Architektonische Unbekannte
Die zweitgrößte Stadt der Welt ist - nein, nicht Mexiko City, auch nicht Sao Paulo, Shanghai oder Kalkutta, sondern Seoul. 23 Millionen Menschen leben in der Agglomeration, welche die südkoreanische Hauptstadt längst geworden ist. Um dem Moloch zu entfliehen, gab es sogar schon die Überlegung, Regierung, Präsidenten- und Parlamentssitz ins Landesinnere zu verlegen.
Der Aufstieg der Stadt ist erstaunlich: Seoul war am Ende des Koreakriegs fast vollkommen zerstört und wurde mit neuem Plan und neuen Häusern wieder errichtet. Doch trotz der erstaunlichen Aufbauleistung wusste man von einer speziellen südkoreanischen Architektur bisher eher wenig.
Das anlässlich einer Ausstellung im Deutschen Architektur-Museum in Frankfurt am Main erschienene Buch von Kim Sung Hong und Peter Cachola Schmal über moderne südkoreanische Architektur schließt diese Lücke. Zwar fehlt eine historische Einführung, doch angesichts der Grundthese der Autoren, dass moderne koreanische Architektur sich gerade durch betonte Traditionslosigkeit auszeichne, ist das verständlich.
Dabei zeigen sie andererseits wenigstens am Rand auch den Umgang mit Altbauten, etwa mit modernisierten Hanok-Hofhäusern, die heute, nachdem sie jahrzehntelang als Behausungen der Armen diskreditiert worden waren, zum schicken Studio für die intellektuellen Eliten Seouls umgebaut werden.
Vor allem aber geht es um Neubauten: Kirchen - so manche gleicht eher einem aufwändigen Konzertsaal denn einem beschaulich-intimen Besinnungsraum - Museen, Galerien und immer wieder Wohnbauten. Die Stilvariationen sind breit, man sieht japanische und amerikanisch-kalifornische Einflüsse, die Ideen des europäischen Städtebaues hingegen spielen kaum eine Rolle: Jedes Haus ist für sich gedacht, ohne Rücksicht auf die Nachbarn. Im gewissen Sinn ist das die Umkehrung der absoluten stilistischen Homogenität in den wenigen noch erhaltenen Altstadtquartieren mit ihren durchweg hohen Mauern und gleichartig geschwungenen Dächern.
Besonders beeindruckend ist ein Foto aus Seoul, in dem vorne eine sehr einfache Straße mit offenen Kabeln und ein- bis zweigeschossigen Häusern zu sehen ist, und hinten erscheint wie eine strahlende Glitzerwelt ein hoch ragendes Neubauviertel. Die Wohnungsnot ist groß in Korea, und eine Neubauwohnung ist das Ziel der Mittelschicht.
Man lasse sich nicht vom Titel täuschen: Es werden ausschließlich südkoreanische Projekte gezeigt. Das Architektur-Museum und die Autoren übernehmen also ziemlich kritiklos den Alleinvertretungsanspruch Südkoreas - auch im Text wird das spannungsgeladene Verhältnis zwischen den beiden koreanischen Teilstaaten nur ganz am Rand gestreift, damit auch die spezielle Konkurrenz, unter der die beiden nationalen Architekturen entstehen, weitgehend ignoriert.
Das ist bedauerlich, denn nordkoreanische Architektur erfreut sich seit einiger Zeit einer ungesunden Begeisterung in einigen westlichen Architektenkreisen. Erst kürzlich lud die Nürnberger Akademie der Bildenden Künste etwa den nordkoreanischen Chefarchitekten Jong Myong Ho zu einer Vortragstournee ein, der sich darauf beschränkte, Monumentalbauten vorzustellen, während Wohnungsbauten charakteristischerweise fehlten. Kritik der Gastgeber war nicht zu hören an dieser puren Kim Jong Il-Propaganda. Denn gerade diese Möglichkeit zum ganz großen Wurf begeistert immer noch so manchen Architekten, der frustriert ist von westlich-demokratischer Mitsprache-Bürokratie.
Wie ärgerlich diese Idealisierung ist, zeigt eben auch der Vergleich mit den Wohnungsbauten Südkoreas. Sie sind vielfältig, oft gewiss bunt, chaotisch, aber eben auch lebensvoll und Zeugen einer Gesellschaft, die nicht nur materiell reicher geworden ist in den vergangenen Jahrzehnten, sondern auch versucht, ihren Reichtum kulturell sinnvoll einzusetzen.
Rezensiert von Nikolaus Bernau
Kim Sung Hong, Peter Cachola Schmal (Hrsg.): Contemporary Korean Architecture. Megacity Network
Jovis-Verlag, Berlin 2007
264 Seiten, 35 EUR
Das anlässlich einer Ausstellung im Deutschen Architektur-Museum in Frankfurt am Main erschienene Buch von Kim Sung Hong und Peter Cachola Schmal über moderne südkoreanische Architektur schließt diese Lücke. Zwar fehlt eine historische Einführung, doch angesichts der Grundthese der Autoren, dass moderne koreanische Architektur sich gerade durch betonte Traditionslosigkeit auszeichne, ist das verständlich.
Dabei zeigen sie andererseits wenigstens am Rand auch den Umgang mit Altbauten, etwa mit modernisierten Hanok-Hofhäusern, die heute, nachdem sie jahrzehntelang als Behausungen der Armen diskreditiert worden waren, zum schicken Studio für die intellektuellen Eliten Seouls umgebaut werden.
Vor allem aber geht es um Neubauten: Kirchen - so manche gleicht eher einem aufwändigen Konzertsaal denn einem beschaulich-intimen Besinnungsraum - Museen, Galerien und immer wieder Wohnbauten. Die Stilvariationen sind breit, man sieht japanische und amerikanisch-kalifornische Einflüsse, die Ideen des europäischen Städtebaues hingegen spielen kaum eine Rolle: Jedes Haus ist für sich gedacht, ohne Rücksicht auf die Nachbarn. Im gewissen Sinn ist das die Umkehrung der absoluten stilistischen Homogenität in den wenigen noch erhaltenen Altstadtquartieren mit ihren durchweg hohen Mauern und gleichartig geschwungenen Dächern.
Besonders beeindruckend ist ein Foto aus Seoul, in dem vorne eine sehr einfache Straße mit offenen Kabeln und ein- bis zweigeschossigen Häusern zu sehen ist, und hinten erscheint wie eine strahlende Glitzerwelt ein hoch ragendes Neubauviertel. Die Wohnungsnot ist groß in Korea, und eine Neubauwohnung ist das Ziel der Mittelschicht.
Man lasse sich nicht vom Titel täuschen: Es werden ausschließlich südkoreanische Projekte gezeigt. Das Architektur-Museum und die Autoren übernehmen also ziemlich kritiklos den Alleinvertretungsanspruch Südkoreas - auch im Text wird das spannungsgeladene Verhältnis zwischen den beiden koreanischen Teilstaaten nur ganz am Rand gestreift, damit auch die spezielle Konkurrenz, unter der die beiden nationalen Architekturen entstehen, weitgehend ignoriert.
Das ist bedauerlich, denn nordkoreanische Architektur erfreut sich seit einiger Zeit einer ungesunden Begeisterung in einigen westlichen Architektenkreisen. Erst kürzlich lud die Nürnberger Akademie der Bildenden Künste etwa den nordkoreanischen Chefarchitekten Jong Myong Ho zu einer Vortragstournee ein, der sich darauf beschränkte, Monumentalbauten vorzustellen, während Wohnungsbauten charakteristischerweise fehlten. Kritik der Gastgeber war nicht zu hören an dieser puren Kim Jong Il-Propaganda. Denn gerade diese Möglichkeit zum ganz großen Wurf begeistert immer noch so manchen Architekten, der frustriert ist von westlich-demokratischer Mitsprache-Bürokratie.
Wie ärgerlich diese Idealisierung ist, zeigt eben auch der Vergleich mit den Wohnungsbauten Südkoreas. Sie sind vielfältig, oft gewiss bunt, chaotisch, aber eben auch lebensvoll und Zeugen einer Gesellschaft, die nicht nur materiell reicher geworden ist in den vergangenen Jahrzehnten, sondern auch versucht, ihren Reichtum kulturell sinnvoll einzusetzen.
Rezensiert von Nikolaus Bernau
Kim Sung Hong, Peter Cachola Schmal (Hrsg.): Contemporary Korean Architecture. Megacity Network
Jovis-Verlag, Berlin 2007
264 Seiten, 35 EUR
