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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 22.03.2017

AppellFür mehr Vernunft in "postfaktischen" Zeiten

Von Vanja Budde

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Johano Strasser, ehemaliger Chef des deutschen PEN (picture alliance/dpa/Uwe Zucchi)
Johano Strasser, ehemaliger Chef des deutschen PEN: "Wichtig ist mir, dass Vernunft im Gegensatz zu dem, was man unter Postfaktischem versteht, nicht nur kalte rechenbare Vernunft ist" (picture alliance/dpa/Uwe Zucchi)

Wir leben – so heißt es neuerdings – in "postfaktischen" Zeiten. Aber was bedeutet das eigentlich: Irrationalität und Unvernunft als politische Alternative? Für den Schriftsteller Johano Strasser ist das ein schwer erträglicher Zustand. Er war darum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Potsdam als Gesprächsgast eingeladen.

Den neuen Mode-Begriff postfaktisch hält Johano Strasser für ziemlich unsinnig. Schon immer hätten Politiker Fakten nach eigenem Gusto geschaffen und sich die Wahrheit zurechtgebogen. Aber die Intellektuellen hätten sich hochnäsig von den Mühen der politischen Ebene abgewandt.  

"Die heutige Krise der Aufklärung und des verständigungsorientierten Denkens und Sprechens und damit zugleich die Krise der parlamentarischen Demokratie ist auch das Werk von Intellektuellen, die in ihrer Sehnsucht nach existenzieller Unmittelbarkeit meinten, es nicht länger ertragen zu können, dass Politik in der Demokratie immer ein umwegiger, mit vielen Kompromissen beladener, und zuweilen auch langweiliger Prozess ist."

Aufklärung als Leitlinie der Politik

Für Strasser sind die Intellektuellen mitverantwortlich dafür, dass die Ideale der Aufklärung heute gegen den europaweiten Rechtsruck verteidigt werden müssen, aber nicht allein. Es werde höchste Zeit, die Wertetrias der Aufklärung unverkürzt als Leitlinie der Politik heran zu ziehen.

"Denn Freiheit ohne Gleichheit bleibt immer Privileg, und eine Vernunftordnung der Freien und Gleichen kann nur Bestand haben, wenn sie durch das Band des Vertrauens und der gegenseitigen Achtung zusammengehalten wird, das die Aufklärer mit dem Begriff der "Brüderlichkeit", heute würden wir aus guten Gründen lieber sagen "Solidarität", bezeichneten."
 
Für Strasser haben die Gegner der Demokratie auch deswegen so viel Zulauf, weil mit der Ungleichheit Respektlosigkeit und Ignoranz einhergehen.

Die Arroganz der Eliten

"Es gibt tatsächlich eine Arroganz vieler Technokraten, Politiker, Banker, die häufig dann in der Hauptstadt zusammensitzen, sodass man sagen kann: Also da, die Berliner, die Washingtoner, die in Paris, das sind die Bösen. Damit kann man agitieren. Das sind Vorlagen für Populisten. Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht immer den Populisten diese Vorlagen schaffen."

Was heißt das für diejenigen, die dem Populismus keine Vorlagen liefern wollen? Strasser, der ehemalige Präsident des PEN-Zentrums, kritisiert schon seit Jahrzehnten in seinen politischen Schriften das ökonomisch zentrierte Denken.

"Das heißt, man muss bedenken, unter welchen Bedingungen Menschen faire Chancen haben, etwas, ihre Vorstellung einzubringen. Dazu gehört, dass man als vernünftiger Mensch ein offenes Ohr haben muss für die unterschiedlichen Weltsichten, für die Probleme der Menschen, für die Signale der Verzweiflung, für die Emotionen, die in ihnen aufwallen, usw., das alles gehört mit zu einer vernünftigen Gestaltung der Gesellschaft."

Der Vernunftbegriff des Humanismus und der Aufklärung sei viel weiter gefasst gewesen, betont der Publizist mit dem weißen Lockenschopf und struppigen Schnauzbart.

Demokratie bietet Alternativen 

"Wichtig ist mir, dass Vernunft jetzt im Gegensatz zu dem, was man unter Postfaktischem alles versteht, nicht nur kalte rechenbare Vernunft ist, sondern dass eine Vernunft-Ordnung einer Gesellschaft eben auch voraussetzt, dass man die Bedingungen dafür schafft, dass man sich verständigungsorientiert verhält. Und deswegen, glaube ich, ist es wichtig, dass wir uns auf eine Vernunft-Ordnung hin orientieren, die jenseits der neoliberalistischen Organisation der globalen Welt zu finden ist."

Johano Strasser ist seit 1973 Mitglied der Grundwertekommission der SPD. Deren Agenda-Politik unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder habe die Lebensleistung von Menschen missachtet. Auch darum seien die aufklärerischen Ideale von Bildung und vernunftgeleiteter Lebensführung und die daran geknüpften Fortschrittshoffnungen in großen Teilen der Gesellschaft in Misskredit geraten. Wird jetzt alles anders?

"Jetzt ist da ein Kandidat, der unabhängig von diesen Fesseln der Großen Koalition Wahlkampf führen kann, und er kann wieder deutlich machen: Die Demokratie selbst stellt Alternativen, und deswegen brauchen wir nicht unbedingt eine Alternative für Deutschland als AfD."

Aufstehen für Europa und die Demokratie

Da spricht erkennbar der Sozialdemokrat. Aber das politische Credo des Literaten ist nicht auf das Martin-Schulz-Milieu begrenzt. Die schweigende Mehrheit müsse den Mund aufmachen, Politik und Gesellschaft sollten aktiv werden, statt sich über Trump, Erdogan, Le Pen und Petry zu empören.

"Wenn wir jetzt begreifen, dass für den Erhalt der Demokratie und eines geeinten Europas gekämpft werden muss, dass es mit einem "Weiter so" nicht getan ist, dass vielmehr eine Kursänderung in der Wirtschafts-, der Sozial-, der Bildungs- und Medienpolitik dringend notwendig ist, dringender noch als bei Fragen der inneren und äußeren Sicherheit, dann bin ich sicher, dass die Demokratie in Deutschland und in Europa den Zangenangriff islamistischer Gewalt und rechtspopulistischer Verführung abwehren und gestärkt aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen wird. Danke."

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