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Reportage / Archiv | Beitrag vom 21.10.2013

Arbeitseinsatz im Nachbarland

Die "European Employment Services" (EURES) vermittelt Länder übergreifend Arbeitsplätze

Von Ernst-Ludwig v. Aster

Der Oder-Fluss ist nicht nur Länder-, sondern auch Lohngrenze. (Deutschlandradio)
Der Oder-Fluss ist nicht nur Länder-, sondern auch Lohngrenze. (Deutschlandradio)

Die EURES-Beraterin Regina Gebhardt-Hille arbeitet in der strukturschwachen deutsch-polnischen Region um Frankfurt (Oder). Im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit soll sie ausgeschriebene Jobs auch Menschen jenseits der Grenze anbieten, wo das Lohnniveau deutlich niedriger ist.

Regina Gebhardt-Hille schließt ihr Büro ab. Geht einige Schritte zum Fahrrad. Das wartet auf dem Flur der Agentur für Arbeit in Frankfurt Oder.

"Wir sind in einer strukturschwachen Region auf beiden Seiten, eigentlich weiß das ganze Land, dass Ende letzten Jahres leider zwei große Betriebe Konkurs angemeldet haben."

Ob Chip- oder Solarfabrik - fast alle Hoffnungsträger der letzten Jahre gehen in Frankfurt Oder Pleite. Die Beraterin stopft ihre dunkelrote Lederhandtasche in den Fahrradkorb. Gebhardt-Hille greift zu einer milchig-transparenten Plastik-Umhängetasche, zieht einen gelben Papphefter heraus. Die aktuellen Job-Angebote:

"Wir haben einen Reifenmonteur für ein befristetes Arbeitsverhältnis hier in FFO, dann haben wir Reinigungskräfte in Hotels und im Spa-Bereich, Verkäufer ..."

"EURES" prangt in großen Lettern auf der Plastiktasche. EURES steht für "European Employment Services". Grenzüberschreitende Arbeitsvermittlung, das ist Gebhardt-Hilles Job

"So, alles gut, kann losgehen Wir fahren jetzt nach Slubice, über die Brücke und dann ins Kreisarbeitsamt Slubice zum Beratungstag."

Die Beraterin schwingt sich aufs Fahrrad, tritt mit ihren orangenen Sneakers in die Pedale, radelt vorbei am Oderturm, Richtung Polen. Seit 20 Jahren vermittelt sie Jobs im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit, eigentlich ist sie studierte Dolmetscherin, mit den Sprachen Russisch und Polnisch.

"Wenn wir gut sind brauchen wir vielleicht 15 Minuten und dann sind wir drüben beim Arbeitsamt."

Über die Stadtbrücke geht es Richtung Osten, unten fließt träge die Oder. Gleich hinter dem Ortseingang von Slubice werben kleine Geschäfte für Zigaretten, Wurst, Haarschnitte.

"Ich sage mal, wenn ich einen Herrenhaarschnitt angeboten kriege für fünf Euro und der kostet auf der deutschen Seite 14, dann überlege ich schon"."

Fünf Euro für einen Herrenhaarschnitt, das ist konkurrenzlos günstig. Die Oder ist nicht nur Landes-, sondern auch Lohngrenze. Zurzeit liegt der polnische Mindestlohn bei 1800 Zloty im Monat, das sind umgerechnet 450 Euro.

Zehn Minuten später schließt Gebhardt-Hille vor dem Kreisarbeitsamt in Slubice ihr Fahrrad an. Fröhlich begrüßen Amtsleiter Maciej und seine Mitarbeiter ihre deutsche Kollegin. Alle nennen sie hier "Pani Regina", also Frau Regina, so wie es in Polen üblich ist. Auch in Slubice sind Jobangebote zurzeit Mangelware, sagt Maciiej, Pani Regina nickt:

"Es gibt selten mal Sachen, die über 2000 Zloty sind, also 500-600 Euro umgerechnet ist dann schon ein mittlerer bis Gutverdiener in der polnischen Grenzregion und das lockt natürlich selbst bei deutschen Arbeitgebern, die 7,50 Euro zahlen vielleicht in der Stunde oder sogar mehr."

Jobs, die kaum jemand machen will

Da lohnt der Weg Richtung Westen, der Arbeitseinsatz im Nachbarland. Auch bei Jobs, die in Brandenburg sonst kaum jemand machen will. Weil am Ende nicht viel mehr auf dem Konto bleibt, als einem durch Sozialleistungen zustehen. Vor der Tür eines kleinen Sitzungssaals drängen sich schon die Interessenten. Die sie hier alle "Kunden" nennen. Pani Regina wirft noch einen schnellen Blick auf ihre Job-Angebote.

"Wir laden vielleicht schon mal die Leute ein, toj jesta lista."

Gut 20 Leute kommen herein, tragen sich in die Liste ein. Die meisten sind über 40, es sind mehr Frauen als Männer. Pani Regina begrüßt alle, gibt erst einen kurzen Überblick über Deutschland: Bevölkerung, Bundesländer, Arbeitslosenzahlen. Die Beraterin mit den kurzen grauen Haaren gestikuliert lebhaft. An jeder Hand funkeln drei Ringe. Als nächstes möchte sie wissen, wer schon im Nachbarland gejobbt hat.

"Wer hat schon gearbeitet ? tschie paja panstwa."

Sechs Hände gehen nach oben. Sie alle haben für einen großen Versandhändler gejobbt, der in Deutschland wegen seiner Niedriglöhne für Schlagzeilen gesorgt hat. Der Online-Versand beschäftigt - meist über Zeitarbeitsfirmen - einige hundert Polen. Der Mindestlohn in der ostdeutschen Zeitarbeitsbranche liegt derzeit bei 7,50 Euro pro Stunde.

Deutsch sprechen hier nur die wenigsten, meist nur ein paar Brocken, vor allem die Frauen. Sie sind es auch, die nach vorne kommen, und noch mehr Informationen wollen. Alicjia, eine dunkelhaarige Mittzwanzigerin erzählt: Zurzeit arbeitet sie in Slubice an der Rezeption eines Hotels. Verdient 1700 Zloty. Knapp unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Ihrem Chef ist das egal.

"Das sind ungefähr 420 Euro, das ist nicht wirklich viel für Vollzeit."

Pani Regina greift zum Ordner mit den Jobangeboten. Und zur laminierten Landkarte:

"Jetzt kommt die Karte zum Einsatz."

Der Zeigefinger der Beraterin gleitet nach Westen. Stoppt in Bad Saarow. Dort werden zurzeit Pflege- und Küchenhelferinnen gesucht. Und Hotelmitarbeiter. Alicija nickt, notiert sich die Adresse. Verabredet sich mit Pani Regina, um später noch einmal über die Details zu sprechen:

"Sie spricht auch deutsch und russisch, und wird sich unbedingt im Büro melden, weil sie denkt, sie hat vielleicht auch eine Chance auf deutscher Seite, um besser zu verdienen."

Nach eineinhalb Stunden packt "Pani Regina" ihre Unterlagen zusammen. Verabschiedet sich von Kunden und Kollegen. Die EURES-Beraterin verstaut Handtasche und Plastiktasche im Korb, schwingt sich aufs Fahrrad.

"So denn wollen wir mal los."

Über die Stadtbrücke radelt sie, gen Westen. Unten fließt träge die Oder. Gleich wird aus Pani Regina wieder Frau Gebhardt-Hille.

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