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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 28.03.2007

ARD-Dopingexperte: Vorwürfe gegen deutsche Schwimmer nicht gerechtfertigt

Moderation: Maike Albath

Start der 100-Meter-Rücken der Damen bei der Schwimm-WM im australischen Melbourne (AP)
Start der 100-Meter-Rücken der Damen bei der Schwimm-WM im australischen Melbourne (AP)

Der Sportjournalist Hajo Seppelt hat Dopingvorwürfe gegen das deutsche Team bei der Schwimm-Weltmeisterschaft in Melbourne zurückgewiesen. Schon 1998 habe es eine "Art Hexenjagd" gegeben, sagte er. Dies setze sich jetzt fort.

Albath: Bei mir im Studio ist jetzt der Dopingexperte der ARD, Hajo Seppelt. Herr Seppelt, es hieß in der "FAZ" vor ein paar Tagen, dass die deutschen Sportler auf der Anklagebank sitzen und ohnmächtig verfolgen müssten, wie über sie Gericht gehalten wird, denn jemand wie Perkins, ein Langstreckenstar in Australien, äußerte mehrfach jetzt schon den Verdacht, dass gerade Britta Steffen gedopt sei. Was ist dran an diesen Vorwürfen und wie kommt es überhaupt zu diesen Gerüchten?

Seppelt: Also erst mal ist da gar nichts dran, weil es gibt null Beweise, dass Britta Steffen manipuliert worden ist, entweder selbst gedopt hat oder durch andere gedopt worden ist. Das muss man erst mal festhalten. Das Zweite ist: Wir müssen wissen, dass Australien ganz, ganz weit weg ist. Und was in Australien schon bei den letzten Weltmeisterschaften auf diesem Kontinent 1998 passiert ist, als es nämlich eine wahre Hexenjagd gegen die Deutschen gegeben hatte deshalb, weil damals noch die DDR-Vergangenheit eine ganz massive Rolle spielte. Es ging um die Prozesse gegen Trainer aus der DDR wegen Minderjährigendopings, und auch da gab es nach meinem Eindruck jedenfalls einige sehr ungerechte Vorverurteilungen gegen deutsche Athleten, vor allem damals gegen deutsche Trainer. Das setzt sich jetzt so ein bisschen fort und hat damit, glaube ich schon, schon ganz banal zu tun, dass Australien tatsächlich eben so weit weg ist, dass sich dort so eine Melange bildet zwischen Informationen, die man aus Deutschland aus jüngster Zeit erhalten hat, beispielsweise dass Trainingskontrollen im Doping-Kontrollsystem nicht richtig funktioniert haben, dann noch ehemalige Trainer aus der DDR immer noch am Beckenrand stehen und dann tatsächlich eine sehr ungewöhnliche, sehr, sehr ungewöhnliche Leistungssteigerung von Britta Steffen, die man natürlich auch mit Doping erklären könnte. Aber es gibt wirklich keinen Anhaltspunkt derzeit dafür.

Albath: Die Sportlerin war ja ausgestiegen und hatte dann sehr gute Zeiten erreicht bei der EM im letzten Jahr in Budapest. Und daraufhin hatte man schon darüber spekuliert, ob da irgendetwas anderes im Spiel sei. Aber was tut denn jetzt der Schwimmverband und was tun die Sportler, um diesen Gerüchten entgegenzutreten? Man hatte ja auch Kokainreste in einem Hotel gefunden kurz vor Beginn der WM. Das ist ja eine große Hysterie, die sich da offensichtlich auch breitmacht, obwohl natürlich andere Sportler aus anderen Ländern genauso gut in Verdacht geraten könnten.

Seppelt: Erst mal dieses, und zweitens muss man natürlich auch ganz deutlich hervorheben, dass Kokain ganz gewiss nicht der Grund dafür sein könnte, dass Britta Steffen sich innerhalb von einem oder zwei Jahren so deutlich gesteigert hat. Das ist ja schon wirklich frappierend gewesen, was wir da erlebt haben. Der Schwimmverband hat nach meinem Eindruck in der letzten Zeit eine öffentlichkeitswirksame, könnte man fast sagen, PR-Aktion inszeniert, und das ist auch gut so, in die Offensive zu gehen, sagen, dass man beispielsweise Blutkontrollen oder Blutprofile über einen längeren Zeitraum dann anlegt, so dass die Dopingkontrolleure, die Dopinganalytiker dann auch quasi über das Jahr über genau feststellen können, ob es irgendwelche ungewöhnlichen Verschiebungen in den Blutwerten beispielsweise gibt. Das ist das eine, das ist auch gut so, das zu sagen. Andererseits muss man den Schwimmverband auch deutlich dafür kritisieren, dass er nur dann immer reagiert, wenn es genau solche Verurteilungen oder Vorverurteilungen, Vorwürfe gibt gegen Athleten, und wenn dann mal wieder nichts passiert, dann passiert bei denen auch nichts. Das sieht man allein daran, dass im Jahre 1998 bereits schon mal in erheblichem Maße nicht nur in Australien, sondern auch im deutschen Schwimmsport an sich darüber diskutiert worden ist, was man tun könne. Damals hat es geheißen, dass man diese Profile, damals nannte man es "Steroidprofile", wo man davon ablesen kann, ob Anabolika möglicherweise zum Einsatz kommen, dass man die über das Jahr hinweg anlegen möchte. Wir haben inzwischen das Jahr 2007. Es ist zwischen '98 und 2007 so gut wie nichts passiert.

Albath: Also da sind einfach Versäumnisse festzustellen. Aber wie verhält es sich denn ganz generell? Ist es nicht so, dass die Arztstäbe, die ja den Sportlern zur Seite stehen, auch immer zu abgefeimteren und komplexeren Strategien greifen, um ihre Sportler einzustellen mit bestimmten Medikamenten, die dann gar nicht mehr nachgewiesen werden können? Schaukelt sich das nicht hoch? Man hat da auch den Verdacht, dass doch sowieso sehr viel Doping im Spiel ist. Oder ist das unberechtigt, ist das nur ein Eindruck, den man von außen bekommt?

Seppelt: Man muss bei der gesamten Dopingdiskussion unheimlich differenzieren. Es gibt ganz viele verschiedene Methoden, die haben unterschiedliche lange Nachweisbarkeiten, manche nur zwei Tage, manche Wochen oder Monate. Es gibt Substanzen, die wirken mehr auf den Organismus, was Muskelaufbau beispielsweise betrifft. Manche orientieren sich eher an der Psyche, das heißt, das sind dann zum Beispiel Stimulanzien, die für ein mentales Doping sorgen. Das sind alles sehr unterschiedliche Dinge, also insofern muss man da erst mal sehr stark auseinander halten. Was die Ärzte betrifft, muss man auch da differenzieren zwischen einigen Sportarten, in denen es sich Athleten leisten können, Ärzte zu beschäftigen, die nicht im offiziellen Betreuerstab drin sind, zum Beispiel im Radsport. Das wissen wir ja auch von Jan Ullrich, der mit dem Italiener Cecchini zusammengearbeitet hat. Das wissen wir auch von vielen anderen, die – wahrscheinlich auch Ullrich – mit Fuentes in Spanien paktiert haben. Das kann sich, glaube ich, ein Schwimmer so ohne Weiteres nicht leisten, weil das kostet richtig Geld, denn der Schwimmsport ist vergleichsweise eben doch noch sehr amateurhaft strukturiert. Und es kann sich sicherlich auch nicht ein Verbandsarzt des Deutschen Schwimmverbandes leisten, so zu praktizieren. Täte er das, dann würde er nicht nur den Schwimmer diskreditieren, nicht nur sich selbst in der Existenz bedrohen, sondern er würde auch den Schwimmverband ruinieren, denn es ist inzwischen glücklicherweise so, dass Verbände natürlich sehr viel stärker auch beobachtet werden, zum Beispiel vom Bundesinnenministerium, und wenn so etwas passieren würde in einem Verband, dann würde ich behaupten, dass es derzeit von der Stimmung her so wäre, dass ganz schnell die Fördermittel gekürzt werden, und das kann sich kein Verband leisten. Wir haben das vor kurzem in einer anderen Diskussion erlebt, als es um die Stasivergangenheit des Eiskunstlauftrainers Ingo Steuer gegangen ist. Als der dann publik wurde, dieser Fall, da sind zwischendurch mal die Mittel eingefroren worden, da war die Deutsche Eislaufunion für eine kurze Zeit am Rande des Konkurses.

Albath: Da gab es eine große Diskussion. Ich erinnere mich, dass auch in den Zeitungen darüber berichtet wurde und man auch darüber gesprochen hat, dass sich der moralische Druck da offensichtlich verändert hat. Das betrifft ja auch das Doping. Hängt das zusammen mit diesem Fall Jan Ullrich, dass dieser Arzt Fuentes da ins Visier geraten ist und man gesehen hat, mit was für unsauberen Praktiken gearbeitet wird? Ist es so, dass man sich jetzt insgesamt bemüht, auch den Schwimmsport sauberer zu halten und den Sport allgemein von Doping wieder stärker zu entfernen oder das stärker zu ahnden und auch die Sportler unter Druck zu setzen?

Seppelt: Der Sport ist derzeit unter einem Druck, wie es noch nie gewesen ist bisher in der Geschichte des modernen Hochleistungssports, und das ist auch ganz gut so. Man könnte sagen, das Jahr 2006 war so eine Art Break-even in der ganzen Geschichte. Man hat gewusst, so kann es nicht mehr weitergehen, die Heuchelei muss irgendwann ihre Grenze haben. Da, muss man dann am Ende auch sagen, haben solche Leute wie Jan Ullrich fast einen Verdienst, denn wenn es das nicht gegeben hätte, wenn es den Fuentes-Dopingskandal nicht gegeben hätte, wäre dieses ganze Thema mal wieder nicht so in den Fokus geraten, und davon profitieren ja die meisten, denn Doping findet halt immer hinter verschlossenen Türen statt und nicht in aller Öffentlichkeit. Und im letzten Jahr ist vieles öffentlich geworden. Das war gut so für den Sport, und deswegen habe ich schon das Gefühl, dass jetzt ein bisschen mehr passiert, wobei wir alle aufpassen müssen, vor allem wir Journalisten, wir Medien, die das Ganze viel zu unkritisch lange Zeit begleitet haben, jetzt auch wirklich den Finger in die Wunde zu legen und zu gucken, machen die denn wirklich all das, was sie uns vorgeben, oder wird es dann wieder genauso laufen, wenn wir mal wieder nicht hingucken? Das ist die spannende Frage, und insofern bin ich jetzt mal neugierig, was auch in diesem Jahr passiert, übrigens auch im Schwimmsport, ganz klar.

Albath: Bei Jan Ullrich war es so, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt hat. Sie sprechen jetzt die Medien an. Das heißt, es ist Aufgabe der Medien, da auch diesen Druck zu verstärken und genau hinzuschauen?

Seppelt: Absolut. Also ich glaube, dass die Medien eine zentrale Rolle in der ganzen Geschichte spielen. Der moderne Hochleistungssport ist abhängig von vielen Komponenten. Dazu zählt erstens der Athlet selber, zweitens sein sportpolitisches Umfeld, die Funktionäre beispielsweise, Trainer natürlich und so weiter, aber vor allem diejenigen, die das Geld geben. Das sind auf der einen Seite die Sponsoren und auf der anderen Seite sind wir es, die Medien, weil wir über die Fernsehrechte natürlich auch den Sponsoren eine Fläche präsentieren. Im Fernsehen kann man nur noch überleben, sagen viele Sportler oder Sportarten, wenn es denn mal nicht zu Fernsehübertragungszeiten kommt, dann gehen die Sponsoren von Bord und sagen, das wollen wir nicht mehr machen, weil wir werden ja nicht mehr präsentiert im Fernsehen. Und insofern haben wir das kommerzielle Druckmittel in der Hand zu sagen, wenn der Sport sich nicht selber reinigt, dann können wir quasi sagen, wir entziehen ihnen also ein bisschen die Liebe, sprich das Geld, über die Fernsehrechte, und insofern haben wir eine zentrale Rolle, übrigens natürlich auch die Printmedien, die aber dieser Verantwortung aus meiner Sicht sehr viel besser gerecht geworden sind über die letzten Jahre, wenn ich sehe, wie auch die kritische Presse, die "Süddeutsche", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", in Berlin die "Berliner Zeitung" darüber doch sehr intensiv berichtet haben.

Albath: Vielen Dank für das Gespräch!

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