Seit 23:05 Uhr Fazit

Montag, 25.05.2020
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Zeitfragen | Beitrag vom 13.03.2020

Aris Fioretos über seinen neuen Roman "Nelly B.s Herz"Kohlensäure im Blut

Moderation: Dorothea Westphal

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das Bild zeigt das Cover des neuen Buchs von Aris Fioretos. Es heißt "Nelly B.s Herz". (Hanser Verlag / Deutschlandradio)
Aris Fioretos erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Flugpionierin in Berlin. (Hanser Verlag / Deutschlandradio)

Das Herz steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Aris Fioretos - das kranke und das verliebte Herz von Nelly B., die der ersten deutschen Pilotin Mellie Beese nachempfunden ist.

Nelly B.s Herz ist krank, so dass das Blut immer schlechter mit Sauerstoff versorgt wird - für die erste Pilotin Deutschlands eine Katastrophe, denn der Arzt empfiehlt ihr: "Bleib auf der Erde, Nelly, sonst fällst du früher oder später vom Himmel." In Aufruhr aber gerät Nellys krankes Herz, als sie sich in die 14 Jahre jüngere  Irma Maak verliebt.

Nelly B. ist, wie Aris Fioretos in seiner Nachbemerkung zu seinem neuen Roman erläutert, in einigen Punkten der ersten deutschen Pilotin Mellie Beese nachempfunden. "Eine solche Frau darf in der Literatur nicht unerwähnt bleiben," fand er.

Historische Fakten bilden die Grundlage des Buches, alles andere aber, so Fioretos im Nachwort, sei eine "literarische Phantasie". Was reizte ihn daran, die Leerstellen dieses Lebens literarisch zu füllen?

"Ich glaube, Literatur ist nicht zuletzt Einfühlungsvermögen. Dazu kommt auch eine gewisse Abneigung gegen den historischen Roman. Ich finde, man tritt als Autor viel zu oft als Trittbrettfahrer eines bereits gelebten Lebens auf."

Fioretos entschied sich deshalb dafür, die letzten zwei Jahre des Lebens von Mellie Beese in den Mittelpunkt seines Romans zu stellen - zwischen 1923, als sie sich von ihrem Mann trennte und 1925, als sie starb.

Zucker im Tank und alte Zündkerzen

Über das Leben von Beese in dieser Zeit weiß man wenig. Wo der Roman allerdings mit ihrem Leben tatsächlich übereinstimmt, sind einige Lebensstationen davor: Auch Nelly geht zunächst nach Stockholm, um Bildhauerin zu werden, studiert danach Flugzeugtechnik in Dresden und erlernt das Fliegen – gegen heftige Widerstände der Kollegen und bis hin zu Sabotage: Man kippte ihr Zucker in den Tank oder ersetzte die Zündkerzen durch gebrauchte.

Mit ihrem französischen Mann leitet sie später bis zum Ersten Weltkrieg eine Flugschule in Johannisthal bei Berlin, damals einer der beiden Flugplätze in Deutschland für Motorflugzeuge.

"Ich glaube, das Buch pendelt zwischen diesen beiden Polen: das Herz als Emotionsapparat und auf der anderen Seite als physisches Organ." Der Roman, so sagt Fioretos, sei wie ein so genanntes Pulsprotokoll geschrieben, das der Arzt der kranken Nelly zu führen verordnet hat.

Gleichermaßen ist er auch ein Protokoll ihrer Verliebtheit – ein Zustand, der nicht von Dauer ist und "wo jedes Kilo nur 600 Gramm wiegt".

Die Erfahrungen des Fliegens und des Verliebtseins gleichen sich: Beides fühlt sich an wie ein Rausch, wie Kohlensäure im Blut. Es gibt Höhenflüge und Abstürze, die Nelly auch unter dem Einfluss von Drogen erfährt:

"In allen Fällen geht es ja um ein Hinaustreten aus einer zu eng gefassten Vorstellung des eigenen Ichs. Und das Verliebtsein ist ja auch das Erlebnis, das ich nicht aufhöre bei meiner Haut."

Funken der Zukunft in der Vergangenheit

Zwei Romane hat der schwedische Autor Aris Fioretos bereits geschrieben, die im Berlin der 20er-Jahre spielen: sein erster Roman "Die Seelensucherin" und der Roman "Die Wahrheit über Sascha Knisch", der 2003 auf Deutsch erschien. "Nelly B’s Herz" bildet also den Abschluss einer Berlin-Trilogie:

"Ich wollte diese Zeit schildern, wo man allmählich eine neue Auffassung des Menschen bekam. Man sprach ja zu dieser Zeit auch vom neuen Menschen und das war in gewisser Weise auch in medizinischen Errungenschaften begründet."

Die Idee vor 25 Jahren war demzufolge, ein Buch über ein Organ zu schreiben. Im ersten Buch ging es um das Gehirn, im zweiten ums Geschlecht, genauer gesagt, die Hoden, und im dritten Teil um das Herz:

"Ich wollte schildern, wie die Menschen damals die Welt wahrnahmen mithilfe dieser sehr symbolisch aufgeladenen Organe."

Für den historischen Hintergrund, die Weimarer Zeit, hat Fioretos sorgfältig recherchiert:

"Ich mag diese Zeit und gerade das, was nicht golden an ihr ist, das alltägliche Leben. Ich bin hartgesotten genug, um zu meinen, dass Literatur sich nur dann Abweichungen von der Wirklichkeit erlauben sollte, wenn es einen ästhetischen Zweck hat."

Die Nazizeit deutete sich bereits an, aber es war vor allem eine Zeit der Auf- und Umbrüche, in der vieles möglich schien, gerade auch für die Frauen, die aus dem Umland nach Berlin kamen, um endlich halbwegs selbstbestimmt leben zu können.

Aus der weiblichen Perspektive schreiben

Wie in seinem letzten Roman "Mary" schreibt Fioretos auch hier aus der Ich-Perspektive einer Frau. Er gehöre nicht in die Kategorie der Autoren, die über Selbsterlebtes schreiben, sagt er. sondern zu denen, die über Fremderfahrung schreiben: in "Mary" über eine schwangere Frau, in "Nelly B.s Herz" über eine Frau, die sich in eine Frau verliebt.

"Daraus spricht auch ein Glaube, dass die Literatur sich Themen und Sujets aussuchen darf, worüber der Autor keine Erfahrung gemacht hat. Denn das bedeutet, dass der Autor fähig ist zu Empathie. Ob es dann gelingt, steht auf einem anderen Blatt, aber prinzipiell sollte es gestattet sein."

(DW)

Mehr zum Thema

Aris Fioretos: "Nelly B.s Herz" - Vom Fliegen und Lieben
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 14.02.2020)

Aris Fioretos: "Mary" - Universelle Prinzipien der Gewalt
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 15.09.2016)

Schriftsteller Aris Fioretos - Kulturelle Differenz als Geschenk
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 23.09.2015)

Zeitfragen

Die Welt und das CoronavirusKeine Normalität, nirgends
Das Baseball Stadion Tokyo Dome vor dem zwei Menschen mit Mundschutz laufen.  (imago / Kyodo News)

Japan, Italien, Österreich: In der Coronakrise versuchen inzwischen viele Länder den schrittweisen Exit aus dem Corona-Shutdown. Doch nach der anfänglichen Freude wird vielen Menschen klar: Bis zur Rückkehr in die Normalität ist es noch ein weiter Weg.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur