Anhaltende Trauerstörung

Wenn aus der Trauer kein Weg mehr hinausführt

06:58 Minuten
Melancholisches Schwarzweiß-Foto einer Hand, die auf einem Fenster liegt.
"Mein Leben stand erst mal eine ganze Weile. Ich wollte nur irgendwie einen Tag schaffen", erzählt Maria. © Unsplash/Kristina Tripkovic
Von Carina Schroeder · 17.12.2020
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Lang anhaltende Trauer kann krank machen: Seit 2019 führt WHO die "anhaltende Trauerstörung" als klassifizierte Krankheit. Forscher arbeiten an den Details der Definition dieses Krankheitsbildes und daran, wie Trauernden geholfen werden kann.
"Meine Kinder waren fünf und acht Jahre alt, als mein Mann gestorben ist", erzählt Maria. "Und das ist wirklich etwas, was mir heutzutage immer noch leid tut, dass sie ohne ihren Vater groß werden müssen."
Maria, so möchte sie genannt werden, hat ihren Mann vor zweieinhalb Jahren verloren. Er starb nach Komplikationen bei einer Operation. Ganz unerwartet. Ihr laufen Tränen über das Gesicht, über ihre Trauer sprechen – das möchte sie trotzdem, auch nach zwei Jahren noch: "Ich finde, dass zu wenig darüber gesprochen wird und über lang anhaltende Trauer schon gar nicht."

Das Leben steht still

Verständnis für ihre Situation fand die heute 41-Jährige beim Berliner Qualitätszentrum Trauerbegleitung vom Tabea e.V. Hier gab es Gespräche, geschultes Personal, hier kam sie mit anderen Trauernden zusammen. Das brachte Linderung, zusätzlich hat Maria noch über ein Jahr lang einen Psychotherapeuten besucht.
"De Gesellschaft will das irgendwie nicht wahrhaben oder nicht akzeptieren. ‘Ja, das ist schon lange her, es müsste schon gut sein. Das Leben geht weiter’. Und da denke ich mir: 'Mensch, ja, euer Leben geht weiter!’ Aber meins stand erst mal eine ganze Weile. Und dann wollte ich nur irgendwie einen Tag schaffen."

Eine Krankheit mit Anspruch auf Hilfe

Wie viel Trauer ist zu viel? An dieser Frage wird bereits seit mehr als 40 Jahren geforscht. 2019 dann die Wende. Die Weltgesundheitsorganisation beschließt: die sogenannte "anhaltende Trauerstörung", also die pathologische Trauerreaktion, wird in den internationalen Katalog klassifizierter Krankheiten, kurz ICD, aufgenommen.
Damit ist Trauern eine offiziell anerkannte Krankheit mit Anspruch auf Hilfeleistung. Kriterien für die Diagnose laut WHO: Funktionseinschränkung im Alltag, ein starkes Verlangen nach und eine anhaltende Beschäftigung mit dem Verstorbenen, verbunden mit starkem emotionalem Schmerz – über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr. Und, wie die Psychologin Clare Killikelly ergänzt, "muss die Trauerreaktion die kulturellen Normen des Individuums verletzen".

Kultur prägt Trauer

Darauf hat sich Killikelly spezialisiert. Sie erforscht an der Universität Zürich, wie krankhafte Trauer diagnostiziert werden kann – und wie unterschiedliche kulturelle Einflüsse individuelles Trauern prägen. Für ihre jüngsten Studien führte sie Interviews mit Mitarbeitern im Gesundheitswesen in Deutschland und China – einmal basierend auf den Kriterien des ICD11 und zudem auf einem selbst entworfenen Kriterienkatalog, der kulturelle Einflüsse stärker in den Blick nimmt.
"Das Gesundheitspersonal in China hat gesagt, dass Kopf- und Bauchschmerzen in das ICD-11 aufgenommen werden sollten. Interessanterweise haben die Deutschen Symptome genannt, wie: aufdringliche Gedanken an den Verstorbenen."
"In der Trauer feststecken", auch das haben viele Deutsche als belastend beschrieben, erklärt Claire Killikelly. Insgesamt befragte die Forscherin 214 deutsch-sprachige und 325 chinesisch-sprachige Personen. Es zeigte sich: Nach den ICD11-Kriterien lassen sich Menschen mit langanhaltender Trauerstörung diagnostizieren. Allerdings gibt es starke Hinweise auf kulturell spezifische Symptome, die noch weitgehend unerforscht sind.

Eine lange Trauer ist keine Depression

Rund zehn Prozent aller Trauernden leiden Claire Killikelly zufolge unter der Störung, doch in der Literatur finden sich ganz unterschiedliche Zahlen: "Momentan gibt es fünf oder sechs verschiedene Definitionen für die Störung, die noch immer in diesem Feld benutzt werden. All diese Wissenschaftler nutzen unterschiedliche Fragebögen."
Rita Rosner setzt die Zahl der Menschen mit lang anhaltender Trauerstörung geringer an als ihre Schweizer Kollegin. Der Psychologin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zufolge leiden nur ein Prozent der Trauernden krankhaft. Das zeigt ihre gerade erst beendete, bisher noch unveröffentlichte Studie. Im Gegensatz zur WHO nutzt Rita Rosner statt vier bis zu acht Symptome für die Diagnose.
"Wie zum Beispiel Verbitterung über das Leben und über den Verlust. Das Gefühl, dass ein wichtiger Teil von meinem Leben fehlt, den ich nicht ersetzen kann. Dass ich das Gefühl habe, es gibt keine weitere Zukunft. Dass man fassungslos, schockiert oder benommen ist, wenn man an den an Verlust denkt."
Ihr Ziel: Menschen sollen nicht falsch diagnostiziert und infolgedessen falsch behandelt werden. Nach wie vor würde bei Menschen, die lange trauern, oft zu Unrecht eine Depression oder Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.

Wie man zurück in den Alltag finden kann

Rita Rosner behandelt Menschen mit anhaltender Trauerstörung mit kognitiver Verhaltenstherapie in 24 Sitzungen.
"Unsere Intervention in der anhaltenden Trauerstörung und fast alle anderen erfolgreichen Interventionen weltweit beziehen sich auf die Vergangenheit. Man fragt nach den schmerzhaftesten Momenten und wie man damit umgegangen ist und was sich direkt in der Folge ergeben hat."
Aktuell testet die Psychologin diese Behandlung im Vergleich mit einer an der Gegenwart orientierten Aufarbeitung. Die Hoffnung: Neben der Auseinandersetzung mit dem Verlust wird der Fokus der Betroffenen auch auf die Bewältigung des Alltags gelenkt: den Umgang mit Einsamkeit etwa, neue Tagesabläufe und neue Freundschaften.
Annette Dobroschke vom Berliner Qualitätszentrum Trauerbegleitung begrüßt die Forschung zu krankhafter Trauer.
Sie sieht zwar keinen "Wandel in dem, wie wir Trauer sehen, erleben oder einschätzen, sondern das hat wirklich formal mit dem Zugang zu einer bezahlten, durch die Krankenkassen bezahlten Psychotherapie zu tun."

Trauer als "etwas ganz Lebendiges, Normales"

Menschen wie Maria kann das helfen. Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband hat sich dennoch bereits 2018 dagegen ausgesprochen, Trauer – egal, wie lang - mit "Störung" in Verbindung zu bringen, erklärt Verbandsmitglied Karin Scheer:
"Trauer ist ja ein ganz eigener, ganz tiefer Prozess. Dieses ganz Existenzielle, was uns da erfasst, ist eigentlich eine ganz lebendige Möglichkeit, die tief in uns auch angelegt ist. Darum würde ich Trauer an sich erst mal nicht als etwas Krankhaftes oder als Störung ansehen, sondern als etwas ganz Lebendiges, Normales."
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