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Fazit | Beitrag vom 13.05.2020

Architekturkritiker zum Berliner OlympiageländeBaudenkmäler lassen sich nicht einfach entnazifizieren

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Frontalansicht des Olympiastadions in Berlin. (Imago / Metodi Popow )
Baudenkmäler zu entnazifizieren habe noch nie geklappt, meint Architekturkritiker Nikolaus Bernau. (Imago / Metodi Popow )

Ex-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder hat eine Entnazifizierung des Berliner Olympiageländes gefordert – alle Skulpturen, Wandgemälde und Reliefs sollen weg. So einfach lässt sich Geschichte nicht entsorgen, meint unser Architekturkritiker.

Das Berliner Olympiagelände soll entnazifiert werden, fordert der ehemalige Stadtentwicklungssenator von Berlin, Peter Strieder. Das Areal aus Olympiastadion, Schwimmstadion, Glockenturm, Stadionterrassen  und Maifeld hatten die Nationalsozialisten für die Olympischen Spiele 1936 entwerfen lassen.

Auf dem ganzen Gelände sind Skulpturen, Wandgemälde und Reliefs zu finden. Das alles soll nach dem Willen Strieders nun weg. Denn im jetzigen Zustand, so meint Strieder, lebe mit Unterstützung des Denkmalschutzes auf dem Olympiagelände die Propaganda der Nationalsozialisten fort.

Architekturkritiker Nikolaus Bernau sieht in dem Vorstoß dagegen eher einen Versuch Strieders, dessen eigene Geschichte aufzuarbeiten. Denn schon als das Stadion für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 umgebaut wurde, wurden Forderungen laut, alle Inschriften zu entfernen. Strieder sagt heute, er habe damals nicht gesehen, wie gefährlich diese Naziarchitektur sei. "Das wurde alles damals ausführlichst diskutiert", widerspricht Bernau.

Er vermutet, die Forderung des ehemaligen Stadtenwicklungssenators diene einem bestimmten Zweck:  Der Fußballverein Hertha BSC wolle ein neues Stadion bauen, mit etwa 55.000 Sitzen. "Für dieses Stadion braucht es irgendwo Platz."

Oft probiert, nie funktioniert

Baudenkmäler zu entnazifizieren, sei schon oft probiert worden, meint Nikolaus Bernau, beispielsweise mit der Zerstörung der Reichskanzlei oder mit dem Abriss des Kriegsverbrechergefängnisses in Spandau: "Es hat nie geklappt", so Bernau. Das Olympiastadion stehe für einen Teil der Geschichte des Nationalsozialismus, den wir nicht so gern erinnern: "Nämlich, dass viele Millionen Menschen ungeheuer begeistert davon waren und bis zum Mai 1945 daran festgehalten haben."

Das Gelände stehe zu Recht unter Denkmalschutz, betont Bernau: "Es ist architekturhistorisch von herausragender Bedeutung." Hier sei das moderne Stadion zum ersten Mal in monumentaler Form gestaltet worden. "Ob man das jetzt gut findet oder nicht, ist egal", meint der Architekturkritiker. Auch habe das Gelände seit 75 Jahren eine demokratische Umnutzung erfahren, mit Tausenden Veranstaltungen, "die alle gegen diese Naziarchitektur gerichtet sind". Diese Nachkriegsgeschichte werde beiseite geschoben.

(beb)

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