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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.02.2009

Archäologe des Massenmordes

Patrick Desbois erinnert mit "Der vergessene Holocaust" an die Ermordung der ukrainischen Juden

Von Jan-Christoph Kitzler

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Für den Historiker Arno Lustiger ist Desbois' Buch eines der wichtigsten zum Holocaust. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Für den Historiker Arno Lustiger ist Desbois' Buch eines der wichtigsten zum Holocaust. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Es ist kein Buch zum Nebenbei-Lesen oder für gemütliche Stunden: Das Werk "Der vergessene Holocaust" von Patrick Desbois handelt von der Ermordung der ukrainischen Juden. Der Autor hat etliche Zeitzeugen aufgetrieben, die darüber berichten, wie die Juden wie Vieh zusammengetrieben und erschossen wurden.

Patrick Desbois hat ein beklemmendes Buch geschrieben, eines das den Leser verstört, weil es Verbrechen beschreibt, die man als Nachkriegskind gar nicht glauben könnte, gäbe es nicht die Augenzeugen, die das alles gesehen haben. Desbois lässt den Holocaust in der Ukraine durch Augenzeugen beschreiben, und das liest sich dann so:

"Sie haben sie in der Stadtmitte zusammen getrieben. ( . . .) Später haben sie angefangen, sie dort hinter dem Haus zu töten, ich weiß es noch. Die Juden hoben die Gruben selbst aus. (Sie) standen am Rand der Grube, die Deutschen schossen ihnen in den Rücken. (. . .) Dann hat man Kalk darübergestreut. Ich erinnere mich noch an einen jungen Juden, der Zwillinge hatte, er hielt sie im Arm, ein Deutscher trat zu ihm, schoss auf eines der Kinder, dann auf das andere, und der dritte Schuss war für den Vater."

Im Juni 1941 sind Hitlers Truppen in die damalige Sowjetunion einmarschiert - kurz darauf begann der Massenmord an den Juden. Hinter der Front besorgten die "Einsatzgruppen" sowie Einheiten der SS und der Ordnungspolizei die sogenannten "Säuberungen". Rund 1,5 Millionen ukrainische Juden sind hier in kurzer Zeit umgebracht worden. Die Spuren sind heute im ganzen Land verstreut, berichtet Desbois:

"Schließlich finden wir die Massengräber, die überall in irgendeinem Dorf sein können - direkt vor dem Rathaus, hinter der Kirche, hinter der Bank oder im Wald. Viele Massengräber sind inzwischen geöffnet worden, von Nachbarn, die auf der Suche nach Goldringen oder Ähnlichem waren.

Überall liegen die Knochen herum. Außerdem erinnern sich die Zeugen an alles: wie die Juden ankamen, wie sie sich ausziehen mussten und wie sie lebend in die Gräber gestoßen wurden. Denn es gab bei den Mördern eine Regel: eine Kugel, ein Jude - ein Jude, eine Kugel."

Während weiter im Westen schon mit den massenhaften Deportationen begonnen wurde und während die Nazi-Führung etwa ab Sommer 1941 an der sogenannten Endlösung der Judenfrage arbeitete, war der Massenmord in der Ukraine schon in vollem Gange: Dort hatte das Morden noch nicht die industrielle Dimension der Todesfabriken wie Auschwitz - hier fand der Holocaust vor Ort statt. Hier war der Mord an den Juden gewissermaßen noch "Handarbeit" - die meisten Opfer wurden wie Vieh zusammen getrieben - und einzeln erschossen.

Das ist auch ein Grund dafür, warum sich die Holocaust-Forschung bei diesem Thema so schwer tut, sagt der Historiker Arno Lustiger. Er wurde im heutigen Polen geboren und hat selbst den Holocaust überlebt:

"Die meisten Erkenntnisse, die wir haben, sind aus den deutschen Akten. Es gibt Bücher zum Genozid in der Ukraine, aber der große Verdienst von Pere Desbois ist, dass er es sich mühsam erarbeitet hat, dass er es gefunden hat, und sein Buch ist wirklich eines der wichtigsten zu dem Thema."

Patrick Desbois ist ein zurückhaltender Mann, dem man noch ein wenig den katholischen Landpfarrer ansieht. Seine Ohren haben die Berichte der Augenzeugen gehört, seine Augen haben die Spuren des Verbrechens gesehen und seine Hände haben die Beweise ausgegraben. Desbois ist ein Archäologe des Massenmordes.

Die blanken Zahlen sind erdrückend: Mit seinem kleinen Team hat er in den letzten acht Jahren fast 900 Zeitzeugen gefunden und zum Sprechen gebracht. Und mit ihrer Hilfe hat er bereits rund 500 Massengräber gefunden, wobei der Begriff "Grab" nicht stimmt: Meist sind die Fundorte nur die Gruben, in denen die Juden umgekommen sind - und oft haben die Opfer diese Gruben selbst ausgehoben. Doch die Arbeit ist noch längst nicht zu Ende: Debois schätzt, dass allein in der Ukraine bis zu 1000 Massengräber noch nicht entdeckt sind:

"Wir müssen uns wirklich beeilen, um alle Massengräber zu finden, denn die Zeugen sind alt. Wir haben noch nicht einmal ein Drittel des Gebietes der früheren Sowjetunion untersucht. Wir müssen uns beeilen und dann die Opfer begraben. Die größte Herausforderung ist, sich zu beeilen, bevor die Zeugen sterben.

Wenn die Zeugen tot sind, werden wir nie mehr herausfinden, wo die Juden sind - ihre Körper werden verschwunden sein. Heute kann man sie noch begraben, denn alle in der Nachbarschaft wissen, wo sie liegen."

Schwer ist es, die Zeugen zum Reden zu bringen. Denn die Menschen sind alt, das alles liegt lange zurück und viele reden zum ersten Mal, denn vorher hat sie niemand nach ihren Erinnerungen gefragt.

Hinzu kommt, dass viele der Zeugen nicht nur zugeschaut haben, wenn ihre Nachbarn, Freunde oder Schulkameraden ermordet wurden, sondern dass viele als Dienstverpflichtete auch selbst Teil des Mordens waren. Die einen mussten die Mörder verpflegen, andere mussten die Leichen in die Gruben werfen.

Besonders schlimm ist das Zeugnis einer alten Frau: Sie gehörte als junges Mädchen mit 30 anderen zu den sogenannten Stampferinnen, die mit nackten Füßen auf den Erschossenen in der Grube herumtrampeln mussten, damit mehr Tote hineinpassten. Viele waren da aber noch gar nicht tot.

Patrick Desbois: "Ich mache keine moralische Untersuchung, ich mache eine richtige Untersuchung der Frage, wo sind die Körper der Juden, die getötet wurden. Und wenn wir in ein Dorf kommen, und wenn wir da eine alte Dame sehen, dann fragen wir sie: Madam, waren Sie während des Krieges hier? Und wenn sie 'ja' sagt, kann sie uns sicher helfen. Und wenn sie laufen kann, bringen wir sie zurück zu den Massengräbern, und da erinnern sie sich an alles. . ."

Die Erinnerung der Zeugen ist das wichtigste, meint Patrick Desbois. Denn bei all den Massengräbern kann es einen zentralen Gedenkort in der Ukraine nicht geben.

Arno Lustiger, der zugleich Holocaust-Forscher und Holocaust-Überlebender ist, meint, die Zeugenaussagen, die Desbois zusammen getragen hat, werden unser Bild vom Massenmord an den Juden verändern:

"Tausende, Abertausende Hunderttausende, mehr als eine Million von Menschen in 'Handarbeit', jeden einzelnen zu erschießen - das ist doch eine Dimension, die man sich gar nicht vorstellen kann überhaupt. Ich muss dazu auch sagen: Schon immer war meine Situation, dass je mehr ich über die Sache wusste, desto weniger ich sie verstand. Ich habe Tausende von Dokumenten der Täter in der Hand gehabt. Nachdem ich das Buch gelesen habe, verstehe ich das überhaupt nicht, wie menschliche Wesen zu solchen Grausamkeiten fähig sind."

Desbois, Patrick: Der vergessene Holocaust: Die Ermordung der ukrainischen Juden. Eine Spurensuche
Berlin Verlag, Berlin 2009

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