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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.10.2015

Angst vor dem FremdenAuch Intelligenz schützt nicht vor Xenophobie

Borwin Bandelow im Gespräch mit Marianne Allweiss und André Hatting

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Der Angstforscher Borwin Bandelow am 18.3.2011 (dpa / picture alliance / Thomas Schulze)
Der Angstforscher Borwin Bandelow am 18.3.2011 (dpa / picture alliance / Thomas Schulze)

Flüchtlinge sind Menschen in Not, die bei uns Hilfe suchen. Dennoch reagieren viele Deutsche mit Angst, Abneigung, sogar Hass auf "die Fremden". Diese Xenophobie sei ein Erbe unserer Urahnen und fest in unseren Genen verankert, sagt der Psychiater Borwin Bandelow.

Flüchtlinge in Not strömen unvermindert nach Deutschland, Angela Merkel verteidigt bei "Anne Will" ihre Politik der offenen Tür. Die Situation in Deutschland ist angespannt - vor allem in Ostdeutschland demonstrieren Pegida und Co., Fremdenhass lodert immer wieder auf und gewalttätige Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte machen Schlagzeilen.

Woher rührt diese Abneigung und Angst vor den Fremden, die nach Deutschland kommen, auch bekannt unter dem wissenschaftlichen Begriff Xenophobie?  Der Psychiater und stellvertretende Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Göttingen, Borwin Bandelow, sagt, Xenophobie sei in etwa mit Angst vor Spinnen zu vergleichen. Er bietet eine evolutionsgeschichtliche Erklärung an: Während unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren es noch mit lebensgefährlichen Exemplaren zu tun gehabt hätten, hätte heute kein Bundesbürger mehr Grund, sich vor Spinnen zu fürchten.

Aber "da Ängste eben auch vererbt werden, haben wir heute auch ererbt eine Spinnenangst und werden mit ihr geboren... Genauso ist es mit der Xenophobie: Es hat sich früher mal als Überlebensvorteil gezeigt, Fremdenangst zu haben - als wir uns in Stämmen zusammengerottet hatten und jeder mit seinem Stamm zusammengehalten hat. Das heißt, dass die, die gemeinsam andere Stämme bekämpft und geschlagen haben, einen Überlebensvorteil hatten."

Intelligenz schützt nicht vor "Angstsystem"

Ein Teil dieser steinzeitlichen Fremdenangst habe offenbar in unseren Genen überlebt, sagt Bandelow. Sie nehme dort absurde Züge an - etwa in Sachsen -, wo besonders vehement gegen Flüchtlinge demonstriert werde, obwohl es weit und breit keine oder kaum welche gebe. Generell liege das "Angstgehirn mit dem Vernunftgehirn" im Widerstreit. Interessanterweise spiele Geld dabei keine oder kaum eine Rolle - denn obwohl zur Zeit kein Bundesbürger wegen der vielen aufgenommenen Flüchtlinge finanzielle Einbußen hinnehmen müsse, lösten die zugereisten Fremden Abwehr aus. Auch Intelligenz schütze nicht vor diesem "uralten Angstsystem". Auf jeden Fall sei Vorsicht geboten, dass diese Angst "nicht von Demagogen ausgenutzt wird".

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