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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.04.2014

AprilscherzNolde soll Mussolini poträtiert haben

Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath für Deutschlandradio Kultur vor Ort in Rom

Moderation: Britta Bürger

(AP / dpa, Montage: deutschlandradio.de)
Der Maler Emil Nolde soll den italienischen Diktator Musollini in den 30er-Jahren gemalt haben. (AP / dpa, Montage: deutschlandradio.de)

Die beiden Aquarelle von Benito Mussolini tragen "eindeutig Noldes Handschrift", urteilt der Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath. Nolde und der Duce sollen sich von einer frühen Reise des Malers nach Italien gekannt haben.

Britta Bürger: Die Kunsthändlerin Francesca Lapiccirella und ihr Handelshaus Antonacci Lapiccirella Fine Art in Rom hat den Stein ins Rollen gebracht. Der Maler Emil Nolde hat offenbar 1938 den italienischen Diktator Mussolini gemalt. Vor einem halben Jahr wurden der Galerie Antonacci Lapiccirella Fine Art zwei kleinformatige, bisher unbekannte Nolde-Aquarelle aus einer Privatsammlung angeboten, Porträtstudien, die offenbar Benito Mussolini zeigen. Das jedenfalls meint der Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath, der von den römischen Kunsthändlern mit der Erforschung der Bilder beauftragt worden ist. Er ordnet die Aquarelle den sogenannten ungemalten Bildern zu, die Nolde schuf, als er in Nazi-Deutschland bereits als entarteter Maler galt. Derzeit ist Wulf Herzogenrath Gast der Villa Massimo in Rom, wo wir ihn heute Früh telefonisch erreichen. Schönen guten Morgen, Herr Herzogenrath!

Wulf Herzogenrath: Ja! Guten Morgen nach Berlin!

Bürger: Sie haben diese Bilder im Original vor sich gehabt. Vielleicht beschreiben Sie uns die erst mal!

Herzogenrath: Ja. Es ist schon erstaunlich, erfreulich und es sind sicher auch die Porträts der Personen, die wir hoffen, dass sie es sind: Wunderbare Nolde-Aquarelle, schwefelgelber Hintergrund wie bei einem Unwetter, der eine Kopf eine Halbglatze, blickt dem Betrachter direkt in die Augen, dunkler Anzug, verwaschenes Grau. Also es ist wirklich auch im Halbprofil im weißen Hemd, der Kopf mit hellerem Licht. Also es ist schon, dass diese Person auch einen Eindruck macht, und die Ähnlichkeiten mit Fotografien von Benito Mussolini aus den 30er-Jahren ist dann schon erstaunlich. Und außerdem finden sich auf der Rückseite diese ganz kleinen mit Bleistift B.M., was natürlich auf den Duce besonders gut hinweist. Interessant, dass beide Bilder diesen Mann nicht in Uniform zeigen, sondern so fast privat eigentlich, vielleicht wie ein Freund, wie einen Bekannten, und trotzdem sind es sehr typische Noldes, wie er sie malte in dieser Zeit, die ja für ihn auch eine ganz schwierige Zeit war, vielleicht auch für die Hörer noch mal, kurz nach der Ausstellung „Entartete Kunst“, in der Nolde beteiligt war und kurz danach auch sein Malverbot auch bekam.

Bürger: Kann man denn sicher sein, dass es sich um echte Nolde-Bilder handelt und nicht um geschickte Fälschungen?

"So eindeutig Noldes Handschrift"

Herzogenrath: Ich bin natürlich nicht jetzt der Spezialist für Nolde, aber es ist so eindeutig, so wirklich lapidar Noldes Handschrift. Aber auch die Kunsthändlerin Francesca Lapiccirella hat Dokumente vorgelegt, die diese Provenienz wirklich bestätigen, dass diese Blätter auch aus dem unmittelbaren Umfeld von Mussolini und von da in eine Privatsammlung gelangt sind und dass vor einem halben Jahr sie die übernommen hat. Diese Details von ihr wollen wir einfach auch klarlegen, weil natürlich Provenienz-Fragen immer ein ganz entscheidender Beleg ist, auch in diesem Fall, und deshalb wollen wir in der Casa di Goethe das um elf Uhr hier vorstellen.

Bürger: Heute in einer Pressekonferenz?

Herzogenrath: Ja.

Bürger: Ist das ganze denn jetzt tatsächlich auch eine kunsthistorische Sensation?

Herzogenrath: Es ist natürlich eine biographische Sensation, und damit wird es eine kunsthistorische Sensation, weil wir auch Porträts von Nolde, die so konkret politische Personen darstellen, eigentlich nicht kennen, sondern es sind eher die Freunde, es sind die Südseebewohner, die er gemalt hat. Aber dass dann hier Benito Mussolini sozusagen physisch uns erscheint, das ist schon eine Sensation.

Bürger: Warum hat Emil Nolde die Nähe zu Mussolini gesucht?

Herzogenrath: Ja man muss natürlich jetzt diese ganze psychologische Situation in Deutschland für Nolde auch noch mal sich vor Augen führen. Auf der einen Seite war er ein deutschvölkisch-nordischer Maler, der eigentlich meinte und Anfang _33 auch wirklich ein Sympathisant der Nazis war, Parteimitglied und eigentlich hoffte, dass das die deutsche Kunst ist, die die Nationalsozialisten fördern.

Das war bei Benn so und ein Oskar Schlemmer hatte zunächst auch die Vorstellung, es könnte doch die deutsche Kunst werden, so – und das ist jetzt der wunderbare Bogen – in Italien Mussolini nicht diese Wahnsinnsvorstellung, dass alles, was modern ist, gleichzeitig entartet ist, hatte. Er hat den Futurismus einbezogen, er hat gesagt, das ist die neue Kunst des neuen Italien, da muss die Moderne zum Faschismus dazukommen, und dieses böse Diktum „Entartete Kunst“, dem wollte Nolde dann doch entgehen. Er konnte ja auch etwas verkaufen in der Zeit, Sprengel hat etwas erworben, aber im Prinzip hoffte er, jetzt vielleicht in Italien etwas machen zu können. Das wäre der erste Beleg, den wir jetzt hier gefunden haben.

Bürger: Gibt es denn weitere Belege dafür, dass die beiden sich tatsächlich kannten?

Frühe Bekanntschaft von Nolde und Mussolini belegt

Herzogenrath: Ja! Da ist gerade vor kurzem bei Stargardt, dem sehr guten Auktionshaus in Berlin, ein Autograf, eine Postkarte von Nolde versteigert worden, die diese frühe Bekanntschaft von Nolde und Mussolini belegt, eine Postkarte aus dem halben Jahr, wo Nolde, kurz nach der Hochzeit mit seiner Ada, ein halbes Jahr in Italien verbringt, in Ischia, und herumreist, und diese Postkarte aus dem Jahr 1905, die belegt nun wunderbar, dass dort eine Bekanntschaft sein könnte, müsste, wenn man B.M. auch richtig wieder liest.

Bürger: Den Text dieser Postkarte hat Wulf Herzogenrath dem Deutschlandradio vorab zur Verfügung gestellt. Emil Nolde schreibt am 5. Mai 1905 auf dieser Postkarte an seine Schwiegermutter das folgende:

"Klein Liebste mein sehnt sich oft heim zu ihrer Mutter. Wir verlassen bald dieses Land germanischer Sehnsucht, das alle nordisch-deutschen Künstler anzieht, bis sie heimkehren mit verschwelten Flügeln, auch die starken. Ich will zuvor noch mit einem jungen Feuerkopf, den ich hier kennen lernte und lieb gewonnen habe, nach Sizilien den Ätna besteigen, in seligem Angedenken meiner Schweizer Fahrten. B.M., rechteckiges Gesicht, donnernde Stimme, ist ein Freund geworden, mein Kumpan in der Taverne, während klein Liebste mein krank im Bett liegt."

Bürger: Das schrieb also der Maler Emil Nolde im Mai 1905 in einer Postkarte an seine Schwiegermutter. Der Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath forscht derzeit in der Villa Massimo über Noldes Beziehung zu dem hier gerade erwähnten B.M., dem italienischen Diktator Benito Mussolini. Unser Thema unseres Gesprächs hier im Deutschlandradio Kultur. – Warum, Herr Herzogenrath, wusste man von dieser Bekanntschaft bisher noch gar nichts?

Herzogenrath: Na ja, eben diese Karte ist jetzt erst aufgetaucht. Selbst wenn sie vorher bekannt gewesen wäre, ist ja auch die Frage, was war 1905 Mussolini, ein unbekannter Lehrer, vielleicht ein politischer Wirrkopf, hat das Nolde wirklich beeindruckt. Dass er es in seinen autobiographischen Schriften später vielleicht nicht erwähnt, kann man ja auch verstehen. Die andere Seite ist: Sein wirklicher Name Nolde war ja Emil Hansen und er wird sicher als Emil Hansen in Italien gewesen sein. Und wenn etwas im Nachlass – und das ist jetzt genau die Frage, was wir forschen müssen -, im Nachlass von Mussolini doch vielleicht etwas von einem gewissen Emil Hansen zu finden ist, da haben die italienischen Kollegen sicher nicht auf diesen Namen geachtet, weil wir diesen Maler nur unter unserem Emil Nolde kennen.

Bürger: Was ist denn aus Noldes Hoffnung geworden, in Italien zu reüssieren?

"Mussolini muss sich zurückgehalten haben"

Herzogenrath: Wir nehmen an – bisher haben wir diese Forschung noch nicht machen können -, dass man jetzt vielleicht doch etwas finden kann. Man muss sehen, dass sich Mussolini wahrscheinlich auch einfach sehr zurückgehalten hat. Er wollte natürlich dann doch seine Nazi-Freunde in Berlin nun auch nicht vor den Kopf stoßen und einen entarteten Künstler nun vielleicht beauftragen oder weiter fördern oder gar eine Ausstellung machen. Von daher muss man jetzt sehen, ob in den Archiven etwas noch interessantes zu finden ist. Man muss aber auch deutlich sagen, dass Mussolini viele deutsche Künstler empfangen hat.

Der Maler Erwin Teske, der Grafiker Willi Geiger, der wirklich ein bedeutender, großer Künstler ist, der Vater übrigens von Ruprecht Geiger, der Bildhauer Fritz Behn, der völkische Maler Rudolf Lengrüsser, diese Künstler waren alle beim Duce. Es ist schon so, dass Mussolini einfach Künstler interessierte. Er war ganz anders als sein deutscher Kollege. Aber die Frage wäre jetzt natürlich auch: Warum hat das Nolde-Museum in Seebüll da noch nicht weiter forschen können? Warum schließen sie jetzt gerade die Nolde-Dependance ihres Museums in Berlin? Gibt es da vielleicht sogar Zusammenhänge? Man muss mal das ganze Feld erst wieder neu forschen und von daher bin ich hier gerne in der Villa Massimo und versuche, einige Gespräche jetzt hier in Italien zu führen.

Bürger: Emil Nolde malte Mussolini – am heutigen 1. April werden diese beiden Nolde-Bilder in Rom der Öffentlichkeit vorgestellt, heute Vormittag um elf in der Casa di Goethe, und über alle weiteren Entwicklungen halten wir Sie natürlich auf dem laufenden. Den Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath haben wir in der Villa Massimo in Rom erreicht. Haben Sie vielen Dank fürs Gespräch, Herr Herzogenrath.

Herzogenrath: Ich danke und grüße nach Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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