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Im Gespräch | Beitrag vom 23.07.2019

Archäologe Harald MellerDer „Herr der Scheibe“

Moderation: Katrin Heise

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Harald Meller (l), Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt, und Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen mit der Himmelsscheibe von Nebra. (picture alliance/dpa/Soeren Stache)
Harald Meller (l) mit seinem Kollegen Matthias Wemhoff und der Himmelsscheibe von Nebra. (picture alliance/dpa/Soeren Stache)

Den Fund seines Lebens machte der Archäologe Harald Meller nicht an einer Grabungsstätte, sondern in einem Schweizer Hotel: Dort boten ihm Hehler die Himmelsscheibe von Nebra an. Ein 3600 Jahre altes Stück Metall - als Zeuge einer uralten, vergessenen Hochkultur.

Ganz nüchtern kann man die Himmelsscheibe von Nebra so beschreiben: Rund 3600 Jahre alt, 30 Zentimeter Durchmesser, etwas mehr als zwei Kilogramm schwer. Die Maße entsprächen einem "guten Laptop", sagt Harald Meller.

Der "Herr der Scheibe", wie ihn viele nennen, wird schnell euphorisch, wenn er von dem Fundstück spricht. Die grüne Scheibe, die vermutlich Sonne, Mond und Sterne zeigt, ist für Meller ein "Weltfund", der sein Leben bestimmt habe.

1999 wird die Bronzeplatte im sachsen-anhaltinischen Nebra von Raubgräbern entdeckt. "Die dachten, sie hätten einen alten Eimerdeckel gefunden", so Meller.

Zwischen Schwarzmarkt, Hehlern und Polizei

Drei Jahre später kommt der Archäologe und Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale ins Spiel. Die Scheibe ist auf dem Schwarzmarkt zu haben. Wie in einem Krimi gibt sich Meller als Kaufinteressent aus und trifft sich mit Hehlern in einem Hotel in Basel. Dort werden sie von der Polizei festgenommen.

Das Foto zeigt die Himmelsscheibe von Nebra - noch immer gibt sie neue Geheimnisse preis. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)Die Himmelsscheibe von Nebra - noch immer gibt sie neue Geheimnisse preis. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Meller hätte die Scheibe tatsächlich kaufen können. "Damals waren die Gesetze noch nicht so weit. Aber ich wollte das nicht. Ich wollte unbedingt herausbekommen, wo der Fundort war und wie der Zusammenhang ist." Mit solchen Informationen könnten Fundstücke nämlich noch sehr viel mehr erzählen, sagt der 59-Jährige.

Seit über 20 Jahren forschen Meller und sein Team an der Scheibe. "Ich hätte nie gedacht, dass immer Neues herauskommt. Das hängt damit zusammen, dass die Technik immer besser wird." Klar ist heute, so Meller, dass die Bronzeplatte in Mitteldeutschland gefertigt wurde, mit Zinn und Gold aus Cornwall beziehungsweise dem Alpenraum: "Das ist wahnsinnig wichtig, um die Handelsverbindungen zu verstehen."

"Ein Aufklärer, der Wissen bringt"

Die Himmelsscheibe, was bedeutet sie, wozu wurde sie benutzt? "Das ist die früheste Schrift Mitteleuropas. Dort sind unglaublich spannende astronomische Regeln relativ einfach aufgeschrieben. Sie verbirgt komplexes Wissen. Sie können damit einen Kalender machen. Sie können die Mondfinsternis vorhersagen."

Gerade jetzt, wo 50 Jahre Mondlandung gefeiert werde, zeige die Scheibe, dass "die Sehnsucht nach dem Mond und nach den Gestirnen ewig" sei, so der Archäologe. Für Meller ist die Scheibe daher nicht nur ein Objekt seiner Zeit: "Für mich zeigt es einen befreundeten Geist, denn es ist ein Aufklärer, der Wissen bringt." Heute gehört die Himmelsscheibe von Nebra zum UNESCO Weltdokumentenerbe.

Schon als Kind gebuddelt

Die Faszination für Archäologie packt Harald Meller schon in Kindheitstagen. Wo er kann, gräbt er in seiner bayerischen Heimat die Erde um. Immer auf der Suche nach kleinen und größeren Schätzen: "Deshalb war es nur konsequent, dass ich Archäologie studierte."

Für Heller ist seine Arbeit aber nicht nur ein Blick zurück. "Die Analyse der Vergangenheit hilft uns, das Jetzt besser zu verstehen. Und wenn wir uns als Jäger und Sammler verstehen, dann verstehen wir uns viel besser. Dann verstehen Sie, warum Sie gerne grillen, oder warum Sie gerne fernsehen. Weil Sie nämlich am Lagefeuer sitzen und Geschichten zuhören. Sie tun das, was Sie Jahrtausende lang taten. Als Archäologe kann man also selbst Alltagsphänomene erklären."

Sein Ziel, "Archäologie dem Steuerzahler näher zu bringen", gelingt Harald Meller offenbar gut. Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale besuchen im Jahr über 60.000 Menschen. Für November 2020 hat der Direktor die nächste große Schau geplant - und natürlich wird sein größter Schatz wieder eine zentrale Rolle spielen.

(ful)

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