergebnis, dass die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden sollten und die Gültigkeit der bisherigen Bewertung dadurch ebenfalls nicht geändert wird."

Die Betroffenen geben trotzdem nicht auf. Nach britischem Recht ist der Fall nicht verjährt. In Großbritannien wollen die möglicherweise durch Primodos Geschädigten voraussichtlich im Sommer vor Gericht gehen.

Behinderung bleibt ein Leben lang

In Deutschland hoffen die Betroffenen auf staatliche Unterstützung. Andre Sommer:

"Bayer wird niemals was freiwillig zahlen. Es ist eine Aktiengesellschaft, die werden alles tun, damit die niemals Gelder bezahlen müssen. Die Hoffnung ist eigentlich, dass dann der deutsche Staat den Betroffenen hilft. So schlimm wie das ist, dass eigentlich der Steuerzahler für was aufkommen muss, wo die Firma den Profit gemacht hat."

Denkbar wäre eine Stiftung für die Betroffenen – einige könnten auf Grund ihrer angeborenen Missbildungen gar nicht arbeiten, erzählt André Sommer. Er selbst ist Schulleiter an zwei kleinen Grundschulen im Allgäu. Eine finanzielle Entschädigung würde in seinem Alltag nicht viel ändern: Die angeborene Behinderung bleibt ein Leben lang.

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