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Kompressor | Beitrag vom 07.05.2020

Angriffe auf JournalistenWie Feindbilder und Stimmungsmache entstehen

Daniel Bouhs im Gespräch mit Anke Schaefer

Ken Jebsen steht mit ernster Miene in einer Demonstration und klatscht. (picture alliance/dpa/Felix Zahn)
Der ehemalige rbb-Moderator Ken Jebsen hat eine alternative Medienmarke aufgebaut, die Verschwörungstheorien verbreitet. (picture alliance/dpa/Felix Zahn)

Innerhalb einer Woche gab es in Berlin den zweiten Angriff auf ein Kamerateam. Medienjournalist Daniel Bouhs beleuchtet die Hintergründe. Eine fragwürdige Rolle spiele der frühere rbb-Moderator Ken Jebsen.

Zunächst wurden mehrere Mitglieder eines Teams der "heute show" am 1. Mai derart verprügelt, dass sie zumindest kurz in ein Krankenhaus mussten. Nach dem ZDF hat es am Abend des 6. Mai nun ein Kamerateam der ARD getroffen: Bei einem Protest gegen die Corona-Beschränkungen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin wurden Kameraleute angegriffen.

Über Gewalt gegen Medienvertreter in Deutschland und das, was sich im Hintergrund abspielt, haben wir dem Medienjournalisten Daniel Bouhs gesprochen. Hier finden Sie das Gespräch in voller Länge:


Anke Schaefer: Zum aktuellen Fall: Was ist bekannt, gestern vor dem Reichstag – was wissen wir?

Daniel Bouhs: Das war eine Demonstration, wie es sie vielfach in Deutschland inzwischen gibt, gegen vermeintliche Grundrechtseinschränkungen während der Pandemie, vor dem Berliner Reichstag in diesen Fall. Aus der Menge trat plötzlich ein Mann vor, der direkt auf ein Kamerateam des ARD-Hauptstadtstudios eingetreten hat. Das war ganz offensichtlich – da gibt es auch Videos von im Netz – eine bewusste Aktion, kein Versehen und auch keine Abwehr, weil er sich vielleicht durch eine Menschenmenge bedrängt gefühlt hat.

Die Polizei war mit einem großem Aufgebot vor Ort. Wie im Lehrbuch ist sie in die Menschenmenge hinein sofort, hat den Täter eingekesselt und abgeführt. Der ist inzwischen  inzwischen wieder auf freiem Fuß, wie man in den Agenturen erfahren kann. Es ging darum, seine Identität festzustellen. Jetzt ist die Staatsanwaltschaft dran. Schwer verletzt wurde bei dieser Aktion – anders als beim Team der "heute show" – allerdings niemand.

Ein Spiel mit Reizen und Reflexen

Anke Schaefer: Was steckt denn hinter diesen Angriffen – kann man das sagen?

Daniel Bouhs: Also bei all diesen Vorgängen spielt auch die "alternative" oder besser die Verschwörungsszene eine Rolle. Gestern zum Beispiel die Demonstration, die wurde losgetreten von dem Koch Attila Hildmann, der neben Tipps für vegane Küche wirre Theorien zum Coronavirus verbreitet und mit anderen im Netz zum Widerstand aufruft. Und dann landet man auch sehr schnell immer bei Ken Jebsen, dem ehemaligen rbb-Moderator, der mit "Ken FM" eine alternative Medienmarke aufgebaut hat, die auch oft in die Verschwörung abrutscht.

Anke Schaefer: Und da wird zur Gewalt aufgerufen?

Daniel Bouhs: Also von Figuren wie Ken Jebsen in aller Regel nicht. Aber es wird da schon sehr offensichtlich eine Stimmung generiert, statt zu bremsen. Das macht Ken Jebsen selbst, teils sind die Kommentarspalten unter seinen Veröffentlichungen aber auch das Forum dafür. Und das funktioniert natürlich mit den großen, teils gigantischen Reichweiten, die diese alternative Medienszene inzwischen aufgebaut hat.

Ken Jebsen spielt schlicht mit denselben Reizen und Reflexen wie das beispielsweise auch "RT Deutsch" macht: Er berichtet und spricht an, worüber "die Medien" – wie er sie selbst immer wieder gerne sagt – schweigen. Er beteiligt sich zum Beispiel gerade auch an den Verschwörungen um Bill Gates – den Microsoft-Gründer, der seit Jahren sein Vermögen investiert, um weltweit Seuchen zu bekämpfen. Das ist schon, kann man sagen, krudes Zeug.

Übrigens wurde auf YouTube dieses Video knapp drei Millionen Mal abgerufen – da sieht man die Reichweite. Jetzt gab es das auch gerade wieder wieder: "Von Medien verschwiegen" twittert er und verlinkt den Livestream zur Demo vor dem Reichstag – also seinen Livestream.

Dabei war das ja gerade breit in den Medien – aber eben mit dem Fokus auf die Gewalt, der dort auf die Kollegen eingeschlagen hat. Dazu twittert Jebsen wiederum: Das sei eine "Einzel-Aktion" gegen das ARD-Team, das sei "überflüssig" gewesen. Nun kursiere weit verbreitet der Terminus "Angriff auf ein ARD-Kamerateam" – das müsse jeder für sich definieren. Da versucht man als schon so ein bisschen, auch eine Art Deutungshoheit zu gewinnen.

Feindbild öffentlich-rechtliche Medien

Anke Schaefer: Spielt er das also herunter?

Daniel Bouhs: Ja, absolut, würde ich schon sagen. Zumal der Großteil der Demonstranten sich erkennbar mit dem Angriff solidarisierte. Hören wir mal kurz rein in ein Video, das der Kollege Felix Husemann vor Ort gedreht hat und im Netz teilte. "Lasst ihn raus!", skandieren die Demonstranten. Sie finden also offensichtlich nicht, dass der Tritt gegen das Kamerateam eine Festnahme rechtfertigt. Ich finde, das sagt schon etwas aus über die Szene, um die es da geht.

Anke Schaefer: Ja, in der Tat. Und beim Angriff auf die "heute show"?

Daniel Bouhs: Da muss man sagen: Da sind noch immer nicht die Hintergründe völlig klar. Mir stellen sich hier auch persönlich noch einige Fragen. Warum hatte das Team der "heute show" drei Personenschützer dabei – was wusste oder ahnte man im Voraus, oder welche Erfahrungen hatte man schon gemacht, die vielleicht gar nicht so bekannt geworden sind?

Klar ist: In diesem ganzen alternativen Umfeld gelten klassische, vor allem öffentlich-rechtliche Medien als Feindbild. Ken Jebsen hat zum Beispiel auf seinen Kanälen einen Kommentar verteilt, indem sich am 30. April, also einen Tag vor der Attacke auf das "heute show"-Team, diese Passage findet – hier als Tondatei – verbreitet von "Ken FM":

"Diese Woche werden Freitag und Samstag Demonstrationen in Berlin stattfinden. Die "heute-show" vom ZDF wird extra ein Kamerateam hinschicken. Ich konnte durch Zufall in Erfahrung bringen, man möchte gezielt Verpeilte und Verstrahlte rauspicken, um sie für das dürstende ZDF-Publikum vorzuführen, lächerlich machen. Wir lernen, wer auf die Straße geht, gilt in den öffentlich-rechtlichen Medien und bei entsprechenden Endkonsumenten entweder als Verschwörungstheoretiker, Verpeilter oder Nazi oder alles drei in individueller Mischung. Widerstand. Der Widerstand muss wachsen. Jetzt."

Ja, da hört man, glaube ich, auch ganz gut, dass über diese Alternativmedien, die Verschwörungszene, Feindbilder kreiert werden – und schon auch eine Stimmung generiert wird, in der heißt dann: zugreifen.

119 gewaltsame Angriffe auf Journalisten seit 2015

Anke Schaefer: Und da lässt sich dann klar sagen: Das ist von Rechts motiviert?

Daniel Bouhs: Also, für mich persönlich sind die aktuellen Bewegungen eher sehr diffus. Es gibt aber durchaus Anhaltspunkte. Bei den Demos – gestern zum Beispiel in Cottbus, wie das Foto eines Kollegen zeigt – wurde ein Davidstern hochgehalten mit der Aufschrift "Nicht geimpft". Man verhöhnt damit ja letztlich die Opfer des Nationalsozialismus. Und direkt daneben ist eine Grafik zu sehen gewesen mit den Logos von ARD und ZDF und der Aufschrift: "Bitte waschen Sie Ihre Hände. Ihr Gehirn waschen wir." 

Und dann lohnt sich zur Einordnung auch ein Blick in die Statistik. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit in Leipzig hat sich Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten über die Jahre angesehen. Seit 2015 habe sich dabei sowohl das Feld der Betroffenen, als auch die Täterkreise erweitert. Inzwischen trage "eine breite, heterogene Masse die Pressefeindlichkeit" und toleriere oder bejubele Gewalt gegen Presseleute.

Dem Zentrum zufolge gab es von 2015 bis März diesen Jahres bisher 119 gewaltsame Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten in Deutschland – der gestrige ist noch nicht mit drin. Von den 119 erfassten seien 77 Prozent der Vorfälle aus dem rechten Lager gekommen, nur neun Prozent von linken Tätern – die anderen seien nicht klar zuzuordnen. Ich finde auch, das zeigt schon eine sehr klare Tendenz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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