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Buchkritik | Beitrag vom 04.08.2020

Anna Kordsaia-Samadaschwili: "Sinka Mensch"Überlebenskunst in Tiflis

von Birgit Koß

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Buchcover zu "Sinka Mensch" von Anna Kordsaia-Samadaschwili (Frankfurter Verlagsanstalt/Deutschlandradio)
Anna Kordsaia-Samadaschwili verbindet in "Sinka Mensch" georgische Geschichte und Geschichtenwelt. (Frankfurter Verlagsanstalt/Deutschlandradio)

Das Leben der Boheme in Tiflis in einem Hinterhof beschreibt die Georgierin Anna Kordsaia-Samadaschwili in "Sinka Mensch" – der Roman liest sich als Allegorie auf die wechselhafte Geschichte Georgiens in der Sowjetperiode und der Zeit des Umbruchs.

Genau vor zwölf Jahren fielen russische Bomben auf georgisches Gebiet. Es war der erste europäische Krieg des 21. Jahrhunderts: Er dauerte offiziell nur fünf Tage, reicht aber lang in die Geschichte zurück und ist bis heute nicht verwunden. Die Georgier sehen ihr Land als Paradies, das Gott bei der Aufteilung der Welt eigentlich für sich behalten wollte. Doch da der Georgier verschlafen hatte, war nichts anderes mehr für ihn übrig. Zwischen diesen paradiesischen Vorstellungen und brutalen Kriegsgräuel bewegt sich die georgische Geschichte und Geschichtenwelt.

Schicksalsgemeinschaft im Hinterhof

Die mehrfach preisgekrönte georgische Autorin Anna Krodsaia-Samadaschwili spannt den Bogen ihres neuesten Romans "Sinka Mensch" von der Mitte des letzten Jahrhunderts bis zum Beginn des neuen und stellt Tiflis und seine einfachen Menschen in den Mittelpunkt.

Alexi Mensch ist ein Akkordeonspieler und Lebenskünstler. Aufgewachsen in einem sowjetischen Kinderheim und dort so schwer misshandelt, dass er ein steifes Bein hat, lernt er die im Zweiten Weltkrieg versehrten Freunde Data und Kotiko am Schwarzen Meer kennen und zieht mit ihnen nach Tiflis. Heimlich ehelicht er die schöne Niniko, die sofort verstirbt. So erbt er ihre Wohnung am Revolutionärsplatz Nummer eins, wo er mit seinen beiden Freunden einzieht.

Hier teilen sie sich den Hof, die Katze, das Essen und immer viel Schnaps und Wein mit den nicht weniger skurrilen Nachbarinnen. Die drei Schönlinge, erzählen dauernd Geschichten, nur um dann festzustellen, dass sie sich alles ausgedacht haben.

Märchen und Mythen der Vergangenheit

Sprunghaft, drastisch, oft brutal, aber auch mit viel Humor zeigt Anna Kordsaia-Samaschwili das Leben dieser Schicksalsgemeinschaft, nur um alles gleich wieder in Frage zu stellen. Geschickt verwebt die Autorin Märchen und Mythen der Vergangenheit auch mit der Geschichte der Sozialistischen Sowjetrepublik Georgien. Jedem der kurzen Kapitel sind Volksweisen, Sprichwörter, aber auch offizielle Verlautbarungen der Kommunistischen Partei vorangestellt.

Immer wieder gibt es Rückschläge, Stromausfälle, brutale Ereignisse, Krieg. Doch die Protagonisten verlieren nicht den Humor und die Wärme füreinander. Schließlich taucht ein winziges Mädchen auf – Sinka, die Tochter oder Enkelin von Aleski, egal. Die Drei schließen Sinka Mensch in ihre Herzen. Auch Sinka fabuliert über ihr Leben, das sich als Allegorie auf die georgische Geschichte lesen lässt.

So fantastisch dieser Roman auch wirken mag, vieles ist mitten aus dem Leben der Menschen in Tiflis gegriffen, die als Überlebenskünstler anzusehen sind. Somit liefert dieser flirrende, absurde Roman einen tiefen Einblick in die geogische Seele und Befindlichkeit und bereitet bei aller Bitterkeit ein großes Lesevergnügen.

Anna Kordsaia-Samadaschwili, Sinka Mensch
Aus dem Georgischen von Sybilla Heinze
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt, 2020
184 Seiten, 22 Euro

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