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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 06.07.2018

Antisemitische "Fake News"Die fürchterlichen Folgen der Ritualmordlegende

Von Arkadiusz Luba

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Carlo de Prevot: "Infanticidia" (deutsch: "Kindermörder"), Kathedrale in Sandomir (Deutschlandradio / Arkadiusz Luba)
Carlo de Prevot: "Infanticidia" (deutsch: "Kindermörder"), Kathedrale in Sandomir (Deutschlandradio / Arkadiusz Luba)

Die Ritualmordlegende stammt aus dem Mittelalter. Im polnischen Sandomir, wie in vielen anderen europäischen Städten, ist sie in der Kathedrale als Wandbild zu sehen. Ihr Inhalt ist eine fürchterliche Lüge: Sie besagt, dass Juden in der Osterzeit kleine Kinder töten und deren Blut trinken.

Bilder haben große Kraft. Und es gibt Bilder, die die Weltanschauung prägen.

"Die Juden prüfen das Kind und gewinnen Blut daraus. Sie schleudern es in einem mit Nadeln gespickten Fass herum. Die sterblichen Überreste geben sie einem Hund zum fressen."

Eine Anthropologie-Studentin steht vor dem Gemälde "Infanticidia", also "Kindermörder", von Carlo de Prevo und zeigt sich sichtlich schockiert. Dieser verarmte Barockmaler italienischer Herkunft suchte in Polen nach Förderern und Ruhm. Er schuf in der Kathedrale von Sandomir in Südostpolen einen Zyklus namens "Martyrologium Romanum", worin christliche Priester brutal hingerichtet werden. Ihre Leiden sollten die Gläubigen emotional erschüttern und ihre Frömmigkeit stärken. Zu dem Zyklus gehört auch das Kindermörder-Bild.

De Prevos "Infanticidia" hat dabei allerdings eine besondere Stellung. Es war als Beweis angeblicher jüdischer Ritualmorde von 1698 und 1710 in Sandomir gedacht. In Auftrag hatte es 1708 der Geistliche Stefan Żuchowski gegeben. Er war derjenige, der die Sandomirer Juden der Ritualmorde angeklagt hatte. Man wollte die Juden loswerden aus der Stadt. Dort bildeten sie die Hälfte der Bevölkerung, waren besser organisiert als die Christen und daher auch wohlhabend, meint der Kunsthistoriker und Ökonom Kacper Polański:

"Die Juden waren besser vernetzt und halfen sich gegenseitig. Es gab Unterstützungskassen. Die Christen dagegen konkurrierten nur miteinander. Letztendlich mussten sie zugunsten der Juden ihr Gewerbe abgeben. Die Juden wurden stark im Handel und dadurch immer reicher. Sie kauften Mietshäuser in der Altstadt auf. Das war der größte Zankapfel damals."

Doch trotz der Prozesse konnte man nicht alle Juden aus der Stadt vertreiben. 1942 richteten die Deutschen dann in der Stadt ein Ghetto ein und vernichteten die Juden.

Selbst danach blieb die Ritualmordlegende immer noch bestehen. In Polen führte sie kurz nach dem Kriegsende zu einer Pogromwelle gegen Juden, an deren Spitze die Geschehnisse in Kielce stehen. Dort wurden am 4. Juli 1946 über 40 polnische Juden ermordet und weitere 80 verletzt, nachdem ein Gerücht von einem entführten christlichen Jungen die Runde machte.

Mit den alten Mythen setzte sich der polnische Krimiautor Zygmunt Miłoszewski auseinander. In seinem verfilmten Buch "Ein Körnchen Wahrheit" von 2014 werden Leichen unweit der alten Synagoge in Sandomir gefunden, das jüdische Schächtmesser Chalef in der Nähe. In den toten Körpern ist überhaupt kein Blut mehr – wie bei der jüdischen Schlachtung eines Tieres. Unter den Menschen werden antisemitische Vorurteile wieder wach. Das Medieninteresse ist enorm. Hysterie breitet sich aus:

"Man sollte die Kinder vor dem Mysterium des Bluts schützen. Vielleicht sind die Ritualmorde nach Polen zurückgekehrt. In jeder Legende steckt ein Körnchen Wahrheit. Und Fakt sind zwei Leichen, die nach dem alten jüdischen Ritual getötet wurden, das seit Jahrhunderten an zahlreichen Orten der Welt praktiziert wurde. Es gibt doch Beweise dafür."

Der Vorwurf des Ritualmords war in den Köpfen

Die Geschichte der Ritualmordlegende ist lang: Sie beginnt Mitte des 12. Jahrhunderts in England mit einem Kind aus Norwich. Die Legende besagte, dass Juden den Jungen gekreuzigt hätten. Nach dem Judenpogrom von 1235 in Fulda sagte man Juden nach, sie würden das Blut von Christenkindern nutzen, um bei ihren Beschneidungsritualen die Blutungen jüdischer Säuglinge zu stillen. Die Juden sollten außerdem aus Hass zum Christentum töten, die Kreuzigung Christi wiederholen und so seine Heiligkeit schänden. Die Vorstellung, Juden könnten christliche Kinder zu Ritualzwecken ermorden, war von nun an in dem Bewusstsein der Menschen vorhanden. Laut verschiedenen Studien war fast jede jüdische Gemeinde im Laufe der nächsten Jahrhunderte einmal oder mehrmals mit dem Ritualmordvorwurf konfrontiert.

Das am 27. November 2001 vom Hamburger Institut für Sozialforschung veröffentlichte Foto zeigt hingerichtete Opfer der jüdischen Bevölkerung beim Pogrom im polnischen Tarnopol (undatierte Aufnahme, zwischen 1941 und 1944). Das Foto war in der Wehrmachtsausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht zwischen 1941 und 1944 zu sehen. ((c) dpa - Bildarchiv)Das am 27. November 2001 vom Hamburger Institut für Sozialforschung veröffentlichte Foto zeigt hingerichtete Opfer der jüdischen Bevölkerung beim Pogrom im polnischen Tarnopol (undatierte Aufnahme, zwischen 1941 und 1944). Das Foto war in der Wehrmachtsau ((c) dpa - Bildarchiv)

Ihren Höhepunkt erreichte die Legende nach dem Trienter Judenprozess von 1475, unterstreicht Professorin Anna Mycielska, Leiterin des Zentrums für Jüdische Studien und Lehre am Historischen Institut in Warschau. Während des Prozesses wurde den Juden vorgeworfen, sie hätten den zweijährigen Simon brutal ermordet und aus seinem Blut Matzen für das Pessachfest hergestellt. In Wirklichkeit besteht das ungesäuerte Brot, die Mazza, nur aus einem speziellen Mehl und Wasser. In der Geschichte um die angeblichen Ritualmorde gebe es allerdings nur einziges Ereignis, das wirklich stattgefunden habe, so die Forscherin:

"Es ist das Verschwinden von Kindern und dann das Finden ihrer Leichen. Es waren allerdings keine Opfer angeblicher Ritualmorde. Schuldig an den Toten waren verschiedene Unfälle oder Angriffe wilder Tiere. Unbegründet ist auch, das Essen und das Blut in Verbindung zu bringen. Denn die jüdische Küche verbietet Blut zu verzehren, das Fleisch muss absolut rein sein."

Studie: Knapp zehn Prozent der Polen glauben an Ritualmorde  

Die Geschichte des Simon von Trient und der angeblichen Ritualmorde publizierte der Buchdrucker Albert Kunne als Propagandaschrift auf Deutsch und versah sie mit Bildern. Sie wurde zum Vorbild für zahlreiche ähnliche Legenden. Die Bilder mussten dabei möglichst suggestiv wirken, damit man ihnen glauben konnte. Papst Sixtus IV. verurteilte die Verbreitung von dem Simon-Kult und warnte vor steigender antijüdischen Stimmung.

Der Krimiautor Miłoszewski zeigte, wie gefährlich solche Legenden werden können. Antisemitismus breitet sich nämlich heute wieder in der Welt zunehmend aus. Eine 2012 publizierte Studie des Forschungszentrums gegen Vorurteile aus Warschau stellte fest, dass knappe zehn Prozent der Polen an Ritualmorde glauben oder diese für glaubwürdig halten. Das Stereotyp ist besonders unter wenig gebildeten Bürgern in ländlichen Regionen verbreitet. Eine Gruppe von Anthropologiestudenten stellte die gleiche Frage in Sandomir. Eine Studentin ist schockiert über die vielen Menschen, die die Legende von den Ritualmorden für plausibel halten.

"Wie kann man an sowas glauben?! Man ist ein netter Mensch, jung oder alt, und gleichzeitig glaubt man, dass in einem Schrank oder Keller mal ein Christ gefunden würde, der von Juden gefoltert gewesen wäre."

Katarzyna Zioło, stellvertretende Bürgermeisterin von Sandomir, setzt auf Bildung. Sie will die jüdische Geschichte der Stadt verstärkt ins öffentliche Bewussstsein bringen.

"Die jüdische Geschichte ist für die Stadt sehr wichtig. Wir renovieren die alte Synagoge und konzipieren einen Lehrpfad. Ich will die Bevölkerung von Sandomir für diese Geschichte sensibilisieren. Man darf sie nicht missbrauchen."

Man hat die Zusammenhänge mit der Geschichte des Simon von Trient inzwischen vergessen. Gegen das Sandomirer Gemälde gab es Proteste, mehrere künstlerische Aktionen und wissenschaftliche Untersuchungen fanden statt. So wurde es bloß zum Symbol lokaler Vergangenheit. Es wurde mit aufklärenden Kommentaren versehen. Doch die Frage bleibt, ob wissenschaftliche Konferenzen und Kommentare die Suggestivkraft eines Bildes brechen können.

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