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Im Gespräch | Beitrag vom 05.05.2021

Anja Pfaffenzeller, Lehrerin für Blinde und SehbehinderteBlindsein ist keine Katastrophe

Moderation: Marco Schreyl

Privataufnahme von Anja Pfaffenzeller auf einem Boot. (privat)
Sie wolle keine Bittstellerin sein, sagt Anja Pfaffenzeller: „Wenn ich Unterstützung annehme, möchte ich auch Hilfe geben.“ (privat)

Anja Pfaffenzeller ist blind. Wie Sehende führe auch sie „ein ganz normales Leben mit Höhen und Tiefen“. Selbstständig zu sein statt hilfsbedürftig: Das will sie als Lehrerin auch blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern ermöglichen.

Als Kind fuhr Anja Pfaffenzeller gerne Fahrrad und wunderte sich, dass die anderen Kinder nicht so oft mit Bäumen kollidierten wie sie. Der Grund: Anja Pfaffenzeller ist von Geburt an blind. Sie stieg dann aufs Tandem um.

Diese Geschichte, die Anja Pfaffenzeller mit einem Schmunzeln erzählt, zeigt, wie sie mit ihrem Handicap umgeht – aus der vermeintlichen Not eine Tugend machen. So auch, als sie ihr Lehramtsstudium absolvierte: Im Gegensatz zu vielen ihrer Mitstudierenden konnte sie kochen, und so revanchierte sie sich mit Nudeln und Pizza für Hilfe ihrer sehenden Kommilitonen.

Keine Bittstellerin sein

Denn sie wolle keine Bittstellerin sein, sagt sie: "Wenn ich Unterstützung annehme, möchte ich auch Hilfe geben." Darum war Anja Pfaffenzeller schon als Kind klar, dass sie Lehrerin werden wollte. Heute unterrichtet sie an der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte in Chemnitz.

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Dort ist sie die einzige blinde Lehrerin im Kollegium und das hat Vorteile: "Mir kann kein blinder Schüler sagen 'Oh, das kann ich nicht, ich bin blind'." Deutsch und Englisch unterrichtet sie nach den normalen Lehrplänen für Oberschulen - und Hilfsmittelnutzung: Blindenschrift, Mobilität mit dem Blindenstock, den Umgang mit Computerprogrammen und Apps für Sehbehinderte.

Das Problem mit der Überbehütung

Wichtig ist Anja Pfaffenzeller, "Überbehütung" der blinden Kinder und Jugendlichen zu vermeiden, damit die ihre Erfahrungen machen können – "und auch mal auf die Nase fallen". Das rät sie auch den Eltern.

Sie selbst hat sich immer viel zugetraut: Drei Jahre lang lebte Anja Pfaffenzeller auf eigene Faust in Brasilien, baute dort ein Projekt zur Mobilisierung blinder Kinder auf: "Bats in action" – Fledermäuse in Aktion. Letztlich scheiterte das Projekt an mangelnder Akzeptanz durch die Eltern ihrer Schützlinge; die befürchteten, ihre Kinder würden überfordert.

Davon lässt sich Anja Pfaffenzeller nicht beirren. Neben ihrer Lehrtätigkeit schiebt sie gerade ein neues Projekt an: "Adventure Camp" – Freizeitaktivitäten für blinde Kinder und Jugendliche, bei denen diese lernen sollen, "ihre Grenzen zu verschieben" und erfahren, "dass Blindsein keine Katastrophe ist".

(pag)

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