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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.01.2012

Anleitung zum Müßiggang

Thierry Paquot: "Die Kunst des Mittagsschlafs", L.S.D. (Lagerfeld-Steidl-Druckerei) Verlag, Göttingen 2011

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Das Beste zur Mittagszeit: einfach mal nichts tun. (Stock.XCHNG / Vera Berard)
Das Beste zur Mittagszeit: einfach mal nichts tun. (Stock.XCHNG / Vera Berard)

Nicht nur in der spanischsprachigen Welt kennt man die Siesta, den Mittagsschlaf. Auf allen Teilen der Erde war die mittägliche Ruhephase jahrhundertelang verbreitet. Eine vergessene Tradition, die uns Thierry Paquot mit seinem Buch näherbringen will.

Die Mittagszeit hat es in sich. Um die Mittagszeit brachte in der antiken griechischen Mythologie der lüstern-wüste Pan die Hirten in Wallung, wenn nicht gleich in Panik. Azteken opferten bevorzugt mittags. Den alten Römern waren die Tagesmitten, die "meridies", so suspekt, dass sie ein eigenes Verb daraus ableiteten: "meridiari". Es heißt soviel wie "die Mitte des Tages lieber mal passiv verstreichen lassen". Kurz, mittags gilt als "Zeit der Dämonen", über Jahrtausende und Kontinente hinweg und besonders in Gegenden, in denen die Sonne etwas Gnadenloses hat. Zumindest im Zenit. In der "sexta hora", der sechsten Stunde nach ihrem Aufgang.

Aus ihr wurde später die spanische Siesta, in der spanischsprachigen Welt Teil der Dienstpläne, aber auch andernorts gehalten, selbst im puritanischen Norden, wo man gern hochmütig die Nase über vermeintlich mangelnden Arbeitsethos im Süden rümpft und Müßiggang für aller Laster Anfang hält. In der Siesta steckt noch die altrömische Idee, dass der Mensch eine bestimmte Zeit des Tages am besten durch Nichtstun hinter sich bringe.

Um diese "Aus-Zeit", den mehr oder weniger gedehnten Augenblick der Lösung aus aller sozialen Betriebsamkeit, geht es Thierry Paquot in seinem Essay, der im französischen Original "L'art de la sieste" heißt. Er begreift ihn als "Schlemmerei", als Nachschlag zum zweckrationaleren nächtlichen Schlaf. Die mittägliche Ruhephase, die man schlafend, dösend, tagträumend, sinnend, vielleicht auch mit Sex verbringt, ist "eine ganz und gar ausgefüllte Leerzeit". Ein kreativer, anarchischer Moment der Glückseligkeit.

Dass der Mensch der Zeit seine berechnende Willkür übergestülpt hat, ist noch gar nicht so lange her. Mechanische Uhren gibt es erst seit Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Abstraktion der individuellen und natürlichen Zeit ist zwar eine urbane Erfindung, sie hat die Unterwerfung unter künstliche Takte - liturgische, später industrielle - erst ermöglicht. Dank ihr bekommt die reine Muße etwas unerhört Subversives. Trotzdem ist die mittägliche Ruhe kein Phänomen anachronistischen Landlebens und mit ihm verblichen, weil im modernen Großstadtlärm ohnehin keine echte Panflöte zu hören wäre.

"Die Kunst des Mittagsschlafs" ist ein federleichter Galopp durch Jahrhunderte von Bilder- und Denkwelten, durch Physisches und Metaphysisches, Künste und Wissenschaften. Zwar hat sich seit 1998, als das Buch in Frankreich erschien, das eine oder andere verändert: Mittlerweile haben gewiefte Chefs entdeckt, wie sehr regelmäßige "power naps" die Produktivität ihrer Untergebenen steigern, gibt es Mittagspausen-Salons mit und ohne Massage, weisen medizinische Studien nach, dass Nickerchen auch das Herzinfarktrisiko senken, gleichzeitig wird in Spanien die Siesta abgeschafft. Aber Paquot hat nichts weniger im Sinn, als die Mußezeit für kapitalistische Zweckrationalität zu retten. Er räumt mit verschiedenen falschen Vorstellungen auf und stellt Fragen, aus denen er en passant ganze Bibliotheken voller Promotionsthemen filtert. Vor allem aber will er die Siesta als Kunst wahrgenommen wissen, die nur mit dem "Charme des Verbotenen" existieren kann.

Besprochen von Pieke Biermann

Thierry Paquot: Die Kunst des Mittagsschlafs
Aus dem Französischen von Sabine Dzuck und Melanie Heusel
L.S.D. (Lagerfeld-Steidl-Druckerei) Verlag, Göttingen 2011
92 Seiten, 16 Euro

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