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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.02.2013

Antisemiten, Abweichler und Verräter

Über die Gefahren der Israel-Kritik

Von Richard Szklorz

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Eine jüdische Siedlung im Westjordanland (Thomas Bade)
Eine jüdische Siedlung im Westjordanland (Thomas Bade)

Die Einverleibung der Westbank durch Israel ist ein nationalistisches Großprojekt, dessen Förderer sich nie ernsthaft um den sogenannten Friedensprozess geschert haben. Kritiker nehmen das Risiko in Kauf, als Abweichler oder gar Verräter verleumdet zu werden, meint der Journalist Richard Szklorz.

Während eines öffentlichen Auftritts in Deutschland wurde die amerikanische Philosophin Judith Butler gefragt, warum sie sich bemüßigt fühle, die Palästinenserpolitik Israels zu kritisieren, anstatt über andere, gravierendere Menschenrechtsverletzungen in der Welt zu sprechen. Sie gab eine verblüffende Antwort: Sie als Jüdin lege Wert auf die Klarstellung, dass das Besatzungsregime nicht in ihrem Namen geschehe. Es habe nichts mit dem Judentum zu tun, das sie von ihren Rabbinern gelernt habe.

Kritik der israelischen Politik sei selbstverständlich möglich, sagen wiederum die Kritiker der Kritiker, nur bitte nicht so! Auf die Frage nach dem "Wie denn?" sind dann eher ungenaue Antworten zu hören. Sie lassen die Möglichkeit offen, nach Bedarf doch wieder die Antisemitismuskarte zu zücken, sobald der nächste Kritiker zum Schweigen gebracht werden muss.

Wer die Entrechtung der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten beim Namen nennt, der stört. Und verursacht unweigerlich Schmerzen. Bei wem? Bei Menschen, die diesen Dauerzustand nicht nur für hinnehmbar halten, sondern die Herrschaft über ganz Palästina sogar als historischen Anspruch formulieren. Als Rechtfertigung dient die Bibel, sprich: Gottes Wort. Und das hat einen Namen: Fundamentalismus, in diesem Falle nicht christlicher oder islamischer, sondern jüdischer.

Der religiöse, politisch agierende Wahn hätte in Israel eine Randerscheinung bleiben können. Doch seit 1967 sind alle Regierungen der Versuchung erlegen, die extremistischen Siedler zu fördern und mit ihnen feste Bündnisse einzugehen.

Die geschaffenen Fakten sprechen für sich. Die jüdische Besiedlung der Westbank gibt sich inzwischen fast wie ein normales Wohnungsbauprogramm. Von ihm profitieren ärmere israelische Bürger, die sich die überteuerten Wohnungen im Kernland nicht leisten können. Sie zerbrechen sich nicht den Kopf über Ideologien oder verquere Bibelinterpretationen – und sind zugleich die Menschenmasse, die für die Durchsetzung radikaler politischer Ziele benutzt wird.

Die Einverleibung der Westbank ist ein nationalistisches Großprojekt, dessen Förderer sich nie ernsthaft um den sogenannten Friedensprozess scherten. Wer an die dramatische Situation der palästinensischen Bevölkerung erinnert, muss daher zwangsläufig als Saboteur des Projekts dingfest gemacht und nach Möglichkeit zum Verstummen gebracht werden. Egal ob Jude oder Jakob Augstein.

Jüdische Kritiker, die das Ende der Besetzung verlangen, tun es nicht obwohl, sondern weil sie Juden sind. Sie nehmen das Risiko in Kauf, von nationalistisch gesinnten Gruppierungen der eigenen Gemeinschaft als Abweichler, Universalisten, gar Verräter verleumdet zu werden. Manchmal auch als sich selbst hassende Juden oder als Antisemiten.

Bei diesem Streit steht der Holocaust als feste Größe immer im Raum. Die streitenden Protagonisten ziehen jedoch unterschiedliche Schlussfolgerungen daraus.

Die Einen definieren sich national, sie glauben an das Allheilmittel der Waffenstärke, und sie sind immer im Dienst und bemüht, die Wehrmauern aus Denkverboten auch anderen aufzuerlegen, ob Juden oder Nichtjuden.

Die Anderen halten am Vermächtnis der großen jüdischen Denkerinnen und Denker des 20. Jahrhunderts fest: an Martin Buber, Franz Rosenzweig, Gerschom Scholem, Hannah Arendt, Leo Baeck, Jehoschuah Leibowitz, Joshuah Heschel oder an dem liberalen Zionisten Nahum Goldmann. Sie alle wussten, dass die jüdische Tradition nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern der ganzen Welt eine Botschaft der Humanität und Vernunft, des dialogischen Denkens, der Kompromissbereitschaft übermittelt. Allemal auch für die Palästinenser.


Szklorz, Richard (privat)Szklorz, Richard (privat)Richard Szklorz, geboren und aufgewachsen in der Nachkriegs-Tschechoslowakei, studierte an der Universität Tübingen und an der Freien Universität Berlin. Lange lebte er in London, Jerusalem und New York, wovon die New Yorker Zeit beinahe seine zweite Auswanderung wurde. Nach der Wende bereiste Szklorz als Redakteur der Wochenzeitung "Freitag" zum ersten Mal wieder sein Geburtsland und andere ostmitteleuropäische Staaten. Inzwischen lebt er in Berlin und arbeitet als freier Journalist für Zeitungen und Rundfunkanstalten. Szklorz ist Autor zahlreicher Glossen über den deutschen Alltag sowie von Kommentaren, Rezensionen und Berichten aus der jüdischen und jüdisch-deutschen Welt.

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