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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.02.2020

Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos" Wider die Unterdrückung

Von Carolin Fischer

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Buchcover "Annette, ein Heldinnenepos" von Anne Weber vor einem grafischen Hintergrund (Verlag Matthes & Seitz)
Unpathetisch, aber nicht unpoetisch: "Annette, ein Heldinnenepos" von Anne Weber. (Verlag Matthes & Seitz)

Erst Kämpferin der Résistance, dann als Terroristin gebrandmarkt: "Annette, ein Heldinnenepos" verdichtet das Leben von Anne Beaumanoir. Die Autorin Anne Weber wählt dafür die ungewöhnliche Gattung des Epos. Ein literarisches Experiment, das glückt.

Bereits der Titel des neuen Buches der deutsch-französischen Autorin Anne Weber, "Annette, ein Heldinnenepos", verrät, dass es sich einmal mehr um ein literarisches Experiment handelt. Bei Epos denken wir an die Antike, Homer und Vergil, das Mittelalter mit dem Nibelungenlied oder Dantes "Göttliche Komödie". Vielleicht noch an die Renaissance und Ariosts "Rasenden Roland".

Aber selbst Puschkin bezeichnete seinen "Eugen Onegin" als Roman in Versen, eben nicht als Epos. Kurzum, das Epos ist eine aus der Zeit gefallene Gattung, deren Helden überdies allesamt männlichen Geschlechts sind.

Das Foto zeigt die Autorin auf der Buchmesse in Leipzig 2017. (picture alliance / Jan Woitas / dpa-Zentralbild / dpa)Überrascht mit dem Satzbild: die Autorin Anne Weber. (picture alliance / Jan Woitas / dpa-Zentralbild / dpa)

Bei Anne Weber nun ist alles anders, oder eben auch nicht. Wer das Buch aufschlägt, ohne dem Titel übermäßige Beachtung geschenkt zu haben, ist zunächst vom Satzbild überrascht. Zeilen unregelmäßiger Länge auf der Mittel des Blattes, sprich: Verse – oder eben auch nicht. Kein Blocksatz, sicher, aber weder Reim noch feststehender Rhythmus, so dass die Lektüre sehr schnell und so leicht wie bei Prosa fließt.

Spannungsfeld entgegengesetzter Konflikte

Doch ganz wie im Epos lesen wir die literarisierte Form von historischen Heldentaten. Aber statt des Krieges der Griechen gegen Troia, liest man hier über die Auflehnung gegen die Unterdrückung der deutschen Besatzer in Frankreich nach 1940 und über den Kampf der Algerier gegen die französische Kolonialmacht. Und man liest über die titelgebende, historische Annette.

Gerade das Spannungsfeld dieser beiden ähnlichen und doch entgegengesetzten Konflikte macht – neben seiner stilistischen Eigenheit – den besonderen Reiz dieses Buches aus, da Annette, die sich letztlich in beiden Konflikten gleich verhält, von einer Heldin der Résistance zur Terroristin wird, zumindest in den Augen ihrer französischen Mitbürger.

Einer zehnjährigen Gefängnisstrafe entgeht sie durch die Flucht nach Nordafrika, was die Trennung von Ehemann und den drei Kindern erzwingt. Nach der Unabhängigkeit Algeriens erhält sie als anerkannte Neurologin und Freiheitskämpferin 1963 einen Posten im Kabinett des Gesundheitsministers unter Präsident Ben Bella, bis der Militärputsch sie zwei Jahre später in ein weiteres Exil treibt.

Unpathetisch, aber nicht unpoetisch

Ihr bürgerlicher Name, Anne Beaumanoir, bildet den Auftakt des Buches. Die Schilderung ihres Lebens erfolgt chronologisch, beginnend mit der Geburt in einem bretonischen Fischerdorf.

Ganz unheldenhaft kommentiert die Autorin die ersten Schritte für und in die Résistance mit: "Sie machts". "Wie das meiste / ist auch das Widerstehen anders, als man es sich / denkt, nämlich kein einmaliger Entschluss, / kein klarer, sondern ein unmerklich langsames / Hineingeraten in etwas, wovon man / keine Ahnung hat."

Gerade diese schnörkellose, unpathetische doch nicht unpoetische Sprache ist einer der Gründe dafür, dass dieses Epos deutlich passionierender ist als die auch ins Deutsche übersetzte Autobiografie der heute 95-jährigen Anne Beaumanoir. Mit der Konzentration auf das Wesentliche, auf plastische Details gelingt es Anne Weber, dieses außergewöhnliche Leben literarisch einmalig einem deutschen Publikum nahezubringen.

Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos"
Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2020
208 Seiten, 22 Euro

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