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Interview | Beitrag vom 13.09.2018

Anne Dufourmantelles "Lob des Risikos""Das Leben ist riskant"

Joseph Hanimann im Gespräch mit Julius Stucke

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Eine Person ist einen Schritt vom Rand der Mauer entfernt. (Esther Tuttle/Unsplash)
Das Leben ist riskant, schrieb die Philosophin Anne Dufourmantelle. Aber Risiken einzugehen, tut gut. (Esther Tuttle/Unsplash)

Risiken eingehen – ist das heute, im Zeitalter der Versicherungsgesellschaft noch wichtig und richtig? Ja, schrieb die Philosophin Anne Dufourmantelle schon vor Jahren. Jetzt ist ihr "Lob des Risikos" auf Deutsch erschienen - ein Vermächtnis der 2017 Verstorbenen.

Die Philosophin und Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle war eine der bedeutendsten Denkerinnen Frankreichs. Sie wandte die philosophischen Texte auf literarische Figuren an, arbeitete mit Jacques Derrida zum Thema Gastfreundschaft und engagierte sich gegen das starre Klassifizierungssystem für Geistesstörungen.

Dufourmantelle hat analytisch gearbeitet und sich mit Themen wie Liebe, Sanftheit, Geheimnis und Risiko beschäftigt. Sechs Jahre nach Erscheinen ihres Buches "Lob des Risikos", ist Anne Dufourmantelle auf tragische Weise ums Leben gekommen: Bei heraufziehendem Sturm versuchte sie am 21. Juli 2017, zwei Kinder an der Cote d‘ Azur vor dem Ertrinken zu retten. Dabei erlitt sie einen Herzstillstand. Die Kinder überlebten.

Sie starb, weil sie ein Risiko einging

Dufourmantelle hat ihr Leben riskiert und starb so, wie sie es in ihrem philosophischen Werk gefordert hat, möchte man meinen. Aber ist  diese offenkundige Parallelität zwischen Werk und Leben Dufourmantelles wirklich zutreffend?  Der Journalist Joseph Hanimann, Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Paris, hat das Vorwort für das jetzt erstmals auf Deutsch erschienene "Lob des Risikos" geschrieben. Er sagt:

"Das Konzept von Risiko, wie es Dufourmantelle formuliert, ist, dass man genügend vorbereitet ist, aus seiner ganzen Vergangenheit heraus, um einzuspringen. Praktisch eine geistige Vorarbeit, die sehr früh begonnen hat und die auch weitergeht." Daraus folge für Dufourmantelle auch: "Wenn man praktisch ein Risiko nicht einzugehen bereit ist, das man eingehen sollte, zerstört man gleichzeitig seine Vergangenheit."

Zwischen Absicherung und Lockung des Risikos

Passt denn Risiko überhaupt noch zu unserer heutigen Versicherungsgesellschaft? Für Dufourmantelle, sagt Hanimann, mache die Zerrissenheit zwischen dem Verlangen nach Absicherung  und der Lockung, doch einmal etwas zu wagen, uns Menschen schizophren.  Deshalb sei es wichtig, auch einmal Risiken einzugehen. "Das Leben ist riskant", so das Fazit der Philosophin – in vielerlei Hinsicht: Machten wir uns abhängig, sei das ebenso riskant wie mit Traditionen zu brechen oder zu lieben. Durfourmantelle plädiere in ihrem Buch dafür, dieses Risiko einzugehen, sagt Hanimann.

(mkn)

Anne Dufourmantelle, "Das Lob des Risikos"
Aufbau Verlag, 2018, 315 Seiten, 20 Euro

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