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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.03.2017

Angolas Hauptstadt LuandaAfrikas Stadt der Reichen

Von Jan-Philippe Schlüter

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Uferstraße mit Skyline, aufgenommen am 26.03.2014 in Luanda in Angola. Zahlreiche Hochhäuser wachsen hinter der neugebauten Uferpromenade, der Bahia de Luanda in die Höhe. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Uferstraße von Luanda - Viele Gebäude aus der portugiesischen Kolonialzeit wurden abgerissen oder verfallen im Schatten protziger Glas-Stahl-Beton-Bürotürme. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Luanda ist die teuerste Stadt Afrikas und ein Ort krasser sozialer Gegensätze. Hier cruisen Angolas Neureiche mit ihren schwarzen Geländewagen, während ein Sprachlehrer für knapp 800 Euro im Monat unterrichtet. Die riesigen Ölvorräte des Landes haben nur wenigen Menschen genutzt.

An den Wochenenden entfliehen alle, die es sich leisten können, der schwülen Hitze der Hauptstadt. Tausende Familien zieht es ans Meer. Die weitläufigen weißen Strände der Stadtteile Benfica und Corimba und die auf der vorgelagerten Halbinsel Ilha do Cabo sind proppenvoll. Es wird gegrillt, getrunken, geschwatzt und im warmen Atlantik geplanscht.

Im Weltzeit-Podcast hören Sie regelmäßig, wie sich andere Länder entwickeln: Konflikte, Fortschritte, Besonderheiten abseits der hiesigen Schlagzeilen.

Ein kleines Motorboot verkehrt zwischen der Stadt und der Mussulo-Halbinsel, die eigentlich nur ein einziger langer Strand ist - mit ein paar schicken Häusern und Yacht-Anlegestellen der reichen Bonzen, die gute Kontakte zum seit 37 Jahren autoritär regierenden Präsidenten Dos Santos haben.

Ihre verwöhnten Söhne fahren mit verspiegelten Sonnenbrillen und Designerklamotten ihre Lieblingsspielzeuge spazieren: aufgemotzte, kleine Jeeps, aus denen angolanische Kuduro-Musik dröhnt. Aber Mussulo ist nicht nur für die Reichen und Schönen. Die einfachen Strandbuden bieten gegrillten, frischen Fisch mit Reis und Salat an. In Styropor-Kühlboxen lagern eisgekühlte Limonaden und Cuca, das lokale Bier. Ein wunderbares Fleckchen, um dem hektischen, glühenden Großstadt-Moloch zu entkommen, meint Geschäftsmann Joao Carlos.

"Ich habe hier ein kleines Strandhaus und bin fast jedes Wochenende mit meinen Leuten hier und relaxe."

Erhohlung von der Hölle

Sein Freund Marcio füllt Whiskey in einen Pappbecher voller Eiswürfel. Er arbeitet als Ingenieur auf einer Ölplattform vor der Küste Angolas. Mehrere Tage hart arbeiten, dann hier entspannen.

"Wir Angolaner genießen das Leben. Wir sind nicht so wie die Europäer oder Amerikaner. Die arbeiten sehr hart und feiern nur ein bisschen. Bei uns ist das eher so fifty-fifty. Das Wochenende hier genießen, abschalten und montags geht es zurück zur Arbeit."

Und das ist die Hölle. Konzentriert steuert Antonio da Silva seinen verbeulten, grauen Kleinwagen durch den dichten Morgenverkehr Luandas. Eigentlich ist er Sprachlehrer. Aber sein Gehalt von umgerechnet knapp 800 Euro reicht hinten und vorne nicht, um seine Familie zu ernähren. Deshalb bessert Antonio es mit Nebenjobs auf. Mal macht er Schichten in einer Brauerei, mal bietet er seine Dienste als Fahrer an.

"Es ist echt eine Herausforderung, hier in Luanda Auto zu fahren. Keiner hält sich an die Regeln. Außerdem sind viele Straßen kaputt. Manche sind relativ neu, keine zehn Jahre alt, aber sie sind schon kaputt. Manchmal stehen wir zwei, drei, vier Stunden im Stau. Auf einer Strecke, für die wir eigentlich höchstens 50 Minuten brauchen würden."

Für Autofahrer gibt es wohl weltweit nur wenige Städte, die schlimmer sind als Luanda. Keine Beschreibung der Stadt kommt ohne den Hinweis auf das Verkehrschaos aus, das hier praktisch den ganzen Tag herrscht.

Der Fahrstil der Lenker ist abenteuerlich. Vor allem die Fahrer der hellblauen Minibus-Sammeltaxis mit dem weißen Dach, die "Candongueiros", nutzen, ohne Rücksicht auf Verluste, jede noch so kleine Lücke, um ein paar Zentimeter voranzukommen. Erstaunlich, dass die Fahrer dabei meistens ruhig bleiben – zumindest seien lautstarke Auseinandersetzungen oft nach kurzer Zeit vorbei, grinst Antonio.

"Freunde macht man sich im Verkehr nicht, eher Feinde. Aber das Gute an den Menschen hier ist: Selbst wenn wir uns im Stau beschimpfen – kurz darauf sind wir schon wieder Freunde - und alles ist gut."

Entsprechend pragmatisch findet Antonio dann auch einen Parkplatz: Er stellt sein Auto einfach auf einen freien Platz auf einem Privatgrundstück vor einem Mietshaus.

Vom "Paris Afrikas" zur kriegszerstörten Stadt

Luanda wurde 1576 vom portugiesischen Entdecker Paulo Dias de Novais gegründet, einem Nachkommen des Seefahrers Bartolomeu Diaz. Mit 100 Siedlerfamilien und militärischer Unterstützung etablierte de Novais gewaltsam die Siedlung "São Paulo da Assumpção de Loanda" im Gebiet des Königtums Ndongo. Das Land wurde kolonialisiert, Luanda wurde zum Brückenkopf Portugals auf dem Kontinent und zum Zentrum des Sklavenhandels mit Brasilien. Die Eroberer bauten zwei massive Festungen – die Fortaleza de São Miguel und das Forte de São Francisco do Penedo, die bis heute als historische Wahrzeichen existieren.

Nach Abschaffung der Sklaverei erlebte Luanda Mitte des 19. Jahrhunderts einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und wurde zum Handelszentrum der Region. Der Hafen war ein riesiger Umschlagplatz. Schiffe aus aller Welt ankerten in der Bucht von Luanda, um Palmöl, Elfenbein, Baumwolle, Kaffee, Kakao und Tabak für den Export zu laden. Ein wohlhabendes angolanisches Bürgertum entstand, das sich prächtige Kolonialbauten in der Stadt leistete. Noch während der angolanischen Unabhängigkeit 1975 war Luanda eine der größten und am meisten entwickelten Städte des Kontinents, galt gar als "Paris Afrikas".

Doch fast vierzig Jahre bewaffneter Konflikte haben Luanda weit zurückgeworfen. Erst der erfolgreiche Befreiungskampf gegen die portugiesischen Besatzer. Dann direkt im Anschluss der Bürgerkrieg – einer der längsten und blutigsten auf dem afrikanischen Kontinent.

Der Bürgerkrieg war vor allem ein Machtkampf zwischen den rivalisierenden ehemaligen Befreiungsbewegungen MPLA und UNITA. Beide wollten sich die Macht im entkolonialisierten Angola sichern. Zu unterschiedlich waren die sozialen Wurzeln und die Ideologien der beiden Seiten. Zu verkracht waren die Anführer – MPLA-Chef José Eduardo dos Santos, der spätere Präsident, und UNITA-Führer Jonas Savimbi.

Am Ende waren mehr als eine halbe Millionen Tote zu beklagen. Über eine Million Menschen wurden vertrieben. Die Infrastruktur des Landes und der Hauptstadt Luanda wurde weitgehend zerstört. Erst der 2002 vereinbarte Frieden und der vom Rohöl ausgelöste Wirtschaftsboom Angolas hat Luanda wieder erweckt. Seitdem verändert sich das Stadtbild rasant.

"Ich hatte hier früher einen freien Blick! Alle Gebäude, die ich von meinem Fenster aus sehe, hat es vor 10, 15 Jahren noch nicht gegeben. Die Stadt ist so schnell gewachsen, dass sich der Anblick total verändert hat. Kaum wiederzuerkennen. Ich habe die Entwicklungen jeden Tag erlebt. Das ist bizarr, um es mal vorsichtig auszudrücken."

Angela Mingues sitzt in ihrem Büro einer Privatuniversität mit Blick auf das Geschäftszentrum Luandas. Die protzige Zentrale des staatlichen Ölkonzerns Sonangol, ein 22 Stockwerke hoher Riegel aus Glas, Stahl und Beton, eines der höchsten Gebäude Angolas, versperrt den Blick auf die Meerespromenade. Angela Mingues ist Architektur-Professorin und wohl eine der profundesten Kennerinnen der Stadt.

"Die Stadt hat ihr historisches Gesicht verloren. Paris ist eine Stadt der Kultur, Chicago eine Industriestadt. Luanda ist seit den Zeiten der Sklaverei eine Handelsstadt. Aber diese Identität ist über die Jahrhunderte verloren gegangen. Vor allem durch die Entwicklung in den letzten zehn, fünfzehn Jahren."

Luanda ist wie ein in Stein gehauenes Geschichtsbuch, aus dem bündelweise Seiten herausgerissen worden sind. Vereinzelt erinnern noch die mit Blumenornamenten dekorierten gekachelten Straßenschilder und die liebevoll restaurierten Villen an die portugiesischen Kolonialherren. Aber viele Gebäude aus dieser Epoche wurden abgerissen oder verfallen im Schatten protziger Glas-Stahl-Beton-Bürotürme. Bei den Stadtplanern scheint der Gedanke vorzuherrschen, dass man die koloniale Vergangenheit nicht braucht. Stattdessen gilt das Motto: moderner, höher, protziger, teurer. Viele Projekte werden von chinesischen Baufirmen realisiert, die mit Rohöl bezahlt werden. Ironischerweise erzeugt genau dieser Zwang, sich unbedingt am globalen Architektur-Gigantismus zu orientieren, eine neue Art der Kolonialisierung, meint Angela Mingues.

"Keines dieser neuen Bauprojekte ist von Angolanern entworfen worden. Keines hat eine angolanische Perspektive. Wir sollten unsere Vergangenheit nicht einfach ausradieren und vergessen. Sonst holt sie uns wieder ein. Gerade findet doch wieder eine Kolonialisierung statt: All diese Gebäude gehören Öl-Konzernen. Das geht doch in die gleiche Richtung. In hundert, zweihundert Jahren wird man unsere heutige Epoche auch als eine Art Kolonialisierung bei der Entwicklung der Stadt begreifen. Es sind andere Länder, andere Zeiten, klar. Aber die Philosophie bleibt die gleiche."

Spielwiese für internationale Investoren und Neureiche

Der Run auf die Öl-Reserven hat zu einer Turbo-Entwicklung in Luanda geführt. Fast alle Öl-Multis wollten von dem Boom profitieren und haben sich hier angesiedelt. Aus einer vom Bürgerkrieg traumatisierten Stadt ist innerhalb kürzester Zeit eine der teuersten Städte der Welt geworden. Produziert wird im Land praktisch nichts, fast alles muss importiert werden – meistens aus Portugal, Südafrika, Indien und China. Das macht das Leben extrem kostspielig.

Im Supermarkt zahlt man für ein Toastbrot aus Portugal acht Euro, für ein Stück spanischen Käse 15 Euro, eine Packung Windeln atemberaubende 60 Euro. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Menschen mit weniger als zwei Euro am Tag überleben muss. Und in dem selbst gut ausgebildete Leute vielleicht 600 bis 800 Euro im Monat verdienen.

Außerdem ist die Nachfrage nach Wohnraum explodiert. Die Preise entsprechend mit. Eine 100-Quadratmeter-Wohnung kostet schon mal über 3.000 Euro Miete im Monat. Kürzlich hat ein großes Penthouse direkt über der Strandpromenade einen neuen Mieter gefunden – für mehr als 150.000 Euro im Monat.

Eine Stadt als Spielwiese für internationale Investoren, Öl-Firmen und die zu schnellem Reichtum gekommenen, politisch bestens vernetzten Neureichen Angolas. Auch auf der Straße zeigen sie, was sie haben: kolossale, schwarze Geländewagen, mit denen sie durch den Verkehr pflügen.

Zu den Spielwiesen zählt auch der mondäne Club Náutico auf der Halbinsel Do Cabo. Unter Sonnenschirmen lässt sich die Hautevolee des Entwicklungslandes bei köstlichem Fisch und exquisiten Meeresfrüchten verwöhnen. Von der Terrasse aus haben sie einen prächtigen Blick über die Bucht, den Yachthafen und die Skyline von Luanda. Ein kleiner, drahtiger, junger Mann werkelt in einer Ecke an einem Mischpult und großen Lautsprechern herum. Für den schönen Ausblick hat er nicht viel übrig.

"Das Panorama ist ganz nett. Mein Leben sieht aber ganz anders aus. Wie das der meisten Angolaner. Keiner von uns wohnt in so schicken Gebäuden. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft, eine gerechtere Verteilung des Einkommens. Bildung und Wohlstand für alle. Aber hier haben nur wenige Menschen viel zu viel Geld."

Mit Kuduro gegen die Missstände

MC Sacerdote ist einer der bekanntesten Kuduro-Künstler des Landes. Kuduro ist der populärste Musikstil bei jungen Angolanern. Ein energiegeladener Mix aus karibischen Rhythmen wie Calypso und Soca, afrikanischer Percussion und House- und Technobeats. Der schnelle, atemlose Stil passt bestens zu einer pulsierenden Stadt wie Luanda. Besonders in den Musseques, den riesigen Slums von Luanda, ist Kuduro für die Jugend ein Lebenselixier.

"Kuduro ist pure Energie! Wir jungen Leute können damit besonders gut unsere Gefühle ausdrücken, unsere Träume, das, was uns beschäftigt. Ich nutze Kuduro, um politische Botschaften auszusenden, soziale Missstände anzuprangern. Kuduro ist praktisch meine Waffe, um Ideen und Gefühle auszudrücken. Im Grunde ist das wie der Rap in den USA – er hat die gleiche Geschichte, nur der Kontext ist anders."

Und das ist der Kontext in Angola: Die Menschen leben in einem Land, das seit fast 40 Jahren vom autoritären Präsidenten dos Santos beherrscht wird. Er führt es wie einen Familienbetrieb, Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer "Kleptokratie": Seine Kinder sitzen an den wichtigen Schaltstellen in der Politik und der Wirtschaft.

Tochter Isabel ist die erste Dollar-Milliardärin und reichste Frau des gesamten afrikanischen Kontinents – geschätztes Vermögen: mehr als 3 Milliarden US-Dollar. Die öffentlichkeitsscheue 43-Jährige hat in den letzten Jahren ein Imperium aufgebaut: Telekommunikation, Medien, Finanzen, Energie, Diamanten, Supermärkte – kaum ein Wirtschaftszweig, in dem die dynamische Geschäftsfrau nicht mitmischt. Auch beim ehemaligen Kolonialherren Portugal hat sich Dos Santos in den letzten Jahren kräftig eingekauft. Besitzt Anteile an Medienkonzernen und Banken.

Ohne ihren Präsidenten-Daddy und seine Verbindungen hätte sie wohl kaum ein so märchenhaftes Vermögen anhäufen können. In Angola trägt die attraktive Isabel daher den wenig schmeichelhaften Spitznamen "Prinzessin". Und wie um das zu untermauern, hat ihr Vater sie letztes Jahr handstreichartig zur Chefin von Sonangol gemacht, dem omnipräsenten und allmächtigen staatlichen Ölkonzern.

Die riesigen Öl-Vorräte haben nur wenigen Menschen genutzt, die politisch eng verbandelt sind mit dem Präsidenten. In kürzester Zeit sind sie extrem reich geworden. Die politische Elite ist identisch mit der wirtschaftlichen Elite. Korruption ist Alltag.

Die Mehrheit der Angolaner hingegen hat nichts vom Öl-Reichtum. Im Gegenteil: Jetzt, wo der Ölpreis deutlich gesunken ist, steckt das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise, weil es zu sehr auf das Öl vertraut und nicht diversifiziert hat. Die Folgen der Krise müssen die einfachen Menschen ertragen: hohe Arbeitslosigkeit, ein mieses Bildungssystem, eine miserable medizinische Versorgung. Die Preise für Lebensmittel und Transport steigen. In Luanda wird der Müll oft nicht abgeholt und stapelt sich mitten im Zentrum auf den Bürgersteigen. Ständige Stromausfälle machen den Menschen zu schaffen.

Gegen diese Missstände singt MC Sacerdote an - und lässt sich dabei nicht vom repressiven Staat aufhalten, der unliebsame Stimmen gern gewaltsam unterdrückt.

"Viele Künstler preisen in ihren Songs den Boss, unseren Präsidenten. Sie haben Angst, dass sie sonst ihre Privilegien verlieren. Aber ich muss doch authentisch sein und hinter meinen Songs stehen. Sie müssen mir gefallen. Ich kann doch hier nicht leben, ohne mir Sorgen über die politischen und sozialen Probleme zu machen. Andere jagen das Geld – ich suche noch meinen Platz inmitten dieses Durcheinanders. Wenn ich über mich schreibe, dann weiß ich: 80, 90 Prozent der Menschen haben die gleichen Probleme wie ich. Meine Musik spiegelt ihre Realität wieder."

Höchstens an zehn Tagen im Monat Strom

Die Realität der einfachen Angolaner hat mit dem Jetset-Leben der Neureichen nicht viel gemein. Der Englisch-Lehrer und Teilzeit-Fahrer Antonio da Silva lebt mit seiner Familie in Viana, einem Vorort Luandas. Dort ist von der Pracht der Öl-befeuerten Entwicklung nichts zu sehen. Es gibt nicht mal eine geteerte Straße. Der starke Regen hat die Lehmpiste zu einem schier unüberwindbaren Schlammparcours mit tiefen Kratern und großen Pfützen gemacht. Antonio lebt in einem einfachen gemauerten Haus. Seit Jahren baut er daran. Immer wenn etwas Geld da ist, kauft er neues Material. Entsprechend zusammengewürfelt sieht es aus. Innen ist es düster – der Strom ist weg. Mal wieder.

"Ich muss jeden Monat den vollen Betrag zahlen. Aber wir haben höchstens an zehn Tagen im Monat Strom. Das Problem ist unsere Regierung. Sie schert sich nicht um uns. Wir haben seit fast 15 Jahren Frieden. Viele Politiker sind in der Zeit sehr reich geworden. Für uns haben sie kaum etwas getan. Die Straßen sind kaputt, wir haben keinen Strom, kein fließend Wasser. In der ganzen Gegend gibt es nur eine einzige Schule - für hunderte Familien und nur ein medizinisches Zentrum, dem selbst die Grundausstattung fehlt. Das Leben ist wirklich hart. Wir versuchen alles, damit es irgendwie weitergeht."

Noch schlechter geht es den vielen Millionen Menschen, die in den Musseques leben, den riesigen Slums von Luanda. Sie hausen in selbstgezimmerten Hütten, Grundversorgung ist hier ein Fremdwort. Vor 20 Jahren haben etwa zwei Millionen Menschen in der Stadt gewohnt. Mittlerweile sind es geschätzt sechs Millionen, im Großraum Luanda sogar zehn Millionen. Die Infrastruktur hat mit diesem explosionsartigen Bevölkerungszuwachs nicht ansatzweise Schritt gehalten. Für all diese Menschen ist es völlig illusorisch, in Luanda selbst zu wohnen. Nur gut verdienende Ausländer und reiche Einheimische können sich das leisten. Eine Entwicklung, die Architekturprofessorin Angela Mingues kritisch sieht.

"Dieser Gentrifizierungsprozess ist nicht gut. Städte müssen vielfältig sein. Alles Neue, was hier entsteht, ist nicht für die lokale Bevölkerung gedacht. Die Menschen, die hier mal gelebt haben, die Leben in der Stadt erzeugt haben, die wohnen mittlerweile weit außerhalb, wo es günstiger ist. Luanda wird praktisch zur Geisterstadt."

Den Sound der Stadt am Abend bestimmen die allgegenwärtig brummenden Stromgeneratoren und die Business-People, die die halbwegs freie, sechsspurige "Marginal" direkt an der Promenade nutzen, um ihre protzigen Geländewagen mal so richtig auszuführen. Dennoch kann sich die Architekturprofessorin Angela Mingues keine schönere Stadt vorstellen als Luanda.

"Luanda hat diese Größe, diese Geschichte. Eine alte Lady, die der Welt immer noch viel geben kann. Für mich ist Luanda die tollste Stadt der Welt. Eine der tollsten Städte aller Zeiten!"

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