Angst als Schmierstoff der Finanzbranche

Von Simone Reber · 04.11.2013
Sie handeln mit Millionen und sind doch immer von der Furcht geplagt, schon bald nicht mehr zum erlesenen Zirkel zu gehören. In seinem Dokumentarfilm "Master of the Universe" porträtiert Marc Bauder ehemalige Finanzjongleure als Verlierer eines gnadenlosen Systems.
Wie schwerelos trudelt der Blick der Kamera aus schwindelerregender Höhe durch die glitzernden Hochhausschluchten von Frankfurt am Main. In Cinemascope gleiten verspiegelte Fensterfronten vorbei, gaukeln Transparenz vor, gewähren aber keinen Einblick.

Ein Drittel des Frankfurter Finanzzentrums steht leer. Der Regisseur Marc Bauder hat seinen grandiosen Dokumentarfilm "Master of the Universe" in einem dieser verlassenen Bankentürme gedreht.

"So ein leeres Gebäude, das ist das Gerippe und wir versuchen natürlich auch, ein Gerippe zu dechiffrieren einer Finanzwelt. Wenn man anfängt, sich damit zu beschäftigen, dann sieht man vielleicht diese Glasfassaden, das ist wie diese Formeln, die er einmal an die Wand malt. Mein Gefühl war, umso tiefer ich geschaut habe, umso weniger habe ich gefunden."

Oben im "Allerheiligsten" des Geisterhauses steht der einzige Protagonist des Films. In den nackten Räumen erklärt Rainer Voss, einst selbst ein hochrangiger Investmentbanker, die Mechanismen seiner Branche. Den Corpsgeist, den Konkurrenzdruck, die Initiationsrituale: Erst wer zwei Nächte durchgearbeitet hat, wird ernst genommen. Aber Rainer Voss schwärmt auch von dem Kick, am Lauf der Welt mit zu drehen

"Man sieht die Weltenmechanik einer kapitalistischen Welt. Man sieht, wie politische Handlungen sich über den Transmissionsriemen der Kapitalmärkte übersetzen in Konsequenzen für Menschen. Man versteht diese Zahnräder und wie die ineinander greifen. Und das ist faszinierend. Da geht es nicht um Geld."

Hochgeschwindigkeitsrechner ändern die Spielregeln
Den Rausch bezahlen die Banker mit ihrer Seele. Der Job dominiert Urlaub, Ehe, Freundschaften. Ihre Besessenheit, ihre Höhenflüge erinnern tatsächlich an den Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" des amerikanischen Schriftstellers Tom Wolfe aus dem Jahr 1987, dem der Film seinen Titel verdankt. Doch Wolfs "Master of the Universe", ein Wallstreet-Makler, wirkt heute fast unschuldig.

Um das Jahr 2000 herum, beobachtet Rainer Voss, ändern sich die Spielregeln. Selbständig agierende Hochgeschwindigkeitsrechner pervertieren den Handel. Wenn früher Aktien im Schnitt vier Jahre gehalten wurden, sind es heute 22 Sekunden. Völlig losgelöst von der Realwirtschaft übernimmt die Finanzwirtschaft die Führung.



Plastisch erklärt der Ex-Banker die faulen Geschäfte und malt apokalyptische Szenarien an die Wand. Was, wenn die Krise als Nächstes auf Holland und Frankreich übergreift, fragt er im Film.

"Da muss man sagen, dass die Äußerungen über ein Jahr alt sind, da gab es in der Eurokrise eine andere Zuspitzung, Aber wenn ich die politischen Entwicklungen in Frankreich sehe, die auch in diesem Jahr gewesen sind, wie Steuern eingeführt werden, dann gibt es einen Riesenaufschrei und zwei Monate später werden sie wieder abgeschafft. Es ist ein bisschen, wenn Blut im Wasser ist, kommen die Haie."

Ständige Angst
Am erschreckendsten ist unter den vielen Einsichten aus diesem Film die Erkenntnis, dass die mächtigste Kaste der kapitalistischen Welt von Angst getrieben wird, mehr noch als von Gier. Jedes Jahr, erzählt Rainer Voss, fliegen zehn Prozent der Händler raus.

"Nach 2000 hat das angefangen. In dem Film rede ich vom Schützengraben im I. Weltkrieg. Sie sitzen dann, und dann macht es plötzlich puff. Wo ist denn der Thomas, ja der kommt nicht mehr. Dann tun sie natürlich alles, um nicht von diesen Granaten getroffen zu werden. Aber es ist natürlich ständig diese Angst da, eliminiert zu werden aus dem System."

Auch Rainer Voss hat seinen Job verloren, Mit Anfang 50 galt er in der Branche als zu alt. Weil der Regisseur Marc Bauder geduldig zuhört und hartnäckig nachfragt, bleibt seine dichte Dokumentation nicht bei simplen Feindbildern stehen. Schließlich haben sich alle Lebensbereiche dem Primat der Ökonomie bereitwillig geöffnet. Jetzt liegt die Rechnung auf dem Tisch.

Wem sie zu kompliziert erscheint, darf als simplen Leitsatz mit nach Hause nehmen: "Die Privatanleger verlieren immer."