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Sein und Streit | Beitrag vom 29.05.2016

Aristoteles heute - ein Aktualitäts-TestAlte Geistesfrüchte in der modernen Problemküche

Von Arno Orzessek

Eine Büste des antiken Philosophen Aristoteles vor dem Rathaus der Hauptstadt Chalkida auf der griechischen Insel Euböa (Evia / Griechenland). (imago/ANE Edition)
Wie aktuell ist Aristoteles wirklich? Ein Test mit Bezug auf Jan Böhmermanns Schmähgedicht, Angela Merkels Flüchtlingspolitik - und den Katholikentag. (imago/ANE Edition)

Der griechische Philosoph Aristoteles wird heute noch verehrt. Deswegen macht Arno Orzessek einen Praxistest, anhand von AfD, Böhmermann und Katholikentag. Und kommt zum Schluss, dass der Philosoph Mensch und Tier gleichzeitig wäre. Oder nicht?

Wenn von der Aktualität seit Jahrtausenden toter Philosophen die Rede ist, wird es meistens kompliziert - also interessant, aber anstrengend. Denn um die alten, mit den Säften ihrer Epoche vollgesogenen Geistesfrüchte für die moderne Problemküche nutzbar zu machen, muss man sie sorgfältig präparieren.

Am beschwingtesten geht das oft mit Einsichten zu Ethik und Lebenskunst... wie die Kritik der Causa Böhmermann-Erdogan aus dem Geist Aristoteles' zeigt. Zweifellos hätte in Platons Akademie, in der Aristoteles Denken lernte, Böhmermanns pennälerhaftes Schmähgedicht peinlich gewirkt. Grelles Lachen über grobe Witze - von wegen "Fellatio mit hundert Schafen" - war unter Platon verpönt. Man achtete streng auf Niveau und hätte, Kabelanschluss vorausgesetzt, geifernde TV-Satire gewiss abgeschaltet.

Später, in der Nikomachischen Ethik, hat sich Aristoteles lockerer gemacht. Den Mangel an Scherz nannte er "Steifheit", zu viel davon "Possenreiterei". Für ihn lag die semi-witzige "Artigkeit" in der Mitte - die er in seiner Mesotes-Lehre nicht die goldene nannte, aber als solche wertschätzte.

Böhmermann wäre in diesem Sinne zu sagen: Mäßigung ist die Mitte - Du aber hast Dein Gedicht aus Stumpfsinn und Zuchtlosigkeit gemixt, den von Aristoteles verworfenen Polen beiderseits der Mäßigung! Und Erdogans Bescheid würde lauten: Freundlichkeit ist die Mitte! Sie aber, Efendi, kultivieren immerzu Streitsucht oder Gefallsucht - jene Extreme, die Aristoteles verabscheut.

Aristoteles hätte Flüchtlinge vermutlich als Sklaven-Nachschub gesehen

Die unsokratische Ironie dabei: Könnte man Böhmermann und Erdogan tatsächlich zur Mitte-Tugend à la Aristoteles verpflichten, käme das für beide einem Berufsverbot gleich. Angela Merkel wäre damit einiger Sorgen ledig, aber noch nicht raus aus dem aristotelischen Schneider.

Ihr "humanitärer Imperativ", mit dem sie letztes Jahr die Grenzöffnung begründete, ist der Zwillingsbruder von Kants "kategorischem Imperativ" - und Kant ist der Hohepriester der Pflichtethik. Beim Türkei-Deal wiederum hat Merkel Nützlichkeits-Ethik walten lassen... Noch ein paar Flüchtlinge ins AfD-anfällige Land reinlassen, die meisten jedoch raushalten.

Aristoteles' höchste Prinzipien waren weder Pflicht noch Nutzen. Der Tugendethiker bevorzugte neben Verstandestugenden wie Klugheit auch Charaktertugenden wie Freigiebigkeit, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, solche Werte. Hätte Merkel zur intellektuellen Behübschung ihrer vergangenen Willkommens-Kultur also besser auf Aristoteles als auf Kant gesetzt? Vorsicht! Aristoteles, der als Zugereister in Athen selbst kein Bürgerrecht besaß, war ziemlich elitär. Seinerzeit hätte er Migranten-Strömen von weither vermutlich als Sklaven-Nachschub gesehen.

Den katholischen Gott würde Aristoteles nicht anbeten

Und noch ein Aktualitäts-Test: Schicken wir Aristoteles auf den Katholikentag in Leipzig! Die Katholiken lobpreisen dort ihren Gott - ausgerechnet in der Stadt der Agnostikern, Atheisten und Ist-mir-doch-Egals. Preisfrage: Auf welcher Seite stünde Aristoteles?

Ohne dem Veto von Papst Franziskus vorzugreifen, darf man tippen: Den katholischen Gott würde Aristoteles nicht anbeten. Sein "unbewegter Beweger", dieser transkosmische Alles-erst-Ermöglicher aus der Schrift ta metá ta physiká, ist eins drüber oder drunter... Eine systematische Notwendigkeit der Seins-Logik, aber kein Objekt von Glaube, Dogmen und Rosenkränzen.

Indessen würde Aristoteles christlichen Neoliberalismus-Kritikern auf die Schultern klopfen. Wirtschaft ohne Sittlichkeit - er fand's übel. Unsere kaltherzige Business-Marionette namens homo oeconomicus hätte ihn angeekelt.

Logisch gedacht: Ist Aristoteles nun Mensch oder Fuchs?

Vielleicht würde der Lehrer in Aristoteles wissen wollen, was heutzutage aus seiner Lehre von den logischen Schlüssen geworden ist, der Syllogistik. Wahrscheinlich müsste er erklären: Also, das ist dieses Dreier-Ding. 'Aristoteles ist ein Grieche; alle Griechen sind Menschen; also ist Aristoteles ein Mensch.'

Klingt ewig unbestreitbar, oder? Doch vielleicht würde ihm ein Sophist entgegnen: Aristoteles ist ein Schlaufuchs; alle Füchse sind Tiere; also ist Aristoteles ein Tier. Nun denn...

Aristoteles meinte: "Das Staunen war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens." Und wenn man erst ins Philosophieren kommt, bekommt man auch heraus, warum der große Philosoph, wie vorgeführt, zugleich ein Mensch und ein Tier sein kann...

Obwohl das Aristoteles' Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch eklatant widerspricht.

 

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