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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 06.08.2014

ArchitekturWo bleibt der Stadtbau-Rat?

Zu wenig Diskussionen über urbane Entwicklung

Von Jochen Stöckmann

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Eine Aktivistin hält ein Transparent hoch mit der Aufschrift "Fuldastraße 31 - zu teuer!" bei einer Demonstration gegen hohe Mieten und Verdrängung in Berlin. (picture alliance / dpa)
Eine Aktivistin hält ein Transparent hoch mit der Aufschrift "Fuldastraße 31 - zu teuer!" bei einer Demonstration gegen hohe Mieten und Verdrängung in Berlin. (picture alliance / dpa)

Abseits der großen Kontroversen um Stuttgart 21 und den Tempelhofer Flughafen in Berlin wird zu wenig über Städtebau diskutiert. Das kritisiert der Kulturjournalist Jochen Stöckmann und fordert eine ernst gemeinte Bürgerbeteiligung.

"Städte für alle" forderte 1970 Martin Neuffer. Davon war sogar der damals schärfste Städtebaukritiker angetan – der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich. Doch wichtiger als sein Buch ist die Profession des Autors: Neuffer war Oberstadtdirektor von Hannover. Ein kommunaler Verwaltungschef also, der sachkundig und stilsicher die Öffentlichkeit mit seiner Vorstellung einer zukünftigen Stadt konfrontierte.

So etwas fehlt im aktuellen Diskurs, der von meinungsstarken Feuilletonisten und theoretisch versierten Soziologen bestritten wird, dessen Themen die sogenannten "Star-Architekten" mit ihren spektakulären Bauten setzen. Allzu selten meldet sich ein Stadtbaurat zu Wort.

Für jeden Bürger war der Stadtbaurat eine Instanz

Charakteristische Stimmen wie Egbert Kossak, Hanns Adrian oder Christiane Thalgott sind nicht mehr darunter. Die stammten noch aus der Generation der Stadtbaumeister: politisch gewiefte Planer, die Hamburg, Hannover oder München nach jeweils eigenen Ideen, aber durchaus im Dialog mit den Bürgern gestalteten.

Mögen sie auch wie Patriarchen agiert haben, wie Rudolf Hillebrecht beim Umbau Hannovers zur autogerechten Stadt oder Hans Scharoun mit seinem Kollektivplan für Berlin: Für jeden Bürger war der Stadtbaurat eine Instanz, die widerstrebende Interessen anzog, wechselseitigen Druck von Investoren und Bürgerinitiativen auszuhalten und zu moderieren verstand.

Genau dieses Profil täte not, um die soziale Spaltung der Stadt aufzuhalten, nicht länger ganze Bevölkerungsgruppen aus angestammten Quartieren zu verdrängen, eben Städte für alle zu erhalten, statt über "Gentrifizierung" oder "Parallelgesellschaft" zu lamentieren.

Den Stadtbaumeister hat das Rathaus durch Prinzipienreiterei ersetzt. Bei Sanierungsvorhaben die Gästetoilette oder den Parkettfußboden zu verbieten, taugt ebenso wenig, wie den sozialen Wohnungsbau wiederzuentdecken.

Solvente Privatinitiativen schotten sich ab

Berlin hat es mal mit Dachausbauten versucht. Paris hat es geschafft, auf diese Weise eine zweite, kleinteilig urbane Landschaft entstehen zu lassen. Aber vielen deutschen Metropolen würde dies erst gar nicht ins administrativ verordnete Stadtbild passen.

Solche Bauleitpläne setzt allerdings mühelos außer Kraft, wer Geld hat: solvente Privatinitiativen schotten sich ab in exklusiven Residenzen, in gated communities, die akademische Mittelschicht tut sich mit Gleichgesinnten zusammen in Baugruppen, realisiert die eigene, kleine Wohnutopie im Genossenschaftsmodells.

Der Rest bleibt außen vor. Natürlich darf jedermann Wünsche in Online-Befragungen oder auf Stadtteilforen äußern. Meist ist diese Bürgerbeteiligung folgenlos, doch stets öffentlichkeitswirksam, weshalb sie als "Particitainment" kritisiert wird, Partizipation verkommen zum Entertainment.

"Stadt für alle" ist nicht "eine Stadt für Smartphones"

Gegen diese Kritik tritt "smart city" an, ein modisches Label ohne ausformuliertes Konzept. Es steuert alles in der Stadt per Computer aus einer wolkigen "Cloud", vom häuslichen Herd bis hin zum öffentlichen Nahverkehr – und die kommunale Bauverwaltung wird ins Abseits gestellt.

Nur: "Städte für alle" hatte der Oberstadtdirektor Neuffer gefordert, nicht "eine Stadt für smartphones". Und der Psychoanalytiker Mitscherlich erkannte, dass Städte von Menschen, von Persönlichkeiten gestaltet werden. Nur so kann ein Gemeinwesen auf seine Bewohner zurückwirken.

Der Kulturjournalist Jochen Stöckmann (privat)Der Kulturjournalist Jochen Stöckmann (privat)Jochen Stöckmann, Jahrgang 1956, freier Kulturjournalist, Kunst- und Architekturkritiker. Studium Soziologie und Sozialpsychologie, bis zum Expo-Jahr 2000 Feuilletonredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Arbeitsaufenthalte in Frankreich, Ausflüge in das 18. Jahrhundert, Militärgeschichte und –politik.

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