Apologie der Heimatlosigkeit

21.04.2008
Ned und Ango sind zwei Brüder, die ihr Glück in der Ferne suchen: Beide verlassen ihre Heimat Bulgarien und gehen nach New York. An dieser Stelle trennen sich ihre Wege. Während Ned den ersehnten gesellschaftlichen Aufstieg schafft, muss sich Ango als Hundeausführer durchschlagen. Doch dabei soll es nicht bleiben.
Es gibt eigentlich nur zwei Sorten von Bulgaren: die B.V.I.L.s, die bulgarischen Versager im Lande, und die E.B.A.L.s, die erfolgreichen Bulgaren außer Landes. Das ist die Weltsicht des bulgarischen Unternehmensberaters Ned, der in New York Karriere gemacht hat. Zu den Versagern gehört seiner Logik zufolge sein Bruder Ango, der zuhause unter anderem mit einem Kinderbuchverlag gescheitert ist. Nun ergattert Ango allerdings in der Green Card Lotterie eine der begehrten Arbeitsgenehmigungen für die USA und rückt seinem Bruder in New York auf den Pelz. Zwei höchst ungleiche bulgarische Brüder in der Hauptstadt des Westens. Damit kann eine groteske Untersuchung der kapitalistischen und insbesondere der amerikanischen Spielregeln beginnen.

Alek Popov schickt für diese Erkundung den einen Bruder in die oberen, den anderen in die unteren Gesellschaftsschichten. Der Neuankömmling Ango nimmt einen Billigjob als Hundeausführer an, was ihm eine gründliche Einsicht in den Snobismus der hundehaltenden Central-Park-Anwohner beschert. Aber es ist Rettung in Sicht: Eine frisch gegründete Hundeausführer-Gewerkschaft kämpft um arbeitsrechtliche Mindeststandards. Abgefeimte Hunde-Entführer wiederum, versuchen mit der Liebe zum Tier Kasse zu machen. Ihre Lösegeldforderungen liegen, angepasst an die Klientel, im sechsstelligen Bereich.

Ned ist derweil als Firmensanierer in den Führungsetagen amerikanischer Unternehmen unterwegs. Als ihm Neider eine Falle stellen, verwandelt sich sein beneidenswerter Aufstieg in einen Absturz. Zur Bewährung muss Ned heim nach Bulgarien reisen, um dort einen aus dem Ruder gelaufenen Beraterkollegen wieder auf Linie zu bringen. Das misslingt, aber die Reise liefert für den Leser schöne Einblicke in die fiebrige Atmosphäre des bulgarischen Systemwechsels.

Es gibt ein Element in diesem Roman, das diese weit auseinanderstrebenden Wege der beiden Brüder zusammenhält, das ist der tote Vater der beiden. Der Vater ist in den USA gestorben, als die beiden Brüder noch in Bulgarien waren. Damals ist er in Gestalt einer schwarzen Plastikschachtel voller Asche nach Hause zurückgekehrt. Ob diese Asche tatsächlich die des Vaters war, ob er wirklich gestorben ist, das treibt die beiden Brüder um. Mit ihrer Suche nach dem toten oder untergetauchten Vater steht das Thema der Herkunft im Raum, der Ablösung von der Tradition, der Identität.

Alek Popov treibt seine Geschichte immer weiter hinaus in's Surreale, in den Slapstick, in's Überdrehte und Makabre. Das Finale des Romans ist ein Feuerwerk unwahrscheinlicher Ideen, die ihren Zweck aber perfekt erfüllen, die Klischees von Erfolg und Charakter auszuhöhlen und umzudrehen. Nachdem sowohl eine Börsenspekulation auf fallende Tierfutterkurse als auch ein fieser Vergiftungsanschlag auf die Hunde von Manhattan gescheitert sind, tauschen die beiden Brüder ihre Rollen. Der Versager steigt auf zum Kronanwalt missachteter Tierrechte – und zum Millionär, der abgebrannte Yuppie wandert aus in den südamerikanischen Regenwald.

"Die Hunde fliegen tief" von Alek Popov ähnelt in einer Hinsicht anderen Büchern aus Ost- und Mitteleuropa: Unter einer sehr unterhaltsamen, turbulenten, ironischen Oberfläche verstecken sich Melancholie und Ernst. Die beiden Brüder kommen erst bei sich selbst an, als der Tod des Vaters bestätigt ist und sie alle Brücken nach Bulgarien abgebrochen haben. Am Ende ist das Buch eine bittere Apologie der Heimatlosigkeit.

Rezensiert von Frank Meyer

Alek Popov: Die Hunde fliegen tief
Roman aus dem Bulgarischen von A.Sitzmann
Residenz Verlag, St. Pölten 2008
411 Seiten, 22 Euro