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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.04.2019

Annie Ernaux: "Der Platz"Die Scheu, Gefühle zur Schau zu stellen

Von Peter Urban-Halle

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Cover des Buchs "Der Platz" von Annie Ernaux vor dem Hintergrund einer Gruppe Kinder im Frankreich der 1950er-Jahre (Suhrkamp / imago/Leemage)
In "Der Platz" schreibt Annie Ernaux, 1940 in Frankreich geboren, über ihren Vater und ihren Werdegang - den sie auch als Verrat an ihrem Vater empfindet. (Suhrkamp / imago/Leemage)

"La Place" der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux ist ein "autobiografischer Bericht" über ihren Vater. Die Annäherung geschieht nüchtern, fast kalt. In Frankreich hatte das Buch von 1983 Erfolg. Nun erscheint die zweite Übersetzung ins Deutsche.

Annie Ernaux, geboren 1940 in der Normandie, ist ein Beispiel, dass Autoren oder Bücher tatsächlich zu früh kommen können. Die Zeit war einfach noch nicht reif. 1983 erschien mit "La Place" ein autobiografischer Bericht, der einen Wendepunkt nicht nur im Werk Ernaux‘ markiert, sondern auch in der französischen Literatur. In Frankreich wurde das bemerkt, die Kritik war beeindruckt, das Buch verkaufte sich gut. Die deutsche Übersetzung, die drei Jahre später mit dem Titel "Das bessere Leben" erschien, wurde kaum beachtet.

Die Zeiten haben sich geändert - durch soziologisch-literarische Texte wie "Rückkehr nach Reims" von Didier Eribon, aber auch durch autobiografische Mammutprojekte wie "Mein Kampf 1-6" des Norwegers Karl Ove Knausgård. Doch Annie Ernaux' Buch "La Place", das jetzt unter dem passenderen Titel "Der Platz" neu (und besser und exakter) übersetzt wieder vorliegt, ist ganz anders.

Eindruck vom Verrat am Vater

Im Vergleich zu Knausgård schreibt sie nicht nur bedeutend kürzer, sondern konzentriert sich in ihrer Schilderung auch auf eine Person: ihren Vater. Er ist erst Knecht, dann Fabrikarbeiter und steigt dann zum Laden- und Kneipenbesitzer auf. Aber er fühlt sich unterlegen, verstummt vor wichtigen Leuten, weil er fürchtet, ein falsches Wort zu sagen. Sein Lebensziel: "seinen Platz zu halten". Als er stirbt, hat die Tochter eben ihr Examen bestanden, um Studienrätin zu werden. Das empfindet sie als Verrat an ihrem Vater und ihrer Herkunft.

"Der Platz" ist der erste Text von Annie Ernaux, der sich betont vom romanesken Erzählen abwendet; den Roman (der am Anfang ihres Schreibens stand) lehnt sie nun als bürgerliche Gattung ab. Die Realität der sozialen Verhältnisse werde durch ihn, sagt sie sinngemäß, verzerrt. Aber ihr Stil ist nicht aus politisch-ideologischen Gründen interessant, sondern weil er einen radikalen Gegenentwurf zum herkömmlichen Erzählen darstellt.

In einer paradoxen Lage

Die Annäherung an den Vater geschieht nüchtern, fast kalt, scheinbar ohne jedes Gefühl. "Der Platz" ist nicht nur eines der ersten Werke der "Autosoziobiografie" (so nennt sie es selbst; den Begriff "Autofiktion" lehnt sie ab), sondern wirkt damit wie ein Vorbild für die kurz darauf beim Verlag Minuit erschienenen "romans impassibles", auf Deutsch etwa "emotionslose Romane". Freilich seien sie alles andere als gefühllos, wurde gesagt, sie scheuten sich nur, ihre Gefühle zur Schau zu stellen.

Genau das trifft auf Annie Ernaux zu. Ihre Sachlichkeit begründet sie so: "Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht 'spannend' oder 'berührend' schreiben wollen." Dadurch ist sie freilich in einer paradoxen Lage: Sie, die Schriftstellerin, die ja davon lebt, individuell und originell zu sein, versucht ständig, sich aus der "Falle des Individuellen" zu befreien. Kursiv hebt sie bestimmte Redewendungen und Wörter ihres Vaters hervor - aber nur, um damit die "Grenzen einer Welt auszudrücken, in der man alles wörtlich nahm".

Annie Ernaux: "Der Platz"
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
95 Seiten, 18 Euro

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