Archäoliterarisches Projekt
Der Germanist Jürgen Wertheimer und der Frühgeschichtler Nicholas J. Conard haben überbordende Fantasie und präzise archäologische Forschung in einem spannenden Roman vereint - zu einem üppigen Panorama der Frühzeit des Menschen.
Khar nimmt das Elfenbein zur Hand und beginnt zu schnitzen. In einer feuchtkalten Höhle sitzt sie, ein Feuer wirft ihren ruhelosen Schatten an die Wände. Allmählich nimmt eine kleine Figur in den Händen des Mädchens Gestalt an, dick wölben sich Bauch und Brüste hervor.
Überbordende Fantasie und präzise archäologische Forschung in einem spannenden Roman vereint - zu diesem "archäoliterarischen" Projekt haben sich der Germanist Jürgen Wertheimer und der Frühgeschichtler Nicholas J. Conard zusammengetan. Ihr Buch "Die Venus aus dem Eis" trägt seine Leserinnen und Leser zurück in die Altsteinzeit vor 40.000 Jahren.
Ungünstige Umstände zwingen Khar, ein aufgewecktes 16-jähriges Neandertalmädchen, ihre eigenen Leute zu verlassen und mit einer Gruppe modernerer Menschen zu leben. Von hier aus entwickeln die Autoren ein üppiges Panorama der Frühzeit des Menschen. Aus der Perspektive Khars und weiterer Protagonisten erzählen sie, wie unsere Vorfahren ihren Alltag organisieren, wie erste religiöse Kulte aufkommen, erste Kriege ausgefochten werden und der Wechsel des Erdklimas Mensch und Tier zu leidvollen Wanderbewegungen zwingt.
Dass auch Musik und Kunst ihren Ursprung in der Altsteinzeit haben, beweist die berühmte "Venus vom Hohle Fels", eine nur sechs Zentimeter große Frauenfigur, gefertigt aus einem Mammutzahn. 2008 wurden sie samt einigen Flöten von Archäologen in der Schwäbischen Alb gefunden - Ausgrabungsleiter war niemand anders als Mitautor Nicholas J. Conard. Als Archäologe bürgt er nun dafür, dass alle Fakten in diesem Roman sich mit wissenschaftlicher Erkenntnis decken. Über das Buch verstreute Informationstexte erläutern anschaulich, was Forscher heute über das Klima der Altsteinzeit wissen, über Flora und Fauna, die Evolution des Menschen, seine sozialen Strukturen, Kleidung und Behausung.
Der rasche Wechsel zwischen Fiktion und Information macht den besonderen Reiz des Buches aus, von dem allerdings niemand die ganz große Literatur erwarten sollte. Dazu ist der Roman sprachlich allzu expressiv geraten - kein Absatz ohne eisige Winde, grimmige Gesichter, Schmerz, Tod und Blut. Auch die Figuren lassen eine komplexere Psychologie vermissen, was die Autoren im Vorwort mit einer selbst auferlegten Beschränkung begründen: Zwar möchten sie die ferne Wirklichkeit in heutiger Sprache beschreiben, allerdings nicht mit heutiger Psychologie.
Trotz dieser Einschränkung gelingen den Autoren vor allem solche Passagen dicht und berührend, die sich der persönlichen Begegnung zwischen Neandertalern und modernen Menschen widmen. Wie das Mädchen Khar die "körperlosen Wörter" ihrer modernen Zeitgenossen zu erfassen versucht, abstrakte Begriffe wie Zukunft, Vergangenheit, Vorausschau, wie sie die Grenzen ihres Denkens und Könnens sprengen möchte - bis hin zu jener Nacht, in der sie einen Mammutzahn nimmt und in eine künstlerische Arbeit verwandelt - das gehört das zu den packendsten Momenten der Lektüre.
Besprochen von Susanne Billig
Nicholas J. Conard, Jürgen Wertheimer: Die Venus aus dem Eis. Wie vor 40.000 Jahren unsere Kultur entstand
Knaus Verlag, München 2010
320 Seiten, 22,99 Seiten
Überbordende Fantasie und präzise archäologische Forschung in einem spannenden Roman vereint - zu diesem "archäoliterarischen" Projekt haben sich der Germanist Jürgen Wertheimer und der Frühgeschichtler Nicholas J. Conard zusammengetan. Ihr Buch "Die Venus aus dem Eis" trägt seine Leserinnen und Leser zurück in die Altsteinzeit vor 40.000 Jahren.
Ungünstige Umstände zwingen Khar, ein aufgewecktes 16-jähriges Neandertalmädchen, ihre eigenen Leute zu verlassen und mit einer Gruppe modernerer Menschen zu leben. Von hier aus entwickeln die Autoren ein üppiges Panorama der Frühzeit des Menschen. Aus der Perspektive Khars und weiterer Protagonisten erzählen sie, wie unsere Vorfahren ihren Alltag organisieren, wie erste religiöse Kulte aufkommen, erste Kriege ausgefochten werden und der Wechsel des Erdklimas Mensch und Tier zu leidvollen Wanderbewegungen zwingt.
Dass auch Musik und Kunst ihren Ursprung in der Altsteinzeit haben, beweist die berühmte "Venus vom Hohle Fels", eine nur sechs Zentimeter große Frauenfigur, gefertigt aus einem Mammutzahn. 2008 wurden sie samt einigen Flöten von Archäologen in der Schwäbischen Alb gefunden - Ausgrabungsleiter war niemand anders als Mitautor Nicholas J. Conard. Als Archäologe bürgt er nun dafür, dass alle Fakten in diesem Roman sich mit wissenschaftlicher Erkenntnis decken. Über das Buch verstreute Informationstexte erläutern anschaulich, was Forscher heute über das Klima der Altsteinzeit wissen, über Flora und Fauna, die Evolution des Menschen, seine sozialen Strukturen, Kleidung und Behausung.
Der rasche Wechsel zwischen Fiktion und Information macht den besonderen Reiz des Buches aus, von dem allerdings niemand die ganz große Literatur erwarten sollte. Dazu ist der Roman sprachlich allzu expressiv geraten - kein Absatz ohne eisige Winde, grimmige Gesichter, Schmerz, Tod und Blut. Auch die Figuren lassen eine komplexere Psychologie vermissen, was die Autoren im Vorwort mit einer selbst auferlegten Beschränkung begründen: Zwar möchten sie die ferne Wirklichkeit in heutiger Sprache beschreiben, allerdings nicht mit heutiger Psychologie.
Trotz dieser Einschränkung gelingen den Autoren vor allem solche Passagen dicht und berührend, die sich der persönlichen Begegnung zwischen Neandertalern und modernen Menschen widmen. Wie das Mädchen Khar die "körperlosen Wörter" ihrer modernen Zeitgenossen zu erfassen versucht, abstrakte Begriffe wie Zukunft, Vergangenheit, Vorausschau, wie sie die Grenzen ihres Denkens und Könnens sprengen möchte - bis hin zu jener Nacht, in der sie einen Mammutzahn nimmt und in eine künstlerische Arbeit verwandelt - das gehört das zu den packendsten Momenten der Lektüre.
Besprochen von Susanne Billig
Nicholas J. Conard, Jürgen Wertheimer: Die Venus aus dem Eis. Wie vor 40.000 Jahren unsere Kultur entstand
Knaus Verlag, München 2010
320 Seiten, 22,99 Seiten
