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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.02.2018

Arthur Jafa in BerlinWas es bedeutet, schwarz in einer weißen Welt zu sein

Von Gerd Brendel

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Videostill / video still ARTHUR JAFA APEX, 2013 Video, 8’12’’, Farbe, Ton / video, 8’12’’,color, sound Courtesy of the artist and Gavin Brown ́s Enterprise, New York City, Rome (Arthur Jafa / Julia Stoschek Foundation)
Videostill aus "Apex" (2013) von Arthur Jafa (Arthur Jafa / Julia Stoschek Foundation)

Der afroamerikanische Künstler Arthur Jafa drehte Musikvideos für Beyoncé und arbeitete als Kameramann für Stanley Kubrick und Spike Lee. Als Film-Künstler startete er Ende der 90er durch. Jetzt zeigt die Berliner Julia Stoscheck Collection seine Solo-Ausstellung.

Das erste Bild in der Berliner Ausstellung mit Werken von Arthur Jafa zeigt eine Ikone US-amerikanischer Kultur: Die Ur-Mickey Maus aus den 20er Jahren. Daneben hängt ein Foto eines schwarzen Voodoo-Priesters mit weiß geschminktem Gesicht, das typische Attribut des Schöpfergotts  Damballah. "Mickey Mouse ist ein afrikanischer Gott, eine Erscheinungsform von Damballah. Wenn man sich den ersten Zeichentrickfilm "Steamboat Willie" anschaut ist da ein Schwarzer mit weiß geschminktem Gesicht."

Mickey Mouse als Gottheit 

Der 1928 zu Jazz-Musik auf seinem Dampfer den Mississippi herunter schippert. Arthur Jafa wuchs in den 60er und 70er Jahren in Mississippi auf. "Im Mississippi-Delta, der Wiege afroamerikanischer Kultur, und das heißt für mich amerikanischer Kultur. Auf der anderen Seite sind hier grausame Verbrechen begangen worden, wie der Mord an den drei Bürgerrechtsaktivisten 1964."

Arthur Jafa erinnert sich noch genau an seine Schulzeit als eines von drei schwarzen Kindern an einer weißen Schule nach der Aufhebung der Rassentrennung. "Ich kann mich noch erinnern wie meine Klassenlehrerin, eigentlich eine von den Guten, uns immer so behandelt hat, als wären wir irgendwie zurückgeblieben."

"Schwarze sind die Bastarde der westlichen Welt"

Als Schwarzer in einer weißen Welt – es ist eine widersprüchliche Erfahrung für die der US-Amerikaner Jafa ein Bild aus der Geschichte von Königshäusern wählt: "Wir sind die illegitimen Sprösslinge, die Bastarde der westlichen Welt, die von ihrem Vater nie anerkannt wurden. Wir profitieren zwar von den Vorzügen des Westens, aber unser Verhältnis ist entfremdet, genauso wie bei Schwulen oder Frauen."

Jafa studierte Architektur in Washington, aber seine Leidenschaft gehörte dem Kino. Er arbeitete als Kameramann für Stanley Kubrick und Spike Lee und drehte Musikvideos für  Beyoncé und ihre Schwester Solange. Arbeiten von denen Jafa heute nichts mehr wissen will. "Ich war nicht der Autor, sondern der Angestellte, so wie ein Jazz Musiker in einer Stadt, in der es nur eine Polka-Kapelle zum Spielen gibt."

Videostill / video still ARTHUR JAFA APEX, 2013 Video, 8’12’’, Farbe, Ton / video, 8’12’’,color, sound Courtesy of the artist and Gavin Brown ́s Enterprise, New York City, Rome (Arthur Jafa / Julia Stoschek Foundation)Videostill aus "Apex" (2013) von Arthur Jafa (Arthur Jafa / Julia Stoschek Foundation)

Von seinen Videos für Beyoncé will er nichts mehr wissen

Die einzige Ausnahme ist vielleicht die Zusammenarbeit mit seiner damaligen Frau Julie Dash in "Daughters of the dust", dem ersten von einer afro-amerikanischen Regisseurin produzierten Spielfilm für den Mainstream-Markt über das Schicksal einer schwarzen Familie. Das war 1991. Bis zur ersten Solo-Show des Künstlers Arthur Jafa sollte es noch 16 Jahre dauern. Die Ausstellung in der renommierten Serpentine-Gallery in London machte den 50-Jährigen schlagartig bekannt. 

Ein paar der Videoarbeiten sind jetzt in Berlin zu sehen. Endlos-Schleifen unzähliger Clips, Video-Spiel-Sequenzen, Youtube-Filme, Ausschnitte aus Musiksendungen mit tanzenden Schwarzen aus den 70ern  oder Spielszenen, die an eine Doku-Soap erinnern. Der Soundtrack kommt über Kopfhörer. "Das ist wie ein DJ-Mix, Ich mach das so wie Duchamp, der ein Urinal in einer Galerie ausstellte." Es sind Szenen einer Welt ohne Weiße. "Hier werden Geschichten von ganz normalen Menschen erzählt, die zufällig schwarz sind. Und ich kenne eine Menge Leute, für die das radikal auseinander fällt."

Eine Welt ohne Weiße

Noch immer, auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Aufhebung der Rassentrennung in den USA. Auf einen Begriff kommt Arthur Jafa während des Interviews immer wieder  zu sprechen: "Blackness". Was meint er damit? "Ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Gesetz und Ordnung. Zusammen zu kommen und sich Freiheit vorzustellen, bedeutete für Schwarze, das Gesetz zu brechen, sich gemeinsam zum Diebstahl zu verschwören."

Um der weißen Mehrheit die vorenthaltenen Rechte zu entreißen. Man kann Arthur Jafas Kunst als überwältigendes Feuerwerk von Musik und Bildern erleben. Das große "Nein" dahinter allerdings sehen nur die, die selbst schon die Erfahrung gemacht haben, was es bedeutet Schwarz in einer weißen Welt zu sein. Sei es als schwuler Junge auf dem Land aufzuwachsen, als Obdachloser auf der Straße zu leben, oder als Frau männlichen Übergriffen ausgesetzt zu sein. Arthur Jafas Kunst geht alle an.

Die Ausstellung mit Werken von Arthur Jafa ist bis Ende November in der Julia Stoschek Collection Berlin zu sehen.

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