USA

Warum Antiamerikanismus in Deutschland Tradition hat

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Zu sehen ist eine Klorolle mit der Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika beim Richtfest der Persiflage- und Motivwagen zum Kölner Rosenmontagszug 2023 in der Koelnmesse.
Amerika-Kritik habe in Deutschland eine lange Tradition, meint Tanja Dückers. Hier zum Ausdruck gebracht auf einem Karnevalswagen. © picture alliance / Panama Pictures / Christoph Hardt
Gedanken von Tanja Dückers |
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Wer sich schon immer mit den USA schwergetan hat, dem macht es US-Präsident Donald Trump gerade sehr leicht, die USA als Ganzes abzulehnen. Diese Ablehnung trifft gerade in Deutschland auf fruchtbaren Boden, beobachtet Tanja Dückers.
So wie sich der amtierende Präsident der USA aufführt, fällt es leicht, die USA als Übel für die Menschheit zu verurteilen. Donald Trump hat es geschafft, jegliche antiamerikanischen Klischees wieder mit Leben zu füllen: Etwa das einer militaristischen Großmacht, die sich mit Gewalt und Arroganz das nimmt, was ihr vermeintlich zusteht.
Dabei bedarf die Stimmungsmache gegen das „Land of the free“ keiner aktuellen Anlässe. Amerika-Kritik und Ressentiments gegen libertäre Einstellungen, die in den USA schon immer auf großen Zuspruch stießen, haben in Deutschland eine lange Tradition.
Ihre Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als die schon demokratischen Vereinigten Staaten von Vertretern der deutschen Monarchie als „Hort der Gleichmacherei“ verunglimpft wurden. Fortan galten die USA als Symbol und Sinnbild einer „entfesselten“ Moderne, von Entfremdung, Entwurzelung und Beschleunigung.
Der deutsche Adel hielt sich den Amerikanern gegenüber schon im 19. Jahrhundert für kulturell überlegen, was befremdlich anmutete, da doch die meisten eingewanderten Amerikaner europäische Wurzeln hatten und haben. Im verspotteten Mittleren Westen bilden die Deutschstämmigen bis heute mit Abstand die größte Bevölkerungsgruppe. Sie sind es, bei denen Donald Trump besonders punktet.

Überschneidungen von Antisemitismus und Antiamerikanismus

In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts flohen viele politisch verfolgte Intellektuelle, viele davon jüdisch, in die USA. Pacific Palisades, ein Stadtteil von Los Angeles, wurde als „New Weimar“ oder als „Weimar an der Westküste“ bezeichnet, weil sich so viele Geistesgrößen dort niederließen, unter ihnen Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Max Horkheimer und viele andere. In der berühmten Villa Aurora traf man sich. 
Aber für den Rassisten und Provinzler Hitler waren die USA ein verdorbenes Vielvölkergemisch, eine Art großes Wien. Auf dem Obersalzberg schwafelte er vom jüdischen Sündenbabel New York, das er gern in Flammen aufgehen sehen wollte.
Und natürlich vermischt sich bei nicht wenigen Antisemitismus mit Antiamerikanismus. In den USA leben mehr Juden als in Israel, knapp 9 Millionen im Vergleich zu 6,3 Millionen. In New York ist jeder sechste Bewohner jüdisch.

Erst Kriegsverlierer, dann wirschaftlicher Juniorpartner

Die traditionelle Ablehnung der USA verstärkte in Deutschland nicht nur der verlorene Krieg, sondern auch ein Minderwertigkeitsgefühl, erst Kriegsverlierer und dann wirtschaftlicher Juniorpartner zu sein.
Wobei auch die USA ihren Anteil zum eigenen schlechten Image beigetragen haben: ob nun Stellvertreterkrieg in Korea, der McCarthyismus zu Hause, Vietnam, die sehr robusten Einmischungen in die Innenpolitik vieler südamerikanischer Staaten, wie zu Beginn des Jahres in Venezuela, Guantanamo, Abu Ghraib, der Konflikt um Grönland: Die Liste der innen- und außenpolitischen Verfehlungen und Verbrechen ist lang.
Doch berechtigte USA-Kritik verliert an Zielschärfe, wenn sie ständig umgeben ist von wabernden Klischee-Nebelschwaden: Dicke, ungebildete, gewalttätige, nationalistische und religiös verstrahlte Amerikaner beherrschen die Welt.

Von der Angst vor der Moderne zur German Angst

Oft verbirgt sich hinter dem Zerrbild eher eine allgemeine Kapitalismus- und Globalisierungskritik, eine zeitgenössische "German Angst" vor dem, was man früher die Angst vor der Moderne nannte. Außer Acht gelassen wird hierbei gern die zentrale Rolle Europas in der Kapitalisierung und Kolonialisierung der Welt. Der „Abgesang auf Amerika“ hat hierzulande also viele Fans. Doch wird der Kapitalismus untergehen, wenn es den USA schlechter geht? Wohl kaum.
Wenig antizipiert wird zudem, wie die Alternative zum „westlich-kapitalistischen“ Lebensentwurf, für den die USA als Sinnbild empfunden werden, konkret aussehen könnte? Beim chinesischen Ultra-Kapitalismus werden wir uns alle noch schön umdrehen. Mit legitimer und notwendiger Kritik an der amerikanischen Politik hat dieser oft großsprecherische und undifferenzierte Groll gegen die USA daher leider wenig zu tun. 

Tanja Dückers, geb. 1968 in Berlin (West), ist Schriftstellerin, Publizistin und Literaturwissenschaftlerin. Zu ihren Werken zählen u. A. die Romane „Himmelskörper“, „Der Längste Tag des Jahres“, „Spielzone“ und „Hausers Zimmer“, der Essayband „Morgen nach Utopia“ sowie mehrere Lyrikbände und Kinderbücher. Zuletzt erschien der autobiografisch gefärbte Rückblick „Mein altes West-Berlin“. Tanja Dückers schreibt regelmäßig über gesellschaftspolitische Themen für Zeit-Online und das Deutschlandradio.

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