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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.11.2009

Archäologische Detektivarbeit

Alain Schnapp: "Die Entdeckung der Vergangenheit", Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009, 420 Seiten

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Antike Ruinen in Hatra, 320 Kilometer nördlich von Bagdad (AP Archiv)
Antike Ruinen in Hatra, 320 Kilometer nördlich von Bagdad (AP Archiv)

Eine simple Zusammenstellung der Highlights der Archäologie-Geschichte darf der Leser nicht erwarten - im Gegenteil: Alain Schnapps Buch endet bewusst 1859, als sich die moderne Archäologie überhaupt erst langsam durchzusetzen begann.

"Die Zerstörung der Buddha-Figuren von Bamyan und die Plünderung der Museen im Irak… sind Warnzeichen für den Zustand der Welt…"

Im Jahr 1748 beginnen Archäologen, die im Ascheregen des Vesuvs versunkene Stadt Pompeji auszugraben. 1856 finden Archäologen im Rheinland das Skelett eines Neandertalers, und 1873 erklärt Heinrich Schliemann der Öffentlichkeit, Troja entdeckt zu haben, -allesamt Meilensteine der Archäologie.

Der Geschichte der Archäologie geht das Sachbuch "Die Entdeckung der Vergangenheit – Ursprünge und Abenteuer der Archäologie" nach; geschrieben hat es ein profunder Kenner des Fachs, Alain Schnapp, Jahrgang 1946, Professor für Archäologie und Leiter der Abteilung Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Paris.

Zu seiner Überraschung aber wird der Leser nichts von Troja erfahren; eine simple Zusammenstellung der Highlights der Archäologie-Geschichte darf der Leser nicht erwarten -im Gegenteil: Alain Schnapps Buch endet im Jahr 1859, als Charles Darwin der Welt seine Evolutionstheorie vorstellte und sich die moderne Archäologie überhaupt erst langsam durchzusetzen begann.

Das heißt, all die vielen archäologischen Highlights nach 1859 wie eben zum Beispiel die Entdeckung Trojas vernachlässigt Schnapp bewusst. Ihm geht es um den Weg bis dorthin, um den Prozess der "Entdeckung der Vergangenheit". Bis dahin mussten Wissenschaftler erst einmal über 2000 Jahre Detektivarbeit leisten, und die einzigen Quellen, die ihnen dafür zu Verfügung standen, waren allein die Bibel und die Texte der alten Griechen.

Bis ins 18. bzw. 19. Jahrhundert lebten die Menschen - wie auch die meisten Wissenschaftler - in einer Art Märchenwelt. Die Bibel war verbindlich, demnach hatte Gott die Welt 4000 v. Chr. geschaffen und der erste Mensch war Adam. Nichtsdestotrotz fanden frühe Archäologen seltsame Dinge in der Erde: Fossilien wie zum Beispiel versteinerte Muscheln. Da die aber nicht in das biblische Zeitschema passten, wurden alternative Erklärungsmodelle entworfen, wie zum Beispiel, dass Fossilien in der Erde wachsen.

Ähnlich absurd war die Interpretation archäologischer Funde aus der Steinzeit: Steinwerkzeuge, sprich Messer und Pfeilspitzen, nannte man "Donnerkeile", weil man bis ins 18. Jahrhundert annahm, sie würden bei Gewitter vom Himmel fallen.

Ein Umdenken in der Archäologie ging im Wesentlichen von den Engländern und den Skandinaviern im 17. Jahrhundert aus, aber erst um 1800 begann man, einen Zusammenhang zwischen Geologie und Archäologie herzustellen, also zwischen der Gesteinsschicht und dem dort gefundenen Objekt.

Alain Schnapp erzählt 3000 Jahre Geschichte, und er tut das lückenlos anhand von Quellen, -historischen Textquellen und 200 Illustrationen. "Die Entdeckung der Vergangenheit" erfüllt den Anspruch, ein Standardwerk europäischer Ideen- und Wissenschaftsgeschichte zu sein.

Schnapps Stil ist erfrischend wenig professoral. Voraussetzung für einen Lesegenuss sind allerdings Zeit und Muße, dann wird "Die Entdeckung der Vergangenheit" zu einem sinnlichen Erlebnis für Geist und Auge. Und Schnapp berichtet nicht nur, sondern er analysiert auch, stellt große Zusammenhänge her, bringt komplizierte Dinge auf den Punkt: wie er zum Beispiel die griechische Antike in einem Satz plastisch macht, indem er sie als eine vom Ansatz her super-moderne Gesellschaft bezeichnet, die aber nie den Graben zwischen Theorie und Praxis überwunden hat.

Und Schnapp erzählt Geschichte anhand von Menschen, die er mit einem Federstrich lebendig macht wie den deutschen Winckelmann, "Sohn eines Flickschusters aus Stendal in Preußen".

"Die Entdeckung der Vergangenheit" erfüllt den Anspruch eines wissenschaftlichen Handbuchs, also eines Nachschlagewerks, ist peinlich genau gearbeitet und gleichzeitig unterhaltsam. Das Großformat und der hervorragende Druck machen es zu einem idealen Geschenk für historisch Interessierte - eine seltene Perle der Wissenschaftsliteratur, die die "New York Times" zu Recht faszinierend und hochintelligent nannte.

Besprochen von Lutz Bunk

Alain Schnapp: Die Entdeckung der Vergangenheit. Ursprünge und Abenteuer der Archäologie
Aus dem Französischen von Andreas Wittenburg
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009
420 Seiten, 39,90 Euro

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