Arbeiterkirchen in Berlin

Mit Gotteshäusern gegen Unmoral

08:55 Minuten
Ein Aquarell von Bernhard Kühn aus dem Jahr 1894 zeigt die Berliner Immanuelkirche und ihren von Bäumem umstandenen Vorplatz.
Eine Kirche für das Arbeiterviertel: Die Immanuelkirche in Berlin-Prenzlauer Berg, festgehalten in einem Aquarell bald nach ihrer Fertigstellung in den 1890er-Jahren. Kirchtürme symbolisierten auch den mahnenden Zeigefinger, sagt ein heutiger Pfarrer. © IMAGO / piemags
Von Christian Berndt · 18.09.2022
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Mit der Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts konnte die evangelische Kirche nichts anfangen. Man fürchtete Umsturz und Unmoral. Um die Moral zu heben wurden neue Kirchen gebaut, mitten in Berliner Arbeiterviertel. Bis heute prägen sie das Stadtbild.
Es ist einiges los in der Osterkirche im Berliner Ortsteil Wedding. Im kleinen Gemeindesaal laufen Familien zwischen den Gemüsekisten und Kartons mit Lebensmitteln umher, Pfarrer Thilo Haak packt mit an.
"Es ist Freitag, und Freitag ist Ausgabetag von Laib und Seele", erklärt Haak, "eine Aktion, die wir zusammen mit der Berliner Tafel haben. Dort werden bedürftige Menschen mit Lebensmitteln versorgt, die vorher von Einzelhändlern abgegeben wurden."

Kirchtürme wie mahnende Zeigefinger

Die Ostergemeinde habe den Charme einer Kiezkirche, sagt der Pfarrer: Die Osterkirche wurde 1910 errichtet und war Teil eines einzigartigen Kirchenbauprogramms. "Es ist ein klassisches Arbeiterquartier hier, der ganze Wedding. Hier und auch in anderen Teilen der Stadt, in Kreuzberg, Schöneberg, im Prenzlauer Berg, wo vor allem die Arbeiterquartiere waren, wurden ja in der Kaiserzeit diese Kirchen errichtet vor allem für die Arbeiterschaft. Oftmals unter dem Motiv, dass die Kirchtürme gewissermaßen aufragende Zeigefinger sind, um die Moral der Arbeiter zu bessern."
Zwischen 1890 und 1910, also während nur 20 Jahren, wurden in und um Berlin 53 Kirchen errichtet – genauso viele, wie insgesamt seit dem 13. Jahrhundert in der Stadt entstanden waren. Viele davon baute man in Arbeiterbezirken wie dem Wedding. Bei der Ostergemeinde reichte das Geld nur für eine einfache Ausstattung: Neben einem holzgeschnitzten Altar hängen vier Wandgemälde mit Motiven der Ostergeschichte.
Prenzlauer Allee mit der Immanuelkirche in Berlin-Prenzlauer Berg (Schwarzweißbild)
Außen Backstein, innen prächtige Ornamente: Die Immanuelkirche an der Prenzlauer Allee im Ostberlin der 1980er-Jahre.© imago / Seeliger
Dagegen wurde an der Immanuelkirche im Arbeiterviertel Prenzlauer Berg weniger gespart: Die prachtvollen Ornamentbemalungen mit Darstellungen biblischer Szenen hat nicht irgendwer gemalt, sondern Hofmaler Adolf Quensen.

Altarbild aus der Kaiserzeit

"Der Künstler, der die Kirche ausgemalt hat, hat zwei Jahre später die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ausgemalt, die jetzt zerstört ist", erklärt der heutige Pfarrer Mark Pockrandt. "Hier haben wir ein Zeugnis seiner Arbeit, das heute noch in der Form zusehen ist, wie es ursprünglich gemalt wurde."
Beleuchtet wird der dunkle, hohe Saal von den Altarfenstern, das weit sichtbare Altarbild mit dem auferstandenen Jesus hat eine Wirkungsgeschichte bis nach Russland entfaltet, sagt Pockrandt.
Die Immanuelkirche wurde unter der Ägide des Kirchenbauvereins gebaut – der treibenden Kraft hinter den kaiserlichen Kirchenneubauten. "Da war die erste am Nöldnerplatz, die Erlöserkirche, die dort geweiht wurde. Und diese hier war die zweite, 1893", sagt Pfarrer Pockrandt.

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Zur Eröffnung kam das Kaiserpaar. Der evangelische Kirchenbauverein wurde 1890 auf Initiative Kaiser Wilhelms II. gegründet und stand unter der Schirmherrschaft von Kaiserin Auguste Viktoria.
Ziel dieses Honoratiorenvereins, der Geld für den Kirchenbau sammelte, war es, dem Kirchennotstand in Berlin zu begegnen. Der war enorm, wie Benjamin Ziemann erzählt, Historiker an der Universität Sheffield: "In den Großstädten, und gerade in Berlin, gab es um 1900 Gemeinden in Arbeitervierteln, wo bis zu 60.000 Evangelische auf einen einzigen Pfarrer kamen."

Kirchen als Bastionen gegen die Sozialisten

Obwohl Berlin nach der Reichsgründung rasant gewachsen war und 1890 die Millionengrenze überschritt, war in diesem Zeitraum keine einzige evangelische Kirche gebaut worden.
Das hatte verwaltungstechnische Gründe: Der preußische König durfte nach der Reichsgründung den Kirchenbau nicht mehr aus dem Staatshaushalt finanzieren, der Magistrat lehnte finanzielle Unterstützungen ab, weil die Kirchen seit 1873 selber Kirchensteuern erheben durften.
Und noch einen Grund gab es für die Gründung des Kirchenbauvereins: 1890 hatte Kaiser Wilhelm II. Bismarcks Sozialistengesetze gegen die Sozialdemokratie nicht verlängert – er wollte den Kampf gegen die als Umstürzler angesehenen Sozialdemokraten nicht mit Verboten führen.
"Er setzt dagegen ein anderes Konzept, nämlich eine konservative Werteoffensive. Und ein Medium dieser Offensive waren Kirchen", erklärt Kulturwissenschaftler Jens Wietschorke von der Universität München. Es ist eine andere Strategie auch gegenüber der Sozialdemokratie, der man das Wasser abgraben wollte: Kirchen als Versammlungsorte, als Wertevermittler und als Repräsentationsbauten."

Religionsferne Arbeiterschaft

Die evangelische Kirche sollte helfen, die Arbeiterschaft in die Gesellschaft zu integrieren und von der Sozialdemokratie wegzuführen. Die SPD galt als glaubensfeindlich, sagt Historiker Benjamin Ziemann: "Die hatte sich 1891 in ihrem Erfurter Programm darauf verpflichtet: Religion ist Privatsache, aber am linken Rand der SPD gab es wichtige und an Gewichtigkeit zunehmende Stimmungen und Strömungen, die auf eine radikale Religionsfeindlichkeit setzten."
Allerdings war die SPD nicht alleine für die Religionsferne in der Arbeiterschaft verantwortlich, wie Ziemann erklärt: "Die evangelischen Kirchen haben die industrielle Arbeiterschaft verloren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zumal in den großen Industriestädten. Es ist geschätzt worden, dass weniger als ein Prozent aller Evangelischen in Berlin noch am Kirchenbesuch teilnahmen, und das ist eine von der Arbeiterbewegung und dem Proletariat geprägte Stadt."
Der Protestantismus stand der Arbeiterschaft ferner gegenüber als der Katholizismus, der mit seinen Arbeitervereinen besser im proletarischen Milieu verankert war.

An den Bedürfnissen der Gemeinden vorbei

Das zeigte sich auch an den Planungen des Kirchenbauvereins. Sie hatten oft wenig mit der Realität der Gemeinden in den Arbeiterbezirken zu tun, investierten zum Beispiel viel Geld in die Ausstattung der im historisierenden, neugotischen Stil errichteten Kirchen, aber für den Bau von Gemeindehäusern blieb nichts mehr übrig.
So sei auch in der Immanuelkirche gewesen, sagt Gemeindepfarrer Mark Pockrandt: "In der Kirche kann man ja hier keine Gruppenzusammenkünfte machen, wie zum Beispiel für die Armenhilfe. Das war ein ganz bedeutsamer Zweig hier in der Gemeindearbeit. Und die haben 30 Jahre lang immer beantragt, dass sie ein Gemeindehaus bekommen."
Die zum Teil auf über 1000 Plätze ausgelegten Kirchen waren dagegen oft überdimensioniert. "Diese Berliner Großkirchen, die in Gemeinden wie zum Beispiel Heilig-Kreuz in Kreuzberg aufgebaut wurden, die standen im Prinzip leer", sagt Historiker Benjamin Ziemann.
Das hat sich bis heute in vielen Gemeinden durchgehalten – zu viele Kirchen für zu wenige Kirchgänger. "Wenn wir unseren Wedding als Beispiel nehmen, hier gibt es mittlerweile vier Kirchengemeinden im westlichen Wedding. Vermutlich würde das, was alle vier Gemeinden leisten, auch in einer unterzubringen sein", sagt Pfarrer Thilo Haak.

Säkularisierung schritt trotz neuer Kirchen fort

Pfarrer Pockrandt von der Immanuelkirche findet sein Gotteshaus mit 1200 Plätzen dagegen nicht zu groß: "Also, die Kirche ist für diese besonderen Anlässe nach wie vor von der Größe her optimal. Dadurch, dass zum Beispiel hier sehr große Konfirmandenjahrgänge sind, bekommt man hier zu den Konfirmationen dann alle, die kommen wollen, unter." Zwar ist die Kirche bei normalen Gottesdiensten dünn besetzt, aber das, so Pockrandt, war im Kaiserreich auch nicht anders.
Im Berliner Stadtbild sind die Kirchen dieser Bauperiode bis heute präsent. Die Säkularisierung aber hat das kaiserliche Bauprogramm nicht aufhalten können.
Für die protestantische Kirche waren Großstädte wie Berlin seit dem 19. Jahrhundert ein ebenso wichtiger wie problematischer Ort, sagt Jens Wietschorke: "Grundsätzlich bezieht sich der Protestantismus ja viel mehr auf die Lebensführung und das gute und richtige Leben. Man könnte sagen, der Alltag ist da viel mehr der Schauplatz der Heilsgeschichte als im Katholizismus. Und deswegen ist natürlich ein Alltagsschauplatz wie die Stadt besonders wichtig", so der Kulturwissenschaftler. "Aber die Großstadt ist kein Ort nur der guten Werke, sondern sie ist einer der Unsittlichkeit, der Ablenkung, der Vergnügungen und der Gefahren – und daher kommt dann die Stadtkritik."

Stadt als Herausforderung für die Kirchen

Und die, so Wietschorke, fiel in protestantischen Schriften auffallend schärfer aus als in katholischen. Der Missionierungsgedanke war in Großstädten wie Berlin, das laut einem Zeitgenossen von der Stadtmission damals im Ruf der "vergnügungs- und versuchungsreichsten" Stadt der Welt stand, bei Protestanten besonders ausgeprägt.
Heute sind die Protestanten zwar immer noch die größte Religionsgemeinschaft in Berlin, aber ihr Anteil an der gesamten Stadtbevölkerung beträgt weniger als 14 Prozent – die Hauptstadt bleibt eine Herausforderung.
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