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Buchkritik | Beitrag vom 22.04.2021

Arnold Stadler: "Am siebten Tag flog ich zurück"Wenn der Berg ruft

Von Ursula März

Arnold Stadler: "Am siebten Tag flog ich zurück" (Deutschlandradio / S. Fischer)
Arnold Stadler: "Am siebten Tag flog ich zurück" (Deutschlandradio / S. Fischer)

Der Kilimandscharo als Sehnsuchtsort der Kindheit: Jahrzehnte später bekommt der Icherzählers in Arnold Stalders neuem Roman die Gelegenheit, nach Tansania zu reisen. Aber "Am siebten Tag flog ich zurück" ist keine konventionelle Reiseerzählung.

Röhrende Hirsche oder Maria mit dem Kind – so stellt man sich Bilder an den Wänden bäuerlicher Wohnstuben vor. Im Elternhaus des Icherzählers von Arnold Stadlers neuem Roman hing ein Bild des Kilimandscharo über dem Esstisch. Der höchste Berg Afrikas wurde zum Sehnsuchtsort des Jungen und späteren Schriftstellers, der mit dem 1954 geborenen Stadler mehr oder weniger identisch ist.

Jahrzehnte später hat er Gelegenheit, den Kilimandscharo in Tansania mit eigenen Augen zu sehen. Eine deutsche Wochenzeitung beauftragt ihn, sich ein Reiseziel seiner Wahl auszusuchen und darüber zu schreiben. Der Roman, der daraus nun entstand, ist alles andere denn eine konventionelle Reisegeschichte, eher deren Parodie in der von Stadler gewohnten Mischung aus schwarzem Humor und beißender Fortschrittskritik, verfasst in einem assoziativen Plauderton.

Frei flottierende Bewegung des Textes

Der Icherzähler selbst hat wenig von einem abenteuerlustigen Touristen an sich. Von ökologischer Flugscham abgesehen plagt ihn Flugangst, statt Bergsteigerausrüstung hat er Lackschuhe und Frack im Gepäck, weil er nach der Rückkehr vom Kilimandscharo sofort zu einem Festakt in Bremen muss.

Ohnehin weiß er natürlich, dass Reisen im Kopf die schönsten sind: "Doch nun war ich unterwegs zum Kilimandscharo. Es war am Morgen des Tages der Heiligen Drei Könige."

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Es ist, wie in allen Romanen Stadlers, eine von zahlreichen christlichen Referenzen. Sowohl der Titel "Am siebten Tag flog ich zurück" als auch die Form des Romans sind der Schöpfungsgeschichte entlehnt. Jedem der sechs Reisetage ist ein Kapitel gewidmet, ihnen voran geht ein langes Präludium.

Dabei steht das reglementierte Besichtigungsprogramm, das den Icherzähler erwartet, in schönem Kontrast zur frei flottierenden, sprunghaften Bewegung des Textes. Die deutsche Kolonialgeschichte mischt sich mit anderen historischen Epochen und Ereignissen, diese sich mit Kindheitserinnerungen an das süddeutsche Dorf, in dem der Kilimandscharo-Reisende aufgewachsen ist. Zwischen dem einen und dem anderen - dem Vietnamkrieg, der aktuellen Welternährungskonferenz und dem Geruch des frischen Teers auf den Straßen Tansanias - liegt oft nur ein Satzzeichen.

Komödiantische Selbstironie

An jedem der sechs Tage nimmt der reisende Schriftsteller in einem anderen komfortablen Resort Quartier und liegt dort abends erschöpft am Pool, häufig ohne das gesehen zu haben, was er eigentlich sehen wollte. Sein Fahrer Freddy erkennt schnell, dass es dem deutschen Schriftsteller an touristischer Autorität mangelt, und fährt, wohin er will. Die Gelegenheit, den Kilimandscharo aus dem Blickwinkel zu sehen, den er vom Bild über dem Esstisch in Erinnerung hat, ergibt sich am Ende fast zufällig.

An komödiantischer Selbstironie fehlt es dem Roman nicht, sie ist eine seiner Stärken. Allerdings geht sein leichtfüßiges Parlando gelegentlich in den Erzählton eines etwas ausufernden Palavers über.

Arnold Stadler: "Am siebten Tag flog ich zurück", Roman
S. Fischer, Frankfurt/Main 2021
240 Seiten, 23 Euro

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