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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.05.2008

Anleitung zur Geschichtsvermittlung

Bodo von Borries: "Historisch Denken Lernen", Verlag Barbara Budrich: Opladen & Farmington Hills 2008, 294 Seiten

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Denkmäler machen eine Stadt historisch lesbar: das Völkerschlacht-Denkmal in Leipzig.
Denkmäler machen eine Stadt historisch lesbar: das Völkerschlacht-Denkmal in Leipzig.

Geschichte ist interessant und wichtig. Aber warum fällt Schülern das Lernen dieses Fachs so schwer? Das fragte sich Bodo von Borries und untersuchte verschiedene Lehrmethoden. Mit seinem Buch "Historisch Denken Lernen – Welterschließung statt Epochenüberblick" möchte er ein neues Geschichtsbewusstsein schaffen.

Das Unterrichtsfach Geschichte steht heute im Verdacht "lebensfremd und pragmatisch überflüssig" zu sein. "Non vitae sed scholae discimus". Von Borries zitiert Senecas berühmtes Diktum durchaus korrekt und fragt mit kritischem Blick auf den Geschichtsunterricht an Schulen: Hat sich seit damals etwas geändert?

Der Autor liebt das Sticheln und das pointierte Schreiben. Daher beginnt er seine Sammlung von geschickt zusammengestellten, meist bereits andernorts publizierten Texten mit einem provokativen Schadensbericht. Der folgt die Leitfrage: "Warum ist Geschichtslernen so schwierig?"

Mehrere Teilantworten verdeutlichen: Wir wissen nicht recht, warum eigentlich, ja was, wie und unter welchen Bedingungen Geschichte gelernt werden soll. Das Pauken von Jahreszahlen ist ebenso passé wie das Lernen traditioneller oder transformierter politischer Nationalgeschichte. Dennoch belegen Untersuchungen:

"Die Mehrheit der Lehrerschaft – von der Öffentlichkeit zu schweigen – hat das 'bloß stoffliche’ Verständnis von Geschichte nie verlassen."

Borries, Hamburger Professor für das Fach "Didaktik der Geschichte", ist dennoch Optimist. Aufgrund empirischer Untersuchungen weiß er um die Grenzen historischen Lernens im schulischen Kontext, stellt aber dessen Möglichkeiten vor. Dabei blickt er immer auch über den Tellerrand deutscher Didaktik-Forschung hinaus und bezieht Erkenntnisse der Lehr- und Lernforschung aus angloamerikanischen Ländern in seine Überlegungen mit ein.

Für den Historiker und Erziehungswissenschaftler ist der Buchtitel Programm: "Historisch Denken Lernen." Ihm geht es um Welterschließung statt Epochenüberblick. Mit Blick auf kanonische Stoffe wie "Reformation" und "Französische Revolution" macht er dies ebenso deutlich wie etwa mit Blick auf Dokumentarfilme und Historienbilder.

Ein Beispiel: Denkmäler machen eine Stadt historisch lesbar. Bezieht man sie in den Geschichtsunterricht ein, ist etwa eine klassische Vortragsführung nicht von vornherein abzulehnen. Entdeckendes, forschendes Lernen von Schülern dagegen verlangt entdecken-lassendes und forschung-anleitendes Lehren. Bei beiden Methoden müsste jeweils zu erkennen sein:

"Geschichte ist nicht eine fotorealistisches, maßstabsgerechtes Modell der ‚Vergangenheit’, sondern ein Set von Erzählungen über Änderungen in der Vergangenheit und deren bleibende Auswirkungen in Gegenwart und Zukunft."

Ferner sollte deutlich werden, dass Geschichte absichtlich gemacht wird. Neben Geschichtswissenschaft und Geschichtsbewusstsein spielen Geschichtskultur und Geschichtspolitik eine wichtige Rolle. Zudem hat es Geschichte neben Erinnern und Gedächtnis gleichermaßen mit Vergessen und Entsorgen zu tun.

All dies gilt auch fürs Geschichtslernen. Dabei geht ohne strikte Stoffauswahl nichts.

"Nur muss die Selektion offengelegt werden, plural-interkulturell angelegt und kinder- und jugendfreundlich gestaltet sein."

Teilhabe an Geschichtskultur, Entwicklung von historischer Identität und Ausprägung von Geschichtskompetenz sind für von Borries vordringliche Ziele von Geschichte als Unterrichtsfach und als lebenslanger Bildungsaufgabe. Das erfordert in der Geschichtsdidaktik einen konsequenten Schwenk vom Lehren zum Lernen.

Denn in der Schule, dies betont der Autor, geht es ums Lernen, nicht ums Lehren. Es geht um das Einüben von Fragehaltungen ebenso wie um das kommunikative Verhandeln und das eigenständige Verarbeiten erhellender Beispiele.

"Denn Geschichtsbewusstsein ist kein einmal erworbener gesicherter und fixierter Besitz, sondern ein lebenslanger Prozess mit offenem Ausgang."

Rezensiert von Thomas Kroll

Bodo von Borries: Historisch Denken Lernen – Welterschließung statt Epochenüberblick. Geschichte als Unterrichtsfach und Bildungsaufgabe
Studien zur Bildungsgangforschung, Band 21
Verlag Barbara Budrich: Opladen & Farmington Hills 2008
294 Seiten, 29,90 Euro

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