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Interview | Beitrag vom 20.04.2020

Antisemitismus-Vorwürfe gegen Achille MbembeVergleichen ist nicht gleichsetzen

René Aguigah im Gespräch mit Ute Welty

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Der Schriftsteller Achille Mbembe blickt am 30.11.2015 in der Ludwig-Maximilians-Universität in München in die Kamera. Mbembe wurde für damals für sein Buch "Kritik der schwarzen Vernunft" mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. (picture alliance / dpa / Matthias Balk)
Zu Unrecht in der Kritik: Achille Mbembe. (picture alliance / dpa / Matthias Balk)

Der politische Philosoph Achille Mbembe ist in die Schlagzeilen geraten: Er verharmlose den Holocaust, werfen ihm Kritiker vor. René Aguigah hält dagegen: Die Vorwürfe basierten auf einem verfälschenden Umgang mit Zitaten, an ihnen sei nichts dran.

Ute Welty: Achille Mbembe ist politischer Philosoph. Er lehrt in Johannesburg in Südafrika, genießt hohes Ansehen in der ganzen Welt. Nicht zuletzt deswegen ist Achille Mbembe eingeladen worden, die diesjährige Ruhrtriennale zu eröffnen.

Nun stehen Vorwürfe im Raum. Mbembe vertrete Judenhass, er bestreitet das Existenzrecht Israels und er relativiere den Holocaust. Die Vorwürfe werden unter anderem vom kulturpolitischen Sprecher der FDP-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen wie auch vom Bundesbeauftragten für den Kampf gegen Antisemitismus erhoben. Wir wollen das genauer beleuchten zusammen mit René Aguigah. Was muss ich genau wissen über Achille Mbembe?


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René Aguigah: Das Allerwichtigste haben Sie gerade gesagt, nämlich, dass es sich um eine Art globalisierten Intellektuellen handelt. Er kommt aus Kamerun. Die akademischen Prägungen hat er in Frankreich, in Paris, und in den USA bekommen, an den renommiertesten Universitäten, die man sich denken kann – Sorbonne, Columbia in New York. Seit vielen Jahren schon ist er ein gern eingeladener Gast - an ganz, ganz vielen Institutionen, tatsächlich weltweit – Afrika, Europa, USA.

Sein wichtigstes, grundlegendes Buch heißt "Kritik der schwarzen Vernunft". An dem Titel kann man schon erkennen, wie grundlegend er zielt. Er spielt an auf Kants Kritiken und die Grundthese – sehr vereinfacht gesagt, es ist ein sehr kompliziertes Buch – ist, dass die Jahrhunderte des Kolonialismus den Anderen verändert und entwertet und ausgebeutet haben, dass allerdings diese Logiken, dieses Schwarzmachen, wie es bei ihm heißt, des Anderen - eben in Praxis und im Denken - nicht sein Ende hatte mit der offiziellen, mit der politischen, mit der historischen Kolonialzeit, sondern dass diese Logik sich fortgesetzt hat und eben auch ausgedehnt hat auf verschiedene wirtschaftlich ausgebeutete Menschen.

"Ich halte diese Vorwürfe für haltlos"

Welty: Aber welchen Anlass gab es denn dann für diese Vorwürfe?
 
Aguigah: Der äußere Anlass ist die Einladung zur Ruhrtriennale. Aus diesem Anlass hat der von Ihnen auch schon genannte Lorenz Deutsch, kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion in NRW, in einem Text von Mbembe geblättert und da zwei, drei Stellen ausfindig gemacht, an die er diese Riesenvorwürfe dranhängt, die Sie gerade genannt haben: Dass er das Existenzrecht Israels bestreiten würde, dass Mbembe antisemitisch eingestellt sei, und hat in einem offenen Brief diese Vorwürfe formuliert.

Und die sind dann ein paar Tage später aufgenommen worden von überregional agierenden Leuten wie dem Bundesbeauftragten für den Kampf gegen Antisemitismus oder auch einem politischen Kommentator wie Alan Posener von der "Welt".
 
Welty: Und wie ordnen Sie diese Debatte ein?
 
Aguigah: Ganz kurz gesagt, ich halte diese Vorwürfe für haltlos. Man kann da vielleicht kurz mal tatsächlich in Texte einsteigen. Die Kritiken, die machen sich fest an ein oder zwei einzelnen Stellen aus einem Kapitel eines Buches namens "Politik der Feindschaft". Ich zitiere mal einen Satz: "Das Apartheidsregime in Südafrika", heißt es da bei Mbembe, "und - in einer ganz anderen Größenordnung und in einem anderen Kontext - die Vernichtung der europäischen Juden sind zwei Manifestationen dieses Trennungswahns."

Jetzt verhält es sich so, dass beispielsweise der Kommentator der "Welt", Posener, diesen Satz zitiert ohne den Einschub. Er behauptet, dass Mbembe behaupten würde, dass Apartheid in Südafrika und die Vernichtung der europäischen Juden im 20. Jahrhundert zweimal das Gleiche machen würden, und behauptet dann eben eine Gleichsetzung, eine Gleichsetzung, die in diesem Satz nicht passiert, weil in diesem Satz bei Mbembe bereits klargestellt wird, dass es sich um zwei unterschiedliche Sachen handelt und die Vernichtung der europäischen Juden in einer anderen Dimension spielt.

Das heißt, diese Vorwürfe basieren auch auf seltsamen Lese-Taschenspielertricks oder einem verantwortungslosen Umgang mit Zitaten.

Verschiedene "Feindschaftspolitiken" im Vergleich

Welty: Welche Rolle können, welche Rolle müssen Medien einnehmen im Rahmen dieser Debatte?
 
Aguigah: Eine Gefahr, die man jetzt beobachten konnte, weil die einfach ins Werk gesetzt wurde in dieser Debatte bislang, ist, dass verschiedene Vorwurfmacher verkürzend mit Zitaten umgehen oder verfälschend mit Zitaten umgehen und dass so etwas in den Medien ungeprüft weitergegeben wird.

Also jene Meldung, die uns jetzt hier im Radio beispielsweise auf die Idee gebracht hat, das überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, von der Katholischen Nachrichten-Agentur, abgedruckt unter anderem von der "Berliner Morgenpost", stellt diese Vorwürfe in den Raum, ohne überhaupt auch nur die Quelle anzugeben, also das Buch, auf das sich die Kritiker beziehen, sodass man das nicht auf der Basis solcher Meldungen selbst nachschlagen kann. Das halte ich tatsächlich für unverantwortlich.

Vielleicht kann man noch ergänzen, dass es einen ganz wichtigen Unterschied gibt zwischen Gleichsetzung einerseits und Vergleichen. Das, was das ganze Thema dieses Buches "Politik der Feindschaft" von Mbembe ist, sind eben unterschiedliche "Feindschaftspolitiken", wie er das nennt, oder Trennungspolitiken oder zum Teil eben auch Ausrottungspolitiken tatsächlich zu vergleichen, ohne sie gleichzusetzen, die ganze Zeit zu sagen, was Unterschiede und was ähnliche Strukturen sind.
 
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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