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Reportage / Archiv | Beitrag vom 11.12.2013

ArmutEin Ghetto in bester Lage

Wie bulgarische Roma in einem Berliner Abrisshaus leben

Von Svenja Pelzel

Eine Gruppe Roma-Frauen passiert den Alexanderplatz. (Foto: Laura Mar Rosello/dpa )
Oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt: Roma in Berlin. (Foto: Laura Mar Rosello/dpa )

Slums gibt es nicht nur in Brasilien oder Indien. Mitten in Berlin wohnen bis zu 50 bulgarische Roma in der Ruine einer ehemaligen Eisfabrik. Sie leben ohne Wasseranschluss, haben keine Heizung und keinen Strom.

"Keine Problem, alles normal, ja bitte. Viele Leute schlafen, diese keine Problem. Hier, hier!"

Wie ein Türsteher hat sich Mitko an diesem Nachmittag am Eingang der ehemaligen Eisfabrik aufgebaut. Nur dass es hier keine Tür gibt zwischen den graffitibeschmierten Wände aus bröselnden Backsteinen. Einige junge Touristinnen gehen achtlos vorbei und verschwinden in die Dunkelheit der Ruine. Mitko läuft hinterher und bietet ihnen seine Taschenlampe an.

"Später zurück ja. No, no, nein? Ja. Danke."

Mitko rechnet mit einer kleinen Spende, wenn die jungen Frauen zurückkommen und in keines der Löcher im Boden gefallen sind. Ein willkommenes Zubrot. Alle paar Minuten gehen irgendwelche Touristen und Jugendliche an Mitko vorbei, würdigen ihn und die anderen herumstehenden Männer kaum eines Blickes. Die Ruine der ehemaligen Eisfabrik gilt als coole, Berlin-typische Location zum Partymachen. Unten die Bulgaren, oben die Party-Touristen. Mitko haut jeden um ein bisschen Geld an.

"Ich zeige den Touristen, wie die auf dem Dach gehen und einige machen hier Graffiti, malen was und die geben mir ein Euro oder zwei Euro oder 50 Cent. Und mit Flaschensammeln auch verdiene ich mein Geld."

Seit zwei Jahren lebt Mitko in der Ruine gemeinsam mit 30 anderen Männer und Frauen aus Bulgarien. Sein Deutsch reicht für die Touristen, für eine richtige Unterhaltung braucht er eine Dolmetscherin. Mitko ist 39, bulgarischer Roma, sieht mit seinem wettergegerbten Gesicht, den schlechten Zähnen und müden Augen aber wesentlich älter aus.

Als sein Kumpel Alidin vorbei kommt, gehen die beiden Männer zum Aufwärmen hoch. Hier, im zweiten Stock stehen in den düsteren Ecken der zugigen Halle zwei niedrige Hütten - wenige Quadratmeter große Häuschen aus Pappe, Sperrholz, Brettern, Decken, Folien und alten Matratzen. Etwa 15 dieser Hütten gibt es in der Ruine, ein Slum mitten in der Großstadt.

In seiner Hütte zündet Mitko einen Gasbrenner an. Licht liefern drei Kerzen auf einem niedrigen Beistelltisch vor einem Sofa. Auf den knapp zehn Quadratmetern stehen außerdem zwei kleine Holzschränke, ein Bett, an der Wand hängt ein Spiegel, vor dem Fenster eine Spitzengardine. Wände und Tür hat Mitko mit erotischen Frauenbildern besprüht. Er hat es sich auf seine Art gemütlich gemacht. Trotzdem: wenn es nach ihm und Alidin ginge, würden sie keinen Tag länger hier bleiben.

Ratten und schlechte Luft

"Wir sind hier so ungefähr 30 Leute mit allen Frauen, und fast alle sind wir krank. Hier gibt es auch Ratten und das ist eine schlechte Luft hier. Die Touristen machen auch Schmutz, wenn sie hier kommen. Wir probieren sauber zu halten und diesen Schmutz zu sammeln, damit bei uns ordentlich aussieht."

Hütte und Hallenboden vor Mitkos Haus sind ordentlich gefegt. Aber im Untergeschoss tummeln sich zahllose kaninchengroße Ratten auf den Schutt- und Müllbergen. Sogar zwei provisorische Klos haben die Bewohner gemeinsam gebaut - einfachste Verschläge, mit blauen Plastikplanen als Sichtschutz. Alle hier sind gut im Improvisieren, trotzdem fehlt es ihnen am Nötigsten.

"Ist doch Scheiße. Keine Doktori, keine Tabletti ..."

"Ich muss für Duschen einen Euro ausgeben. Wir haben kein Bad und zum Wäsche waschen muss ich fünf Euro geben, damit ich nicht schmutzig gehe. Die Leute können uns nicht so sehen, dass wir mit dreckigen Sachen gehen. Es ist nicht zivilisiert, deswegen gehe ich da waschen. Wir sind nicht gewöhnt, so zu leben."

Eigentlich, so erzählt Mitko, sucht er Arbeit als Bauarbeiter. Vom deutschen Staat will er nur eines: eine andere Wohnung.

"Ich kann nicht verstehen, wie man die anderen Leuten auch helfen kann, die nicht Europäer sind und für uns Bulgaren kümmert sich keiner. Und für andere Nationen sammelt man Geld, und die haben bessere Bedingungen als wir."

Lieber in der Ruine als unter der Brücke

Weil das Gas im Ofen zu Ende ist, gehen Mitko und Alidin in die Nachbarhütte. Drei Männer und eine Frau sitzen dort vor einem selbst gemauerten Ofen, der im Moment ausnahmsweise nicht rußt. Sie rauchen und hören Musik mit einem batteriebetriebenen Radio. Einer von ihnen ist Georgi. Auch er sieht älter aus als seine 45 Jahre, trotz der schwarzen Schminke um die Augen. Georgi lebt seit 20 Jahren in Deutschland, hat lange als Transvestit auf dem Strich gearbeitet. Jetzt ist er dafür zu alt, sagt er und lacht trocken. Auch seine derzeitige Wohnsituation nimmt Georgi mit Humor.

"Das ist unsere Küche, Essecke. Ab und zu wir benutzen diese Ecke da als Wohnzimmer. Dreizimmerwohnung in 12 Quadratmeter. "

Georgi bekommt als einer der wenigen hier Harz IV, eine ordentliche Wohnung findet er trotzdem nicht.

"Ich suche eine Wohnung. Ich habe fast wie ein richtig deutscher Bürger alle Unterlagen. Aber trotzdem, ich weiß nicht. Aber ich glaube, das ist ein bisschen Diskriminierung für mich. Wenn sie gucken du bist eine Ausländer, dazu noch homosexuell oder was weiß ich. Also die lachen."

Georgi und die anderen wissen, dass das Bezirksamt Mitte die Ruine räumen lassen möchte. Die Verwaltung hat den Eigentümer aufgefordert, die unteren beiden Stockwerke sogar zuzumauern. Doch der Besitzer klagt dagegen, will nicht verantwortlich sein, dass die Bewohner endgültig obdachlos werden. Zum Glück für Mitko, Georgi und die anderen, denn die Alternative zu ihrem Berliner Slum kennen hier alle:

"Lieber hier ein bisschen warm im Winter als unter der Brücke."

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