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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.09.2007

Appetit auf mehr

"Mariana Pineda" und "Der zerbrochene Krug" in Erfurt

Von Bernhard Doppler

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"Mariana Pineda" und "Der zerbrochene Krug" in Erfurt (L. Edelhoff)
"Mariana Pineda" und "Der zerbrochene Krug" in Erfurt (L. Edelhoff)

Im 2003 eröffneten neuen Opernhaus in Erfurt ist zur schönen Gewohnheit geworden, die Spielzeit jedes Mal mit einer publikumswirksamen Opern-Uraufführung zu starten. Da in der Saison 2007/2008 in Erfurt anlässlich des 400. Geburtstages der Oper in Italien ausschließlich italienische Opern gespielt werden, fiel bei der Uraufführung 2007 naturgemäß die Wahl auf einen Italiener, auf den 1923 in Florenz geborenen, in Deutschland kaum bekannten Musikwissenschaftler und Komponisten Flavio Testi.

Allerdings wird zunächst nicht in Italienisch, sondern in Spanisch gesungen, denn Testis Oper "Mariana Pineda" ist eine Literaturoper- nach dem Drama von Fredrico García Lorca, das Testi übersetzt ließ: die Geschichte einer Andalusierin aus den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, die an der Revolutionsfahne strickt, aber zwischen Polizei, Liebhaber und Revolutionär aufgerieben wird. Die Oper verknappt Lorcas Vorlage, kürzt dramatische Aktionen und legt den Akzent auf die Titelrolle, die auch dank der imponierenden Leistung von Ilia Papandreou zu einer großen Opernfigur mit Tosca oder Santuzza-Anklängen wird.

Die kaum eine Stunde lange Uraufführung wird in Erfurt kombiniert mit der deutschen Erstaufführung von Kleist in Deutschland gut bekanntem Lustspiel "Der zerbrochene Krug", wie "Mariana Pineda" ein bereits hin und wieder als Oper bearbeitetes Drama. Nicht nur die Ausstattung (moderne Kostüme und eine moderne Bühnenlandschaft von Hark Irwin Kittel), auch die gleichförmige Musik, die selten über ein Puccini-Parlando hinausgreift, verbinden die beiden etwas disparaten Werke (Kittel hat eindrucksvoll, aber wenig beziehungsvoll zum Stück einen aufsteigenden Parkettboden mit Steinen, dann mit Skulpturen von ineinander gestapelter Stühle entworfen), wobei "La Brocca Rota" von der dramaturgischen Qualität etwas abfällt.

Testis musikalisches Material bohrt sich bald wie ein gefälliger Klingelton beim Hörer ein (auf vier von den Bläsern geschmetterte "Schicksals"-Töne antworten als Echo weiche Bässe), es entwickelt sich kaum. Sicherlich: Kleists Lustspiel vom zerbrochenen Krug ist nur beschränkt lustig, eher eine Paraphrase auf Ödipus, den Menschen "Adam", der über sich selbst richten muss, dennoch irritiert, dass Testis Oper nicht mehr als eine bekömmliche Kurzfassung des Stückes ist - ohne dramatischen Sog, ohne interpretierende Akzentuierung.

Schauspiel-Aufführungen von Kleists Drama im modernen Regietheater sind dieser braven Opernumsetzung überlegen, und auch dem Regisseur Peter Hailer schienen ein wenig die Hände gebunden. Doch überzeugt neben dem Bühnenbild die sehr solide Arbeit des Orchesters (Dirigent: Lorenz Aichner) und des Ensembles und die traditionalistische, opernhafte, durchaus geschmackvolle, wenn auch bisweilen eintönige Musik wird sicherlich - was sonst oft bei Uraufführungen zu befürchten ist - kein Publikum vergraulen. Ja, für die Erfurter italienische Spielzeit sind Testis kurzen Opern ein netter Antipasti-Teller, der Appetit auf die nächsten Produktionen macht.

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