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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.03.2016

Arbeiten in der IT-BrancheWo bleibt ihr, Mädels?

Von Anna Bilger und Vanessa Loewel

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Inneneinsicht einer Festplatte - ein Männlein mit Besen putzt eine defekte Leiterplatte.  ( imago/blickwinkel)
Inneneinsicht einer Festplatte - ein Männlein mit Besen putzt eine defekte Leiterplatte. ( imago/blickwinkel)

Wer Informatik studiert hat, braucht sich in der Regel keine Sorgen um seine berufliche Zukunft zu machen. Jobs in der Informatik gibt es viele. Doch vor den Computern sitzen fast ausschließlich Männer. Nur ein Fünftel der Informatikstudenten sind Frauen - der Anteil von Informatikerinnen in der Arbeitswelt ist sogar noch geringer. Wo bleiben bloß die Frauen?

Computer-Nerd, der: Ein Mann, der ein obsessives Interesse an Computern hat und deswegen meistens als sozial isoliert gilt. Der Begriff Computer-Nerd hat sich in Internetcommunitys unter Computerfreaks zu einer selbstironischen Eigenbezeichnung entwickelt, in einigen Medien und Fernsehserien gilt der Nerd bereits als cool. Frauen allerdings schließt dieser Begriff nicht ein.

Christin Westermann: "Ich werde tatsächlich auch oft angeschrieben auf Jobportalen und  lustigerweise auch oft mit 'Hallo Herr Westermann'."

Studentin Fatima El-Hassan: "Am Anfang gab es schon: Informatik? Wirklich ist das was für Dich?"

Westermann: "Oft erstmal dieses oh! Das hätte ich jetzt nicht gedacht....also die Reaktion ist schon noch so, dass man denkt, Frau und Software-Entwicklerin, das passt nicht."

Franziska (bei Women who code): "Erstmal ist es das typische Ding, wenn man die einzige Frau ist, ist man immer die Frau, die programmiert. Das heißt, man wird gefragt, wie kommt es denn, dass du programmierst?"

Christine Regitz hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert. Wo bleiben die Kolleginnen? Sie arbeitet seit über 20 Jahren bei SAP, dem größten europäischen Softwarekonzern, immer als eine Frau unter vielen Männern.

Christine Regitz: "Ich würde mal sagen, wenn wir so weitermachen brauchen wir noch 200 Jahre bis wir ein einigermaßen vernünftiges Geschlechterverhältnis in der Informatik haben. Wenn man sich die letzten 20-25 Jahre anschaut, dann sind wir nicht viel weiter als wir in den 70er Jahren waren."

Frauenanteil von 15 Prozent

Der Frauenanteil in der Informatikbranche liegt derzeit bei 15 Prozent, das heißt: Auf sechs männliche IT-Spezialisten kommt eine Frau. Diese Zahlen, die der Branchenverband BITKOM im letzten Jahr veröffentlicht hat, belegen, wie langsam sich die Verhältnisse ändern. Lediglich die Zahl der Studienanfängerinnen in der Informatik hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert: Im vergangenen Jahr sind knapp ein Viertel, nämlich 23 Prozent, Frauen.

Christine Regitz engagiert sich seit Jahren für mehr Frauen in der IT – und verbringt viel Zeit in entsprechenden Gremien: Sie ist Sprecherin der Fachgruppe "Frauen und Informatik" der Gesellschaft für Informatik, Sprecherin des BITKOM Arbeitskreises Frauen und Mitglied des European Centres for Women und Technology. Bei SAP sitzt sie als eine von vier Frauen im Aufsichtsrat.

Walldorf in Baden-Württemberg – eigentlich nur deshalb bekannt, weil hier die Konzernzentrale von SAP sitzt. 70.000 Angestellte weltweit.

Das Firmengelände in Deutschland ist eine eigene kleine Stadt: Bürogebäude, Kindergarten, Tennisplätze. In Haus Nummer 1, dem Headquarter, sitzt Christine Regitz an ihrem Schreibtisch.

"Die Situation ist eigentlich hervorragend, nie waren Frauen begehrter in dem Fach und nie waren die Türen weiter offen als sie im Moment sind. Aber das Problem ist natürlich: auch wir als SAP suchen händeringend nach den Frauen in der Informatik."

Christine Regitz ist Vice President User Experience, das heißt, sie ist für die Bedienbarkeit verschiedener Software-Produkte verantwortlich.

"Wir machen das SAP System nutzbarer, einfach zu erlernen und schicker, zeitgemäßer und das ist User Experience... wie Sie durch ein System navigieren, wie oft müssen sie klicken, gibt es eine intelligente Suche..."

Die 49- jährige hat BWL und Physik studiert, hat aber schon im Studium begonnen sich für Informatik zu interessieren und ist dann über Umwege bei der Software-Firma gelandet.

Hardcore nur für Männer

Ein Konferenzraum, acht Männer, zwei Frauen. Ein "All-Hands-Call" steht an. Das heißt: alle Beteiligten, die an einem Produkt arbeiten, werden zusammengerufen. Weltweit.

Nach der Sitzung geht Christine Regitz den Flur entlang zur nächsten "Coffee-Corner": gelbe Sofas, die Wände mit Holz verkleidet, Kaffee kostenlos. Viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen warten mit dem Kaffeebecher in der Hand auf die Chefs, denn gleich geht eine "Session" los....

"Sie sehen jetzt hier wird es voll, und da stehen zwei hohe Herren, das sind unsere Level 1 Manager, die sind direkt unter dem Vorstand, die sind jetzt hier in der Kaffeeecke und erzählen was zur Strategie, zum Tagesgeschäft, ein ganz offenes Format."

Frage Reporterin: Stehen da auch manchmal Frauen?

"Ja, allerdings sehr selten. Das ist schade. Viele Frauen stehen da, wenn wir erzählen was in der Kundenecke passiert.  Wenn es um Hardcore-EL-Themen sind, stehen da fast immer Männer. "

Ein Drittel der Belegschaft von SAP sind Frauen –  die meisten von ihnen arbeiten jedoch nicht als Programmiererinnen, sondern in der Buchhaltung oder im Personalbereich.

Viele Mädchen wissen oft heutzutage gar nicht, was man alles mit Informatik machen kann, wie breit das Berufsbild eigentlich ist, sagt Christine Regitz. So sei zum Beispiel in einem Auto mittlerweile ein kompletter Rechner verbaut.

Regitz: "Wir müssen es schaffen, die Breite, die es in unserem Leben spielen wird, nochmal zu verdeutlichen. Jeder hat ein mobiles Telefon, so n pad, jeder hat einen E-Reader, einfach als Alltagsgerät, dass da ganz viel Informatik drin steckt, verschwindet schon wieder..."

Problem beginnt in der Schule

Das Vermittlungsproblem beginnt für sie schon in der Schule. Informatik sollte  ein Pflichtfach sein. Und endlich müsse Schluss sein mit den Vorurteilen.

"Ich glaube, es wird immer noch sehr viel erzählt, dass Mädchen Mathe oder Technik nicht können, und ich glaube, Mädchen kokettieren damit auch so ein Stück weit."

Ute Schmid, Professorin für Informatik an der Uni Bamberg:  "Es gibt auch Studien die zeigen, dass das teilweise unbewusst von den Lehrkräften vermittelt wird. (..) Und interessanterweise ist es auch so, dass nicht nur Lehrer sondern auch Lehrerinnen dieses Vorurteil bedienen."

Wenn es also dieses Vorurteil den Mädchen gegenüber gibt – wo kommt es her? Fakt ist: In anderen Ländern, etwa in den osteuropäischen Staaten, aber auch in der ehemaligen DDR, waren und sind viel mehr Frauen in technischen Berufen - und zwar ganz selbstverständlich. Ende der Achtziger Jahre waren an der TU Rostock 65 Prozent der Informatikstudenten weiblich! Nach dem Mauerfall waren es nur noch acht Prozent. Die Quote der Informatikstudentinnen in Bulgarien? Liegt 2012 bei 39 Prozent!

Osteuropa: Frauen IT-affiner

Ähnlich sieht es in Mazedonien aus, wo Alexandra Gravilovska aufgewachsen ist und Informatik studiert hat. Sie 34 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr als Software-Entwicklerin in Berlin. Bei der weltweiten Musikplattform "Soundcloud" programmiert sie eine App für das I-Phone. in ihrem Team ist sie die einzige Frau. Wenn sie mit Kolleginnen aus Deutschland oder den USA spricht, hört sie oft, dass Mädchen in ihrer Schulzeit nicht ermutigt wurden, oder sogar entmutigt wurden. Das hat Alexandra Gravilovska in Mazedonien ganz anders erlebt:

Aleksandra Gravilovska: "In der Schule wurden wir alle ermutigt Mathe zu lernen. Da hieß es auch nicht, ach, macht doch Kunst oder Sprachen. Wir wurden genauso wie die Jungs angehalten, Mathe zu machen, Physik, Chemie. An der Uni war in Mathematik und Naturwissenschaften das Verhältnis 50/50. Das heißt, als Studentin habe ich mich immer wohl gefühlt. Ich hatte immer viele Freundinnen, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Und: Wir waren genauso gut wie die Jungs, oft sogar besser, weil wir unser Studium ernster genommen haben."

Studien zeigen: Mädchen – und auch Jungen – ergreifen eher dann typisch männliche Berufe, wenn ihre mathematische Kompetenz höher ist als ihre Lesekompetenz. Es ist also wichtig, die Mädchen schon früh in der Schule für Fächer wie Mathe, Physik und Informatik zu begeistern. Die vielen Förderprogramme von Unternehmen, Branchenverbänden und dem Bundesministerium für Forschung, setzen oft später ein, erst dann, wenn es um die Studien- oder Berufswahl geht: Die Kampagnen heißen zum Beispiel "Girls Day" oder "Komm mach Mint".  MINT- das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

MINT-Kampagne nur mässig erfolgreich

In der Informatik ist der Erfolg der Mint-Kampagne allerdings noch immer mäßig. Zwar sind die absoluten Zahlen gestiegen, also insgesamt studieren viel mehr Frauen und Männer Informatik  - und noch nie haben so viele Frauen ein Informatikstudium begonnen wie 2014.

Aber wenn man sich die Prozentzahlen anguckt, hat sich nicht viel geändert:  Knapp ein 5tel Frauen im Informatikstudium? Das hat es schon 1978 gegeben.

Bei den Ausbildungsplätzen in den IT- Berufen sieht es noch schlechter aus: dort stagniert der Anteil zurzeit bei 9 Prozent.

Ute Schmid: "Das Berufsbild Informatik ist sehr vage in der Öffentlichkeit (...) Das Image, das sind die Nerds, die im Keller sitzen und programmieren, ist immer noch vorherrschend, Aber Informatik, moderne Softwarearbeit ist immer Teamarbeit... das heißt es ist ein sehr kommunikativer Beruf, was man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht denkt."

Sind Programmierer nur bleiche, männliche Nerds?

Sind es also auch die gängigen Klischees, die Mädchen davon abhalten, Naturwissenschaften oder Informatik zu studieren? Die Vorstellung, dass jeder Programmierer ein bleicher asozialer Nerd mit schlechter Körperhygiene ist? Hat die Informatik ein Imageproblem?

Ute Schmid: "Frauen wählen Informatik häufig als 2. Weg, weil sie sich weniger zutrauen."

Ute Schmid ist seit 12 Jahren Professorin für Informatik, Fachgebiet Künstliche Intelligenz, an der Universität in Bamberg. Die Studienanfängerzahlen hier sind besser als anderswo, fast ein Drittel der Studenten sind Frauen. Das liege vor allem daran, dass in Bamberg alle Informatikstudiengänge unter einem Dach unterrichtet werden und es gemeinsame Grundlehrveranstaltungen gibt – sagt Ute Schmid. So träfen die Studiengänge mit mehr Frauen wie etwa "Wirtschaftsinformatik" auf die mit weniger Frauen, etwa "Grundlagen der Informatik".

Dass Frauen aber überhaupt damit beginnen Informatik zu studieren, dass beruhe oft auf Zufällen - hat Ute Schmid beobachtet.

Ute Schmid: "Ich finde es immer wieder schade, wenn Studentinnen mir erzählen, über welche Umwege sie erst im Studium der Informatik gelandet sind, weil sie nie Kontakt mit der Informatik hatten oder aber weil sie es wollten, es sich aber nicht zugetraut haben."

Warum nicht Informatik studieren?

Professorin Juliane Siegeris: "Ich wollte eigentlich Psychologie studieren, und Psychologie war der Numerus Clausus zu hoch und ich habe dann geguckt was wird denn in Berlin noch angeboten."

Franziska (bei Women who code): "Ganz klassisch, so wie das fast bei allen ist: Mein Freund ist Informatiker und ich wollte mal wissen, was er da so macht."

Julia (bei Women who code): "Ich habe eigentlich Soziologie studiert, und habe dann als Projektmanagerin in einer Internetagentur gearbeitet, und da bin ich auf die Idee gekommen, dass es mich interessiert stärker in die technische Schiene einzusteigen."

Ob es nun an den Stereotypen liegt, am Image des Faches oder am Schulunterricht: Auch heute noch kommen die meisten jungen Frauen oft nicht einmal auf die Idee, dass Informatik überhaupt eine Berufsperspektive für sie sein könnte:

Fatima El-Hassan: "Zuhause, privat war ich immer so das Computermädchen zuhause, aber das war nie so, dass ich darüber nachgedacht habe, Informatik zu studieren, auch in der Schule, war das nie vorstellbar. Also, der Informatikkurs war bei uns nur mit Jungs befüllt."

Hochschulstudium nur für Frauen

Fatima El Hassan ist 24 Jahre alt, sie studiert "Informatik und Wirtschaft" an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Sie hört die Vorlesung "Modellierung von Informationssystemen".

27 Frauen sitzen mit Fatima in der Vorlesung. Denn "Informatik und Wirtschaft" ist ein reiner Frauenstudiengang. Vor fünf Jahren wurde er gegründet, jedes Jahr werden 40 Frauen aufgenommen. Die meisten von ihnen sagen, dass sie sich ohne diesen Studiengang wahrscheinlich nicht getraut hätten, Informatik zu studieren: Für Sara Ganter ist es bereits das zweite Studium, die 30-Jährige hat erst Mode- und Grafikdesign studiert.

Sara Ganter: "Dass das ein Frauenstudiengang war, das war für mich ein wichtiger Punkt. In der Schule war das so, dass ich fand, dass die Jungs sich da doch sehr hervorgetan haben und die Mädchen untergangen sind, gerade in den MINT-Fächern und da ich nicht so viel, also eigentlich gar keine Vorerfahrung in den Bereichen IT hatte, und ich mir vorgestellt habe, dass die Jungs da doch so ein bisschen weiter sind."

Das Vorurteil, Jungs könnten besser mit Computern, hält sich so stark, dass nur eine List hilft, sagt Juliane Siegeris. Die Informatik-Professorin ist die Sprecherin des Frauenstudiengangs:

"Das besondere an unserem Studiengang ist, dass wir sagen, wir fangen bei Null an. Und das scheint im Kontext, dass es eben nur Frauen sind, dann glaubwürdiger zu sein. Tatsächlich fangen die anderen Studiengänge auch bei Null an."

Es gilt: Selbstbewusstsein stärken!

Die HTW wirbt mit drei Dingen: Keine Vorkenntnisse nötig, Fragen erwünscht, Kinder- und Familienfreundlichkeit. Die Präsenzzeiten liegen zwischen 10 und 16 Uhr. Die Zahl der Mütter ist verhältnismäßig hoch, und interessanterweise auch die von Frauen mit Migrationshintergrund.

Professorin Juliane Siegeris: "In anderen Ländern ist die Informatik häufig nicht so Männer dominiert. Ich weiß zum Beispiel in der Türkei spielen sich Männerberufe häufig in der Öffentlichkeit ab, während Frauenberufe eher im Büro oder so sind und da ist Informatik dafür prädestiniert, dass es eher ein Frauenberuf ist als Männerberuf."

Der Frauenstudiengang funktioniert als Einstieg in die Informatik: Die Bewerberinnenzahlen steigen, die Abbrecherinnenquote ist niedrig. Aber was passiert, wenn die Studentinnen in den Beruf starten? Oder weiter studieren wollen? Ist der Start in die Männerwelt, die die IT nunmal ist, dann nicht viel härter?

Der Studiengang muss gegen Vorurteile und das Label "Mädcheninformatik" ankämpfen. Das heißt: die Frauen auf einen hohen Wissensstand bringen und ihr Selbstbewusstsein stärken.

Professorin Juliane Siegeris: "Ich glaube das gelingt uns, durch die vielen Praxiskontakte. Wo die Studenten auch selbst erfahren, dass sie den Aufgaben gewachsen   sind, und es gelingt uns, dass wir das auch kommunizieren, dass wir die gleichen Lehrinhalte haben, wie in den anderen Studiengängen auch."

Fatima El-Hassan: "Ich würde jetzt im Nachhinein auch mit Männern zusammen studieren, das wäre kein Problem, man kriegt im Laufe des Studium dieselben Informationen und weiß, wir sind auf demselben Stand, wir können das selbe, teilweise können wir Sachen besser."

Fatima El-Hassan will nach ihrem Bachelor weiter studieren und später vielleicht in die Forschung gehen. Die Erfahrung aus den Vorjahren hat gezeigt, dass die Absolventinnen des Frauenstudienganges problemlos weiter studieren oder in den Beruf starten – als Programmiererinnen. Sara Ganter möchte genau das machen, nach ihrem Abschluss.

Immer die Außenseiterrolle im Team

Sara Ganter: "Ich mag den Studiengang gerne, so unter Frauen. Ich weiß, dass das eine spezielle Situation, die man so nie wieder hat. Und für mich wäre es auch schön nicht die erste Frau in einem Team zu sein."

Informatikerinnen sind in der Arbeitswelt immer etwas Besonderes, immer in der Minderheit, immer in der Außenseiterrolle. Darauf haben viele junge Frauen keine Lust.

Christine Westermann: "Wenn man in so eine Firma reinguckt, dann sind da halt nur Männer in der IT, und wenn man da niemanden hat, wo man weiß, da sind auch Frauen, das fehlt halt einfach. Da gibt es noch nicht die Menge in den Unternehmen, dass man da hochschauen kann zu den Frauen."

Im Foyer von Immobilienscout24: Die größte deutschsprachige Internetseite für Immobilien hat ihren Sitz in Berlin, in einem modernen Bürokomplex. Im Foyer stehen für die Mitarbeiter Espressomaschinen, bunte Sitzwürfel, eine Tischtennisplatte, zwei Kicker. Die meisten, die sich hier einen Kaffee holen, sind junge Männer um die 30.

Christin Westermann kann keine lange Pause machen: Ihre Kollegin wartet, Programmieren ist häufig Teamarbeit. Die 26-jährige ist Software-Entwicklerin. Sie hat Wirtschaftsinformatik studiert, wobei sie schnell herausgefunden hat, dass sie die Informatik mehr interessiert als der Wirtschaftsteil ihres Studiums. Jetzt programmiert sie die Server bei Immobilienscout24. Zum ersten Mal in ihrer beruflichen Laufbahn arbeitet sie in einem Team mit mehr als nur einer weiteren Frau :

Westermann: "Wir sind tatsächlich, wenn man unsere Teamleiterin dazu zählt, als Frauen in der Überzahl in diesem Team. Aber auch bei den Entwicklern sind wir 50/50. (…) Es ist tatsächlich auch eine Ausnahme, es ist wirklich so, das Frauenteam halt."                  

Das "Frauenteam" ist ohne Vorgabe oder Quote von Seiten der Führungskräfte entstanden: Es hat sich zufällig entwickelt.

Wo Frauen sind, kommen mehr hinzu. Dabei hilft es sicherlich, wenn, wie in dem Team von Christin Westermann, auch die Chefin eine Frau ist. Informatikerinnen stellen häufiger Informatikerinnen ein. Und: Informatikerinnen bewerben sich auch lieber dort, wo schon mehr Frauen arbeiten. Außerhalb des Teams von Christin Westermann sind die Zahlen bei Immobilienscout24 allerdings nicht anders als in anderen IT-Unternehmen: Von 141 IT-lern sind nur 17 Frauen. Das sind gerade mal 12 Prozent.

Christin Westermann engagiert sich gemeinsam mit anderen dafür, mehr Mädchen und Frauen für den Beruf der Programmiererin zu begeistern - etwa indem sie einen Girls Day in ihrem Unternehmen organisieren oder dafür sorgen, dass Stellenausschreibungen anders klingen. Die sind in der Regel von Männern für Männer geschrieben:

Westermann: "Es gibt so typisch weibliche Worte, die man benutzen kann und typisch männliche Worte. Zum Beispiel das Wort competition, Wettbewerb ist so ein Wort, das eher männlich behaftet ist und dagegen ist Kooperation, das eher Frauen ansprechen würde. Das Ding ist, viele Frauen merken das auch gar nicht. Mir inklusive, das passiert so unterbewusst."

Subtiler Alltagssexismus in der Branche

Es reicht also nicht nur, Frauen zu fördern, zu motivieren, fit zu machen – auch die Arbeitswelt muss sich ändern. Die Arbeitsumgebung in der IT scheint häufig geschaffen zu sein für einen 20 bis 40-jährigen Mann, ohne Familie und einem Leben außerhalb des Berufes. Und: Neben den Rahmenbedingungen spielt auch die Arbeitsatmosphäre eine Rolle. Wie in vielen Männerberufen, hält sich auch in der IT-Branche ein gewisser, wenn auch oft subtiler Alltagssexismus: Kolleginnen, die als "Mädcheninformatikerinnen" bezeichnet werden, sexistische Witze, oder das Misstrauen in die Fähigkeiten der Programmiererinnen.

Aleksandra Gravilovska: "Wir brauchen immer mehr Energie, müssen uns mehr anstrengen, um zu beweisen, dass wir genauso gut programmieren, oder sogar besser. Wir können nämlich auch besser sein!"

In der Praxis zeigt sich: Es geht nicht nur um den Berufsstart. Viele Frauen mit einem Abschluss im Bereich der Informatik steigen nach dem Berufseinstieg frühzeitig wieder aus. Eine Studie der Hochschule Osnabrück belegt dies: Mit 45 Jahren arbeiten nur noch neun Prozent der Frauen mit einem IT-bezogenen Abschluss in der Branche.

Zeit für das Mittagessen in Walldorf. Christine Regitz steht gemeinsam mit Managerin Anne Wolff in der Schlange an der Salatbar. Dazu gibt es Nudeln mit Salbei oder Hähnchenbrust – kostenlos für alle Mitarbeiter.

Anne Wolff leitet bei SAP zwei Teams, ein Entwicklungsteam hat sie gerade neu zusammengestellt. Es sind 4 Frauen und 2 Männer - aus Syrien, Indien, Rumänien, Italien, China und Deutschland. Verschieden zu sein ist beim Programmieren ein großer Vorteil, findet Anne Wolff.

"Die unterschiedlichen Sichtweisen, die die Leute mitbringen, die befruchten sich gegenseitig. In homogenen Teams sind die Leute gewöhnt, insbesondere wenn sie sehr erfahren sind, in gewissen Bahnen zu denken und das tut so ein Team wie das nicht."

Regitz: "Software-Entwicklung ist ein kreativer Prozess, ein diskussionsintensiver Prozess, wo auch viele unterschiedliche Ideen ins Rennen geschmissen werden und das geht eigentlich nur, wenn man unterschiedliche Menschen an einen Tisch bringt und dazu gehören Männer und Frauen, weil Frauen einfach anders in die Welt gucken."

Diverse Teams sind rentabler

Eine Studie der internationalen Unternehmensberatung "PriceWaterhouseCoopers" zeigt: Es lohnt sich für Firmen, mehr Frauen zu gewinnen: Diverse Teams arbeiten besser und rentabler.

Warum setzt sich diese Erkenntnis aber nicht bis in die Vorstandsetagen fort? 23 Prozent der Führungskräfte bei SAP sind weiblich, so das Unternehmen, das bezieht sich allerdings auf Mittel- und Topmanagement zusammen. Ganz oben gibt es nämlich: ganz wenig Frauen. Im 10-köpfigen Global Managing Board: eine Frau. Im 6-köpfigen Vorstand von SAP: keine Frau. Das soll sich bis 2017 ändern, heißt es bei SAP.

In der gesamten IT-Branche sind nur gut sechs Prozent der Top-Manager weiblich.

Anne Wolff: "Je höher man in der Hierarchie kommt, desto weniger Frauen trifft man natürlich an... Ich glaube, das hängt mit Angst zusammen, sich zu sehr verbiegen zu müssen entgegen der eigenen Werte Entscheidungen zu treffen."

Regitz: "Wenn die Männer in den Raum kommen, die markieren erstmal jede Ecke wie so ein Hund, erst dann wenn sie markiert hat, wenn die Hierarchie geklärt ist, dann wird es inhaltlich. Das ist etwas was mich anstrengt, was ich auch selber erlebe, da muss ich sagen, da hab ich keine Lust drauf, ich möchte direkt ins Fachliche gehen und das Hierarchiegerangel gar nicht erst anfangen."

Ute Schmid wollte es genauer wissen. Die Professorin für Informatik ist auch Frauenbeauftragte ihrer Universität. In einer Studie hat sie ihre Absolventinnen und Absolventen befragt und wollte herauszufinden, warum sich die Karrieren unterscheiden, ob Frauen an eine gläserne Decke stoßen?

Das Ergebnis ist nicht repräsentativ, weil die Zahl der Befragten dafür zu gering war, aber es ist interessant: Die Frauen halten sich für genauso kompetent, zum Teil sogar für kompetenter als ihre Kollegen. Sie wollen aber gar nicht unbedingt Karriere machen.

Ute Schmid: "Beim Thema 'Wollen' fand ich es sehr interessant, dass Frauen signifikant häufiger anstreben als Männer ne gute Work-Life-Balance zu haben oder das Leben zu geniessen."

IT-Jobs sind selten teilzeitfähig

Allerdings sind dann häufig die Frauen deutlich zufriedener, die eine Führungsposition haben – als jene, die darauf verzichtet haben, so die Studie.

Ein weiterer wichtiger Punkt: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – auch die ist für Frauen signifikant wichtiger als für die befragten Männer. Und gerade in der Informatik sei das manchmal schwer.

Ute Schmid: "Ein Arbeitsverhältnis in der Informatik ist häufig dadurch ausgezeichnet, dass es ein sehr projektgetriebenes Arbeiten ist, wo es in den Hochphasen kaum möglich ist zu sagen: Ja ich bleibe zuhause, mein Kind ist krank. Oder ich muss um vier gehen, weil ich mein Kind zum Fußball fahren muss."

Christine Regitz will das so nicht gelten lassen: "Nicht jeder Job – auch bei der SAP nicht - ist teilzeitfähig, aber viele sind es. Und vor allem sind wir, weil wir sehr global agieren, total gewöhnt virtuell zu arbeiten. Natürlich sind wir sehr stark termingetrieben das heißt manchmal muss man mehr arbeiten oder es wird mal Wochenendarbeit angesetzt. Dafür hat es viel Freiraum nach hinten raus."

Und im Übrigen arbeiten bei SAP auch eine Menge der Männer in Teilzeit, sagt Christine Regitz.

Wahrscheinlich ist es so: In großen Unternehmen wie der SAP sind flexible Arbeitszeitmodelle kein großes Problem. Schwieriger wird es dann in kleinen und mittelständischen Unternehmen, das weiß auch Ute Schmid von ihren Absolventinnen.

Frauen, die programmieren

Alexandra Gravilovska: "Ich würde gerne von Euch wissen, wie eure Erfahrungen sind? Warum gibt es so wenige Frauen? Oder weniger als wir es gerne hätten. Und da gibt es noch das Problem, dass Frauen nicht in unserem Business bleiben."

Ein Hinterhof in Berlin-Prenzlauerberg: Alexandra Gravilovska begrüßt die knapp 30 Frauen, die an diesem Montagabend gekommen sind. Sie  ist eine der drei Direktorinnen von "Women who code" in Berlin. Women who code", auf deutsch, "Frauen, die programmieren", ist eine weltweite Organisation. Einmal im Monat treffen sich Informatikerinnen und Frauen aus der IT-Branche in Berlin, um zu netzwerken, aber vor allem, um sich über technische Inhalte und Programmierthemen auszutauschen.

"Das ist so eine ganz nette Atmosphäre. Das ist auch mal ganz anders ganz viele andere Frauen zu sehen, die in meinem Bereich arbeiten. Natürlich weiß ich, dass die alle da sind, aber es ist halt eine andere Atmosphäre, wenn man jeden Tag in einer fünf bis zehn Prozent Minderheit ist."

"Ich bin bei jedem Women Who Code gewesen, weil es einfach ein sehr besonderer Raum ist, weil man sonst als Frau immer eine Minderheit ist, bei allen Tech-Events zu denen man hingeht. Das heißt, man wird  gefragt, wie kommt es denn, dass du programmierst. Man ist halt die Frau und nicht einfach die Python-Entwicklerin."  

Alexandra Gravilovska: "Also 'Women who code' ist dazu da, dass wir uns vernetzen und gegenseitig inspirieren, dass wir unsere Fähigkeiten verbessern und anderen Frauen helfen, Karriere zu machen. Nur wenn mehr Frauen auf einem höheren Level arbeiten, dann entsteht ein Umfeld in dem andere Frauen sich nicht ausgegrenzt fühlen!"

Fünf Wege, Mädchen für IT zu begeistern

Was hilft also? Wie kann man Mädchen für Informatik und Frauen für Führungspositionen in derselben begeistern?

Fünf Erkenntnisse:

Frauen fühlen sich da wohl, wo andere Frauen schon sind.

Mädchen brauchen Vorbilder, in den Schulen, in den Medien, im Alltag.

Sie brauchen belastbare Netzwerke und ein Arbeitsumfeld, das nicht nur für Männer gedacht ist – sondern in dem auch Frauen gerne Arbeiten. Hier sind die Unternehmen in der Verantwortung:

Und: Endlich weg mit den Klischees und Vorurteilen! Frauen können Technik.

Der offizielle Teil des Netzwerkabends bei Women who Code ist vorbei, die Frauen stehen zusammen und reden. Statt Bier und Pizza, wie sonst auf solchen Tech-Events, stehen auf den Tischen selbst gebackener Schoko-Kuchen, Rohkost, Quiche und ein Hinweis: "Alles vegan, außer der Käsebällchen."

Sie diskutieren - über Python, Scala, Microservices. Und warum es sich lohnt, all das zu können.

Aleksandra Gravilovska: "Es ist wichtig, dass Frauen ein Teil der It-Welt sind. In der Zukunft wird sich alles um Technik und Innovation drehen. Und wir sollten in der Lage sein, unsere Zukunft selbst definieren und zu gestalten. Ich zumindest, möchte diese Aufgabe nicht allein den Männern überlassen."

 

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