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Profil / Archiv | Beitrag vom 24.06.2008

Angst vor der Entscheidung

Die deutsche Schriftstellerin Heike Geißler

Von Tobias Wenzel

Lesungen zur Vergabe des  Ingeborg-Bachmann Preises 2007. (AP)
Lesungen zur Vergabe des Ingeborg-Bachmann Preises 2007. (AP)

Sie ist eine Ehrlichkeitsfanatikerin und nicht gerade sehr entscheidungsfreudig. Doch die Autorin Heike Geißler steht zu ihren Schwächen. Die 31-Jährige hat ihren zweiten Roman geschrieben und ist nun für den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt nominiert.

"Mir fehlt so sehr, ich glaube, dieses Selbstbewusstsein zu sagen: 'Jetzt habe ich's. Und das ist der Text, den auch die Menschen lesen sollen.' Ich mache mir Pläne, immer wieder, aber ich halte mich nicht daran. Ich will mich einfach nicht daran halten."

Heike Geißler, eine junge Frau mit warmen grün-braunen Augen und ausgeprägten Wangenknochen, sitzt am Küchentisch. Ihre dunkelblonden Haare sind zum Pferdeschwanz zurückgebunden, der Pony bildet einen Seitenscheitel.

Die Arme der 31-Jährigen liegen verschränkt auf der gelb-weiß gestreiften Tischdecke. Der Zeigefinger der linken Hand streicht behutsam über den rechten Arm, während Heike Geißler über sich und ihre zwei Bücher spricht. In beiden will sich eine Frau das Leben nehmen. Wie steht Heike Geißler, die Germanistik und Philosophie studiert, zum Selbstmord?

"Ich mach das nicht. Ich darf das nicht. Ich will das nicht. Für andere verweigere ich die Antwort."

Nie würde sich Heike Geißler über andere vorschnell eine Meinung bilden. Am Germanistik-Studium stört sie, dass oft ungerecht über Texte von Schriftstellern geurteilt wird. Als Heike Geißler in einem Callcenter arbeitete, um ihr Studium zu finanzieren, sorgte sie sich um die Leute, die sie anrief. Sie machte Umfragen im Namen eines Sozialinstituts:

"Wie viele Freunde hat ein Mensch? Und wer würde im Notfall ihm helfen, ihm Geld leihen? usw. Und davon waren Fragen in Reihung. Und ich dachte, oh weh, da ist ein Mensch, der sagt dann möglicherweise zehn mal nacheinander Nein: Er hat niemanden – nein. Und auch das nicht – nein. Nein, nein. Also ein Mensch, der vermutlich als einsam zu bezeichnen ist und wenn nicht gar verzweifelt.

Und die Vorstellung von mir war dann: Ich lege auf und sage: 'Vielen Dank für dieses Gespräch.' Und dann ist die Person allein damit und hat zehnmal Nein gesagt und kommt möglicherweise dazu, ganz traurig zu werden. Das kann man doch nicht machen! Man kann doch nicht so verantwortungslos sein!"

Also kündigte Heike Geißler ihren Job. Das war in Halle an der Saale. Bis vor kurzem lebte und studierte sie in dieser Stadt, der man auch in ihrem zweiten Buch "Nichts, was tragisch wäre" begegnet. Jetzt aber lebt die Schriftstellerin in Leipzig, einem Ort, an dem man einfach sein kann, wie sie sagt. Halle, eine Stadt, in der die Hälfte der Häuser noch unsaniert ist, war ihr fremd geworden:

"Wenn man eine Wohnung sucht, dann wird Laminat angepriesen, obwohl möglicherweise das ursprüngliche PVC dann irgendwie doch noch adretter wäre und ehrlicher."

Ehrlich. Immer wieder gebraucht Heike Geißler dieses Wort. Unehrlich war sie selbst nur in Notsituationen:

"Also ich kenne auch diese Zeiten, dass ich mit einer EC-Karte, die schon eigentlich nicht mehr benutzt werden sollte, einkaufe und sage: 'Entschuldigung, ich habe meine PIN-Nummer vergessen. Kann man hier auch ohne PIN-Nummer?' Und habe mir den Wagen vollgeladen voll mit Dingen, die vielleicht für einen Monat reichen, um noch... Und dann geht es doch nicht ohne PIN-Nummer, und ich kratze dann die letzten Pfennige zusammen und kaufe irgendwas. Also das kenne ich; und das ist auch ganz furchtbar."

Furchtbar findet sie auch ihre größte Schwäche: dass sie sich nicht entscheiden kann. Wie würde das Leben verlaufen, wenn sie diese und nicht jene Entscheidung träfe? Wie würde der Roman enden, wenn sie sich für diesen und nicht für jenen Satz entschiede?

In der Erzählung "Nichts, was tragisch wäre" thematisiert sie genau das. Darin streitet eine Romanfigur mit ihrer Autorin darüber, wie die Geschichte weitergehen soll. Und im Leben? Da ist Heike Geißler neuerdings zu Entscheidungen gezwungen. Denn sie hat einen kleinen Sohn:

"Zuerst einmal verändert sich, dass Alleinsein nicht mehr ist. Ich bin ja jetzt eigentlich immer in Gesellschaft. Das heißt, auch mein Freund ist viel mehr um mich als zuvor. Wir sind jetzt eine Kleinfamilie. Das ist ziemlich sonderbar."

Ihr Freund arbeitet als Fotokünstler. Heike Geißler könnte auch leben, ohne selbst künstlerisch tätig zu sein. Sie möchte vom Schreiben leben, aber es muss nicht Belletristik sein. Ob diese Aussage auch den negativen Kritiken geschuldet ist, die vor allem ihr zweites Buch erhalten hat?

Heike Geißler wurde 1977 im sächsischen Riesa geboren und wuchs in Karl-Marx-Stadt auf, in einer Familie, die es nicht mit der Literatur hatte. Ihr Vater war Dreher, ihre Mutter leitete zwei Postämter:

"Sie arbeitete in Sichtentfernung von mir. Wir wohnten gegenüber dieser Post. Die war auch in einem Wohnhaus untergebracht. Und manchmal habe ich ihr durch Lichtzeichen - wir hatten erst kein Telefon - durch Lichtzeichen zu verstehen gegeben, dass ich sie brauche zu Hause, weil ich sehr oft Nasenbluten hatte. Aber das hat nicht funktioniert, weil bei Tag sieht man das ja nicht."

Wenn Heike Geißler lächelt, bilden sich langgezogene Grübchen. Jedes Wort klopft sie ab und hinterfragt es, noch während sie redet. Präzise möchte sie sein. Den Menschen und den Dingen, über die sie redet, gerecht werden. Allein um die Sache geht es ihr. Und genau deshalb macht ihr der Literaturwettbewerb in Klagenfurt Angst:

"Es ist natürlich alles ganz schlimm. Ich habe vorgestern noch gedacht, ich muss das eigentlich absagen. Das werde ich nicht tun. Aber es sind auch grundsätzliche Zweifel an dieser Veranstaltung. Allein: Man bezeichnet es als Um-die-Wette-Lesen. Das geht ja gar nicht. Also Um-die-Wette-Lesen ist definitiv: Wer liest am schnellsten, ja!"

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