Dienstag, 27.07.2021
 

Tonart | Beitrag vom 20.07.2021

App "Fave"Fandom zu Geld machen

Von Christoph Möller

Die sieben Mitglieder von BTS auf einer Brücke. Einige sitzen in pinken Sesseln. (picture alliance / YONHAPNEWS AGENCY | Yonhap)
Die K-Pop-Band BTS hat die aktuell vermutlich mächtigste Fanbase im ganzen Internet. (picture alliance / YONHAPNEWS AGENCY | Yonhap)

Keine Marketingkampagne für Popstars kommt heute ohne Fans aus, die kostenlos Promo für ihre Helden machen. Neue Apps wie "Fave" wollen diese Leidenschaft jetzt kapitalisieren und im Gegenzug die engagiertesten Anhänger belohnen.

Die Fans der südkoreanischen Boygroup BTS haben Macht und Einfluss. Regelmäßig kapern die K-Pop-Anhänger Hashtags wie #whitelivesmatter – um auf Probleme wie Rassismus aufmerksam zu machen. Und: Sie organisieren sich strategisch, um die neuen Songs ihrer Idole möglichst weit oben in die Charts auf der ganzen Welt zu bringen. Ihre Arbeit machen sie kostenlos – bezahlt werden sie nur mit dem Wissen, dass die Message ihrer Idole verbreitet wird.

Majorlabels und Start-ups wie die App "Fave" wollen diese Aktivitäten nun zu Geld machen: Sie schaffen Plattformen, an denen sich sogenannte Superfans organisieren können. Und sogar mit ihren Idolen persönlich sprechen können.

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Die App verspricht ein "horizontales" Fan-Erlebnis – so heißt das in der Fachsprache, wenn sich Anhänger und Bands auf Augenhöhe treffen sollen. Optisch erinnert das sehr an TikTok.

Fans zahlen mit ihren Daten

"Fave" ist zwar noch ziemlich neu, Investoren haben aber bereits über zwei Millionen Dollar in das Start-up investiert. Fans, die besonders viel posten, erhalten Punkte, die sie dann etwa gegen VIP-Konzerttickets eintauschen sollen. Im Gegenzug wird deren Nutzungsverhalten in der App analysiert und dann an Labels oder die Künstlerinnen und Künstler verkauft.

Jacquelle Amankonah Horton, sie war einige Jahre Managerin bei Google und ist jetzt Chefin von "Fave", sieht keine Probleme in diesem Geschäftsmodell: "Wir stellen sicher, dass wir keine Dinge tun, die das Team des Künstlers oder die Fans nicht wollen. Wir haben die Fans selbst gefragt: Wäre es in Ordnung, wenn wir Infos über neue Fans weitergeben? Und viele sagen: Ja, ich fände es toll, wenn die Labels wissen, dass ich neu bin und über neue Dinge informiert werde – und belohnt werde."

Doch "Fave" ist nicht die einzige App, die die Leidenschaft der Fans zu Geld oder Daten machen möchte. Bei "Cameo" können User Geld bezahlen, um ihre Idole im persönlichen Gespräch zu treffen. "Stationhead" veranstaltet sogenannte Listening-Partys, bei denen die Anhänger sich und virtuell treffen und gemeinsam die neuen Songs ihrer Stars streamen.

Ami Patel ist Musikmarketingexpertin aus Houston, Texas. Sie beobachtet, wie Fans immer aktiver alternative Plattformen zu Twitter, Instagram und Co. nutzen, um sich auszutauschen. Das führe zu einer neuen Dynamik, die Menschen näher zusammenbringe und die Welt auf eine Art kleiner werden ließe.

Verdiente Wertschätzung

Und so lange die Apps dabei verantwortungsvoll mit den Daten umgehen würden, sei es erstmal zu begrüßen, dass Pop-Fans wertgeschätzt würden, meint Patel:

"Oft werden Fangemeinden nicht gewürdigt und es wird herablassend über sie geredet. Dabei sind die Fans der Motor der Musikindustrie. Ohne Fans kann man viele Dinge nicht machen: Man kann nicht auf Tour gehen, man kann kein Merch und keine Musik verkaufen. Deshalb finde ich es gut, dass es diese Apps gibt, die Fans und Künstler zusammenbringen."

Aber ist es nicht problematisch, das Engagement von Fans, das von Herzen kommt, zu monetarisieren? BTS-Superfan Bora folgen auf Twitter über 200.000 Menschen. Sie übersetzt Texte der südkoreanischen Boygroup. Sie findet schon die Frage seltsam:

"Ja, ich verbringe viel Zeit damit, BTS-Inhalte zu übersetzen und zu konsumieren. Aber ich finde das nicht seltsam. Ein Fußballfan, der Podcasts hört, in denen sein Team analysiert wird oder jedes Jahr Fußballtrikots kauft, tut doch das Gleiche." 

Verschwommene Grenzen zwischen Altruismus und Marketing

Empowerment, das ist so ein Stichwort, mit dem auch "Fave" arbeitet. So soll die Plattform Fans ermöglichen, auch ihr soziales Engagement besser zu organisieren. Fans von BTS sammeln etwa regelmäßig Geld für bedürftige Anhänger der K-Pop-Band – bislang auf Twitter.

Doch bei Apps wie "Fave" geht es natürlich nicht nur darum, Fan-Communities zu stärken. Sondern auch um viel Geld. Klar, Technik macht es möglich, die Message – etwa von BTS, massenweise zu verbreiten. Doch man muss sich auch nichts vormachen: Es ist heute kaum zu sagen, wo Fan-Engagement ganz und gar altruistisch ist – und wo es schon ein verlängerter Arm der Marketing-Abteilung eines großen Musik-Unternehmens ist.

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