Antiamerikanismus

USA-Bashing? Total überholt!

Menschen jubeln mit Stars-and-Stripes-Zylindern und Nationalflaggen - Begeisterung und laute Verurteilung der USA liegen oft dicht beieinander
Menschen jubeln mit Stars-and-Stripes-Zylindern und Nationalflaggen - Begeisterung und laute Verurteilung der USA liegen oft dicht beieinander © imago / Siering
Von Susanne Schädlich · 09.09.2015
Deutsche und Europäer lieben das Reiseland USA. Musik und Film sowie Mode und Technik von der anderen Seite des Atlantiks waren für sie zu allen Zeiten "Kult". Und trotzdem pflegen viele - vor allem politisch und wirtschaftlich - einen Antiamerikanismus. Aber warum und warum sprechen Amerikaner nicht ebenso voller Vorurteile über Europa und Deutschland?
Amerika, du hast es besser ...bloß nicht in deutschen Medien.
Regelmäßig werden die USA genüsslich niedergemacht: Amerika sei durch und durch rassistisch, Weltpolizist, verantwortlich für die globale Umweltzerstörung, ungezügelten Kapitalismus, ebenso ungezügelte Überwachungspolitik und die Finanzkrise, für Terror und Krieg, sei im Großen und Ganzen Schuld an der gesamten Weltlage und allen Miseren.
Städten in den USA wird exemplarisch der Niedergang prophezeit - man erinnere sich an Detroit, dabei ist Berlin viel höher verschuldet. Die USA waren schon oft am Ende. Mit der Demokratie sei es nicht weit her, nein, eigentlich hätten die USA ein totalitäres Regime.
Barack Obama war der Neue Messias, auch in Deutschland. Mittlerweile kommt es allenthalben auf den Nenner: Ach Obama...
Amerikanern müssen Missstände nicht erklärt werden
Unbestritten ist, dass kein Land eine historisch weiße Weste hat. Die Liste der außenpolitischen Irrwege der USA ist lang. Allerdings ist sie den Amerikanern nicht unbekannt. Es ist nicht so, dass sie sich nicht damit auseinandersetzen, wie hierzulande gern suggeriert wird und darum muss mal wohl die blöden Amis auch ständig mit der Nase auf ihre Missstände stupsen, damit sie endlich einmal irgendwas kapieren.
Umgekehrt geschieht dies nicht. In amerikanischen Medien wird nicht dauernd beunruhigt und fingerdeutend auf Germany herumgehackt. Anlässe gebe es wahrlich genug. Doch das wäre absolut unamerikanisch.
Unbestritten ist, auch dieser Tage liegt in den USA einiges im Argen, sowohl außen- wie innenpolitisch. Kritik soll es geben, allerdings eine sachliche und nicht dieses unerträgliche und andauernde Amerika-Bashing.
Nach dem 11. September 2001 verstärkten sich die antiamerikanischen Reflexe, man hörte vom "inside Job". Nicht Terroristen hätten die Anschläge verübt, sondern die Amis selber - bis hin zur Jüdischen Verschwörung.
Ach ja, Israel und der Konflikt im Nahen Osten. Natürlich sei Amerika die fünfte Kolonne, Israel der Vorposten Amerikas. Und die USA würden sowieso von Juden kontrolliert. Das klingt nicht nur nach Antiamerikanismus, das klingt nach Antisemitismus.
Antiamerikanismus ist dem Antisemitismus ähnlich
In der Tat besteht eine Verwandtschaft zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus. Habgier, Geiz, Wucher, Profit- und Geldgier, Steuerung der Finanzpolitik und des Pressewesens, die angestrebte Herrschaft über die Welt.
Wie weit verbreitet der Antiamerikanismus und Antisemitismus in der deutschen Medienlandschaft ist, untersuchen mittlerweile sogar zwei Dissertationen, die im 2014 Jahr im Campus Verlag erschienen sind. Dass sie in den deutschen Medien kaum Beachtung fanden, ist bezeichnend.
Der US-amerikanische Autor und Satiriker Eric T. Hansen erwähnte die Dissertation Jäckers in seiner Kolumne in der ZEIT und schrieb: Wenn man in jedem Beispiel, das Jaecker in seinem Buch bringt, das Wort "Amerikaner" mit dem Wort "Jude", "Zigeuner" oder "Neger" ersetzte, hätte man fast schon ein Buch über die Medien der Nazizeit.
Dämonisierung der USA sollte beendet werden
Es sind altbekannte und darum umso erschreckendere Muster. Gerade in Deutschland, aus der Erfahrung des Nationalsozialismus, sollte man sich jeglicher Tendenz enthalten, Vorurteile nicht noch befeuern oder gar instrumentalisieren, sich nicht zur moralischen Instanz aufschwingen.
Es sollte endlich Schluss sein mit der Dämonisierung des "Großen Bruders", schließlich teilen wir viele gemeinsame Werte, und es sollte - nach Oscar Wilde - akzeptiert werden: Wir haben nahezu alles mit Amerika gemeinsam, außer natürlich die Sprache. Oder mittlerweile auch die?
Susanne Schädlich, Schriftstellerin, geboren 1965 in Jena, verließ zusammen mit ihren Eltern, dem Schriftsteller Hans Joachim Schädlich und der Lektorin Krista Maria Schädlich, und ihrer Schwester Anna, 1977 die DDR. 1987 ging sie in die USA, wo sie mit literarischen Übersetzungen begann. Ab 1993 arbeitete sie u. a. am Max Kade Institute in Los Angeles. 1996 erhielt sie ein Stipendium der University of Southern California und schloss 1999 das Studium der Neueren Deutschen Philologie ab. Danach kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie mit ihren beiden Söhnen lebt. 2007 veröffentlichte Schädlich ihren ersten Roman "Nirgendwoher, irgendwohin" (Plöttner Verlag), es folgten: "Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich "(Droemer), "Westwärts, so weit es nur geht. Eine Landsuche" (Droemer). Gemeinsam mit ihrer Schwester Anna Schädlich gab sie die Anthologie "Ein Spaziergang war es nicht, Kindheiten zwischen Ost und West" (Heyne) heraus. Ihr aktueller Roman "Herr Hübner und die sibirische Nachtigall" ist bei Droemer Knaur erschienen.
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