Anspannung, Angst und Prügelorgien

Graciano Rocchigiani bei einem Boxkampf © AP Archiv
18.04.2011
Dass man die Gewalt abschaffen kann, hält Randall Collins für eine Illusion. Seine provokante Studie zeigt jedoch, wie sie sich eindämmen lässt. Für Politiker, Polizisten und Pädagogen sollte das Buch daher zur Pflichtlektüre werden.
Gewalt scheint das Problem Nr. 1 unserer globalisierten Gegenwart zu sein. Seit der digitalen Revolution werden wir überflutet mit "Information" über Gewalt, und zwar in emotional höchst unterschiedlich wirkenden Genres: Nachrichtenmedien melden 24 Stunden am Tag Gewalttaten aus aller Welt in grellen Farben; die Wissenschaft erforscht sie als Folgen ethnischer, kultureller, religiöser, demografischer, sozialer Konflikte oder Geschlechterspannungen; Fiction in Buch- und Filmform bombardiert uns mit Gewaltakten und bedient dabei auch unseren Bedarf an Erotik, Unterhaltung, heiler Welt. "Gewalt ist widerwärtig und aufregend, die verfemteste und verklärteste aller menschlichen Handlungsweisen", fasst der renommierte US-amerikanische Soziologe Randall Collins die Ausgangslage zusammen.

Wir sind also umstellt, nur ist das meiste "gefühlte Gewalt" und verstellt selbst den Blick für sinnvollen Umgang damit. Weshalb Collins den seinen auch nicht auf die in Gewaltsituationen Agierenden richtet, sondern auf das Agieren, die Prozesse bis zu einem Ausbruch. Es ist der Blick des mikrosoziologischen Emotions- und Interaktionsforschers, und er macht Verblüffendes sichtbar. Gewalt ist nicht die "leichteste Übung" in spannungsgeladenen Situationen. Die Akteure müssen - wie auch die neuere neurobiologische Forschung zeigt - massive Barrieren überwinden, die wirkmächtigste heißt Angst, und sie wirkt selbst bei trainierten Soldaten. Deshalb findet sie im Krieg und erst recht im Alltag auch nur in den seltensten Fällen wirklich statt. Gewaltaktionen im richtigen Leben sind außerdem weder ansteckend noch lang – Collins weist darauf hin, dass Saloons, die sich spontan den prügelnden Kontrahenten anschließen, und endlose Fights à la Kung Fu Mythen aus Hollywood sind. Die meisten realen Menschen seien "nicht gut in Gewalt".

Ob eine Situation überhaupt in Gewalt endet, hängt ab von ihrer emotionalen Dynamik und die wiederum von allen Beteiligten, Antagonisten wie Zuschauern. Was ein Täter "mitbringt", der dann zuschlägt - verletztes Ehrgefühl, Habgier, Gewaltbereitschaft, Hass zum Beispiel -, ist für das Ob nicht entscheidend. Auch legitimierte, "gute" Gewalt funktioniert nach derselben Dynamik wie kriminelle Angriffe. Es geht um Anspannung und Angst und deren Balance. Was Polizisten in Prügelorgien treibt, nennt Collins "Vorwärtspanik".

Solche Erkenntnisse sind möglich, weil es neue Instrumente gibt: Handys zum Beispiel zeichnen heute Innenansichten von Gewaltereignissen auf, wo man früher auf Rekonstruktionen im Nachhinein angewiesen war. Letztere hatte den Opfern von Gewalt endlich mehr Bedeutung verschafft. Die neuen "Echtzeit-Mikroskope" bringen, so Collins, etwas gleichzeitig Unbequemes und Ermutigendes ans Licht: Ob etwas, das nach Gewalt riecht, Gewalt wird, hängt auch von denen ab, die zufällig hineingeraten. Und das kann jeder sein.

Dass Gewalt abschaffbar sei, hält Collins für Illusion. Er zeigt vielmehr, dass man sie eindämmen kann und wie. "Dynamik der Gewalt" ist eine brillant geschriebene (und übersetzte), beispielsatte und provokante Studie nicht nur für die akademische Gemeinde. Sie gehört in die Grundausbildung von Politikern, Polizei- und Militärführern, Pädagogen. Und nicht nur die Vorschläge für die Praxis am Ende der 700 Seiten machen sie zu Lesestoff für jeden, der in der Welt sein möchte.

Besprochen von Pieke Biermann

Randall Collins: Dynamik der Gewalt - Eine mikrosoziologische Theorie
Aus dem Englischen von Richard Barth und Gennaro Ghirardelli
Hamburger Edition, Hamburg 2011
736 Seiten, 39 Euro