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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.07.2016

Anohni-Ausstellung "My Truth" in BielefeldWenn der Eisbär dreimal stirbt

Von Thomas Frank

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Die Sängerin Anohni auf Tour mit ihrem Album "Hopelessness" steht am 21.6.2016 beim  Konzert in Porto, Portugal, verscheiert auf der Bühne. (picture alliance / dpa / Estela Silva)
Bisher war die Transgender-Künstlerin Anohni vor allem als Sängerin bekannt, etwa mit ihrem Album "Hopelessness". (picture alliance / dpa / Estela Silva)

Einen umfassenden Einblick in das Werk der Transgender-Künstlerin Anohni gewährt eine Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld: Sie zeigt Collagen, Skulpturen und Totems aus einer krisenversehrten Welt. Düster-poetisch, aber ästhetisch wenig innovativ, meint Thomas Frank.

Ein herausgerissenes Magazinfoto, auf dem ein blutüberströmter Eisbär mit dem Tod ringt. Darunter erzählt ein Text, dass das 1000 Pfund schwere Tier von einem Mann erschossen wurde. Und dass der Jäger auch schon Eisbärfleisch gegessen habe, es schmecke vorzüglich. An Rücken, Seite, und Kopf sind Fotoausschnitte von einem Kaninchen hineinmontiert, so dass der Eisbär wie enthauptet erscheint. Der Papierausschnitt ist in eine transparente Schallplattenfolie gehüllt. Sie wirkt wie ein Eisberg, der wegschmilzt. Diese unkonventionelle Collage ist das erste veröffentliche Kunstwerk der britischen Transgender-Sängerin Anohni. Sie diente 2009 als Plattencover für das Album "Swanlights".  

Friederich Meschede: "Das ist die bildnerische Referenz an ein weltpolitisches Thema, an ein weltpolitisches Problem, nämlich der Klimawandel, der in seiner unfassbaren, also unphysikalischen Dimension, Erderwärmung, das ist alles unsichtbar, aber nur vermittelbar durch Phänomene, die sozusagen davon schon Opfer sind, nämlich die Eisbären, die durch das Abschmelzen des Polareises in ganz andere Geografien verdrängt werden, wo sie gar nicht mehr überleben können."

Der Eisbär als Symbol für die Zerstörung der Biosphäre

Der Eisbär als Symbol für die vom Menschen verursachte Zerstörung der Biosphäre taucht bei Anohni immer wieder auf. So trifft man in der Bielefelder Kunsthalle auf einen lebensgroßen Eisbären aus Terrakotta. Der Mund weit aufgerissen, aus den Augen kullern Wassertropfen hinab in ein Bassin. Ein weinender Eisbär als Brunnenskulptur – hier driftet Anohni in Kitsch ab. Auch in ihrem aktuellen, umjubelten Album "Hopelessness" besingt sie die Katastrophe der drohenden Erderwärmung um vier Grad.

Musik und Bildende Kunst lassen sich bei Anohni nicht trennen. Sie sind gleichwertig, aber:

Meschede: "Es ist dadurch in der Wahrnehmung ungleichgewichtig, weil sie gerade in der Musik so berühmt, so bekannt geworden ist und dieser Bereich ihrer kreativen Tätigkeit noch keine größere Aufmerksamkeit erfahren oder gefunden hat."

Das will die Kunsthalle Bielefeld nun ändern. Erstmals weltweit gewährt sie umfassende Einblicke in Anohnis bildkünstlerisches Schaffen. Auf Musik wird verzichtet. Doch hier wie dort gleichen sich die Themen: Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Verzweiflung angesichts von Klimakatastrophen, Kriegen, männliche Gewalt, aber auch persönliche Krisen wie zu Bruch gegangene Partnerschaften oder der Tod von Freunden.

Künstlerisch konsequent, aber nicht neu

Die Welt ist zersplittert, zerrissen, fragmentiert. Dementsprechend wimmelt es bei Anohni nur so von Collagen, dem Medium, das die bruchstückhafte Welt par excellence widerspiegelt. Das ist künstlerisch zwar konsequent, aber nicht neu. Anohni liefert keine innovativen ästhetischen Experimente.

So auch in ihren Totems:  

Meschede: "Es sind an die Wand direkt collagierte, addierte Fragmente, von Zeichnungen, von Zeitungsartikeln, von Konzertflyern, die für Anohni wichtig waren, die dann zu diesen Totems, zu diesen Totemmotiven direkt auf die Wand collagiert worden sind."

Etwa ein Foto des New Yorker Drag-Performers im Gewand der Renaissance-Fürstin Lucrezia Borgia oder ein Nachruf auf den Aktivisten der US-amerikanischen Schwulen- und Lesbenbewegung Vito Russo oder eine Kopie des berühmten Fotos von Transgender-Schauspielerin Candy Darling auf ihrem Sterbebett. Alles Hauptfiguren der Queer-Szene und Feminismus-Bewegung im New York der 80er- und 90er-Jahre.

Meschede: "Das ist quasi wie das Totenbuch der Zeit, deretwegen Anohni überhaupt nach Amerika gegangen ist, und an der sie teilnehmen wollte, dann aber schon zu spät kam, weil die AIDS-Epidemie damals sehr rasant, in sehr kurzer Zeit alle diese Personen dahingerafft hat."

Auseinandersetzung mit einer fragmentierten Welt 

Anohni kuratiert aber auch selbst. Sie hat Künstler ausgewählt, die sie selbst geprägt haben. Etwa den New Yorker Bildhauer James Elaine, der zum ersten Mal in Europa zu sehen ist. Wie Anohni setzt sich auch Elaine Zerstörung, Verlust und fragmentierten Welten auseinander. Etwa in seiner Installation "Research Room", "Forschungszimmer":

Ein deckenhohes Regal mit Büchern, in denen Bohnen wachsen. Paletten und Vitrinen mit vergilbten, zerschundenen Kunstbüchern. Viele sind aufgeschlagen, zeigen scheinbar gewöhnliche Herrscherporträts aus der Renaissance. Doch dann der Schock: auf den Bildern sind tote Vögel, Mäuse oder Echsen gepresst. Elaine ist ein besessener Sammler von allerlei Dingen. Die Bücher hat er nach einem Wasserschaden in einem Museum vor der Entsorgung bewahrt. Die Tiere sind auf Highways und Landstraßen von Autos überfahren worden. Elaine hat sie aufgesammelt und in seiner Kunst vor dem Vergessen bewahrt:

"Es war eine Metapher: Die Tiere waren ich, sie spiegelten einen Teil der Gesellschaft wider, der zurückgelassen wurde, der aus der Gesellschaft gedrängt wurde. Künstler sind ebenfalls Außenseiter in der Gesellschaft. Somit waren die Tiere eine Metapher für mich, für die menschliche Verfassung, und es fühlte sich an, dass es meine Seele ist, die auf der Straße vergessen worden ist und ins Nichts rannte. Meine Idee war: lass sie nicht ins Vergessen rennen."

Doch nach der anfänglichen Irritation erklären sich auch Elaines Kunstwerke schnell. Tiefe sucht man vergebens. So erzählen Anohni und ihre Künstler zwar schockierend, anklagend, und durchaus auch düster-poetisch von einer krisenversehrten Welt, in der alles fragmentiert ist. Die Kunstgeschichte revolutionieren wird diese Ausstellung allerdings nicht.

Mehr zum Thema

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