Ariana Grande
Ariana Grande ist offensichtlich sehr dünn – ob dies mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen einhergeht, können auch Millionen Ferndiagnosen nicht klären. © picture alliance / AP / Richard Shotwell / Invision
Flucht vor dem Bewertungsdruck

Die Sängerin Ariana Grande hat angekündigt, sich vorerst aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen – Kommentare über ihren Körper haben ihr zugesetzt. Warum findet das Urteilen über fremde Körper kein Ende?
In ihrem neuen Video zu dem Song "petal" singt Ariana Grande vor einer Jury aus alten weißen Männern, die herablassend mit der Sängerin sprechen und sie für nicht gut genug befinden. Grande reagiert in dem Kurzfilm eindrücklich auf die Demütigungen: Sie zerlegt die vier Jurymitglieder kurzerhand mit einer Kettensäge und wird hernach dafür von anderen jungen Frauen im Vorzimmer des Castings gefeiert.
Aufmerksamkeit für den Körper des Popstars
Das Video könnte nun wegen des überaus blutigen Kettensägenmassakers im Gespräch sein – ist es aber nicht. Die Aufmerksamkeit des Publikums richtet sich vielmehr auf den Körper des Popstars, denn Grande trägt in dem Video Kleider, die Haut freilassen und zeigen, wie die Knochen ihres Brustkorbs im Dekolleté hervortreten. Die Sängerin ist offensichtlich derzeit extrem dünn – was eine Welle an Kommentaren in den sozialen Medien auslöste.
Das Geraune über Grandes Körper ist nicht neu. Bereits 2023 hatte sie sich gegen Urteile über ihren Körper in einem TikTok-Video gewandt. Doch ihr Appell war umsonst. Nun hat sie angekündigt, sich nach ihrer aktuellen Tour eine Auszeit zu nehmen und sich aus der Öffentlichkeit vorerst zurückzuziehen.
Auch wenn in vielen Kommentaren vor allem Besorgnis über Grandes Gesundheitszustand durchscheint, zeigt der Fall doch erneut exemplarisch, wie in der Öffentlichkeit über weibliche Körper gesprochen und geurteilt wird.
Nicht jeder Kommentar überschreitet Grenzen
Muss sich Grande überhaupt gefallen lassen, dass ihr Körper öffentlich verhandelt wird? Ist jeder Kommentar schon eine Grenzüberschreitung? Der Kulturjournalist Tobi Müller meint: nein. Wer sich in die Öffentlichkeit begebe, müsse auch damit umgehen können, dass das Narrativ über einen selbst verändert werde, sagt er: „Davon handelt Pop, dass das Bild rausgeht und dass es irgendwie anders zurückkommt.“ Das sei kein Freifahrtschein für abwertende Kommentare. Doch dass man den Körper problematisiere, der schon sehr lange im Werk von Grande eine Rolle spiele, sei legitim.
Dennoch bleibt die schiere Wucht der sozialen Medien, die Masse an Kommentaren, die einem Popstar wie Grande auch dann psychisch zusetzen können, wenn sie tatsächlich nur gut gemeint sind und Sorge ausdrücken. Die Autorin Annabelle Hirsch spricht von einem "Lärmraum" – und Lärm sei in einer Situation, in der man Probleme habe, nie gut.
Allerdings ist unklar, ob Grande überhaupt Probleme hat. Sie ist offensichtlich sehr dünn – ob dies mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen einhergeht, können auch Millionen Ferndiagnosen nicht klären.
Sicher ist hingegen: Die Debatte über Grande fällt in eine Zeit, in der sehr schlanke Körper wieder stärker präsent sind – in den sozialen Netzwerken, auf Laufstegen und in der Promiwelt. Neu ist dieses Schönheitsideal nicht: Bereits in den 1990er-Jahren wurde der extrem schlanke Look unter dem Begriff "Heroin Chic" bekannt.
Body Positivity und mehr Diversität
In den 2010er-Jahren sorgten dann Body Positivity und mehr Diversität dafür, dass unterschiedliche Körpern sichtbarer wurden. Doch von einem vollständigen Bruch mit früheren Schönheitsidealen konnte auch in dieser Zeit keine Rede sein. Zuletzt waren unter dem Schlagwort "SkinnyTok" bis zum Sommer 2025 TikTok-Videos über das Zählen von Kalorien, winzige Mahlzeiten oder schnellen Gewichtsverlust populär. Inzwischen hat TikTok den Hashtag gesperrt, die entsprechenden Inhalte selbst aber nicht verbannen können. Die Inhalte kursieren unter anderen Begriffen oder in ähnlicher Form weiter.
Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner zieht eine ernüchternde Bilanz: Beim Körperbild schwinge das Pendel momentan zurück, „zu einem wahnsinnig dünnen, weißen, jugendlichen, makellosen Ideal". Systemisch betrachtet sieht Lechner Profitinteressen und das Patriarchat als Treiber.
Auf der einen Seite habe die Schönheitsindustrie ein riesiges Interesse daran, „mit immer neuen Unsicherheiten immer neue Produkte zu verkaufen“, sagt sie. Auf der anderen Seite werde über unerreichbare Ansprüche an den Körper immer auch Kontrolle und Macht ausgeübt. Wer nur damit beschäftigt sei, den eigenen Körper zu optimieren, um anerkannt zu werden und partizipieren zu dürfen, verliere jede Menge Energie, Zeit und Ressourcen, die dann anderswo nicht mehr zur Verfügung stünden.
Ein symbolischer endloser Kampf
Den endlosen Kampf dagegen tragen gerade Popstars auch symbolisch für ihr Publikum aus. Grande stand schon als Teenager im Rampenlicht, ihr Leben wird seither jeden Tag öffentlich kommentiert und beurteilt. Eine Aufmerksamkeit, die bei aller Hingabe der Fans ohne Zweifel auch toxische Seiten hat. Nichts bereite einen auf die Nebenwirkungen von Ruhm vor, sagte Grande 2025 der "New York Times": „Ich glaube, es hat mir viel Freude daran genommen."
Nun wehrt sie sich mit einer Pause. Und der Kettensäge.
Onlinetext: Asmus Heß / Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen



















