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Fazit | Beitrag vom 30.12.2020

Architekturrückblick 2020Öko-GAU und Powerhouse

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Klimafreundliches Wohngebäude in Shanghai. Auf Pfeilern und Balkonen sind massenhaft Bäume gepflanzt um die Stadtluft zu verbessern. (picture alliance / dpa / HPIC / Ji Haixin )
Architektur der Zukunft: Klimafreundliches Wohngebäude des Büros Heatherwick in Shanghai. (picture alliance / dpa / HPIC / Ji Haixin )

Im Jahresrückblick beobachtet der Architekturkritiker Nikolaus Bernau in Deutschland eine mangelhafte Bereitschaft, auf die Herausforderungen des Klimawandels einzugehen. In anderen Teilen der Welt sei man da deutlich weiter.

Zumindest architektonisch habe das Coronajahr 2020, abgesehen von Spuckschutz-Einbauten und der Umgestaltung von Straßen zugunsten von Fahrradwegen, keine Spuren hinterlassen, sagt Architekturkritiker Nikolaus Bernau. Auch die Ansicht von einzelnen Architekten, dass die Vorstellung von Stadt und Wohnen neu geprägt würde, teile er nicht.

"Da bin ich sehr skeptisch, weil sowohl in Nordamerika als auch in Europa und Japan, und übrigens auch in China, ist der Seuchenschutz bereits seit dem 19. Jahrhundert fest in die Baugesetze mit integriert worden, zum Beispiel mit dem Aufbau von Wasser- und Abwasserleitungen. Ganz anders sieht das in armen Ländern aus, wo die Städte überbevölkert sind. Da wird sich mit Sicherheit noch was ändern."

Sparsamer Umgang mit Ressourcen

Das große Thema sei vielmehr der Klimawandel. Die Beschlüsse Schleswig-Holsteins, die Deiche deutlich zu erhöhen und zu verbreitern, würden beispielsweise städtebauliche und architektonische Folgen nach sich ziehen, weil ganze Landschaften davon betroffen seien.

"Wir müssen endlich anfangen, viel weniger Ressourcen zu verbrauchen. Das heißt Wasser, Energie, Material und Luft. Da ist noch ganz viel zu tun. Wenn man sich zum Beispiel das jetzt begonnene Skandalprojekt das Museum der Moderne in Berlin anguckt: Das ist ein riesiger Stahlbetonbau, der ganz tief in die Erde versenkt wird. Das ist ein riesiger Öko-GAU. Oder wenn wir uns diesen vollkommen hemmungslosen Gebrauch von Beton bei den chinesischen Hochhaus-Städten angucken oder die deutsche Baugesetzgebung, in der immer noch keine Energiebilanz gefordert wird. Das heißt, es gibt wirklich viel zu tun."

Beispielhaft seien grüne Hochhäuser, die vor allem in Ostasien und Südamerika im Kommen sind, wie das Gebäude des Londoner Architekturbüros Heatherwick in Shanghai. 

"Das hat so sechs, acht Geschosse, also aus chinesischer Perspektive eigentlich eher niedrig. Es ist eine ganz leichte Konstruktion, schon deswegen sehr energiesparend. Und dann ist auf jedem der Pfeiler und Balkons ein Baum draufgestellt worden, insgesamt sollen das tausend Bäume sein. Das bringt Luft in die Stadt."

Das Schattendasein deutscher Architektur

Begeistert zeigt sich Bernau auch vom Powerhouse des Büros Snøhetta in Norwegen, dessen Fassaden mit Solarpanels besetzt sind, wodurch das Haus mehr Energie produziere, als es verbrauche.

Deutsche Architekturbüros spielten international praktisch keine Rolle, sagt Bernau. Sie seien einfach zu klein. Auch habe der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses und das Humboldt Forum in der internationalen Architekturszene nicht für Gesprächsstoff gesorgt.

"Was selbstverständlich wahrgenommen wird, ist die Frage der Kolonialzeitaufarbeitung und darin die Rolle des Humboldt Forums als größtem neuen 'Ethnologischen Museum' der Welt. Aber über die Architektur regt sich kein Mensch auf. Das liegt sicherlich daran, dass diese Kombination aus barocken Fassaden mit moderner Nutzung international sehr problematisch gesehen wird oder gar nicht interessiert", sagt Bernau.

(rja)

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