Angela Merkel und ihr neues Amt

Von Gunter Hofmann |
Wie bekommt man Autorität in einer liberalen Gesellschaft, fragt der Journalist Gunter Hofmann. In der Balance bestehe die Herausforderung und nicht im Durchregieren. Autorität gebe nicht das Amt, nicht allein jedenfalls.
Kanzler korrespondieren in gewisser Weise immer mit der Republik, das Land regiert mit, noch die ausgeprägteste "Kanzlerdemokratie" ist eine zweiseitige Angelegenheit. Mich interessiert, in welcher Republik also Angela Merkel als Regierungschefin antritt, und wie das miteinander kompatibel ist.

Verlangt die Bundesrepublik nach einer "eisernen Lady", nach einer "deutschen Maggie Thatcher"? Durchregieren, wie sie das gesagt hat, kann sie eindeutig nicht. Ein "Ruck", wie Roman Herzog es einst nannte, kann nicht autoritär verordnet werden. Autoritär in einer liberalen Gesellschaft? Das geht nicht. Schröder galt als Basta- und Chefsachen-Kanzler, dahinter versteckte sich ein auf breiten Konsens erpichter Stil. Er hat nicht durchregiert.

Die Paradoxie der großen Koalition: Ihr Legitimationsbedarf ist fast noch größer. Sie muss noch mehr begründen und erklären, noch pfleglicher umgehen mit der Öffentlichkeit, wenn nicht bald ein Oktroy-Verdacht aufkommen soll. Wie bekommt man "Autorität" in einer liberalen Gesellschaft? In der Balance, führen, orientieren, legitimieren, besteht die Herausforderung, nicht im Durchregieren.

Die Ironie der liberalen Demokratie lautet, dass "Führung" etwas ganz anderes bedeutet als, sagen wir, sogar noch zu Helmut Schmidts Zeiten, der geradezu der Archetyp deutscher Kanzler geworden ist.

Schmidt verkörperte zielstrebig eine Mixtur aus dezisionistischem Kanzler und vernünftigem Diskursregenten, a-demokratisch und demokratisch zugleich. Er verfügte über eine lebensgeschichtlich gewachsene Autorität wie Willy Brandt auch. Aber der Sowohl-als-auch-Brandt bediente keinerlei dezisionstische Sehnsüchte, er weigerte sich, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, weil es den Tisch wenig beeindrucke, wie er sagte – und seine Politik veränderte die Politik, mit Ausnahme Adenauers, weitreichender als alle. Er war die größte Herausforderung für eine liberale Bürgergesellschaft, indem er sie anerkannte.

Wie kann Angela Merkel "führen"? Ins Kanzleramt kam sie, bei allem Respekt, nicht durch gewachsene Autorität. Als Person, als Persönlichkeit, deren Konturen man allmählich zu kennen glaubt, weil sie in Konflikten, mit Siegen und Niederlagen und in vielerlei Rollen hineinwachsen in die Republik, vor unseren Augen, so nahm man sie nicht wahr. Richtig, in modernen Gesellschaften zählt, wer "Macht" hat, wer sich durchbeißt, wer "Held" ist. Bloß: In der modernen Mediendemokratie garantiert das nichts Dauerhaftes. Autorität wächst allmählich, sie ist ein Kind der Langsamkeit.

Willy Brandt hatte die Autorität eines Parteivorsitzenden, der fast 25 Jahre "auf den Zinnen" stand wie Helmut Kohl. Helmut Schmidt hatte die Autorität desjenigen, der als junger Hamburger Innensenator seine erste Bewährungsprobe bestand, die Flut, Krisenmanager seitdem, der Bücher schrieb, die heiß diskutiert wurden, sich einen Platz im öffentlichen Raum eroberte – man hatte eine Vorstellung von dieser Person.

Dass die Kanzlerin aus dem Osten kommt, und erklärtermaßen keine Westdeutsche ist, kann eine wirkliche Chance sein. Bisher allerdings hat sie das zu oft verleitet, Klischees von der Bundesrepublik aufzugreifen. Sie ließ sich auf die Republik nicht wirklich ein, sondern behauptete, sie durchschaut zu haben.

Die Bundesrepublik aber, denke ich, ist kompliziert und komplex. Man muss ihr zuhören. Sie sagt auch ihrerseits "basta!" Autorität gewinnt man nur, wenn man sich einlässt auf dieses Komplexe und in ein Gespräch gerät. Gerade dann also, wenn man nicht behauptet, einsam zu "führen". Autorität gewinnt, wer Maßstäbe hat – und sie überprüft im Dialog mit einer heterogenen Gesellschaft, die nicht so müde und borniert ist, wie gerne behauptet.

Autorität gibt nicht das Amt, nicht allein jedenfalls. Image und Inszenierung tragen nicht auf Dauer. Das Bild von George Bush auf dem Flugzeugträger, Mission accomplished!, hat ihm nicht lange geholfen, weil der reale Krieg weiterging. Die Wahrheit schimmert irgendwann durch, die Mediendemokratie giert nicht nur nach Images und Heldenposen, sie enthüllt und entzaubert auch.

Angela Merkel würde, vermute ich, Autorität am ehesten dadurch gewinnen, dass sie Klischees von der Republik entsorgt, das "kulturelle Kapital" ihrer Osterfahrung einbringt, niemanden in Schubladen steckt, der Gesellschaft zuhört, die Republik nicht biedermeierlicher macht, als sie ist, den Selbstverständigungsprozess befördert und im Diskurs beweist, was ihre Maßstäbe sind. Wenn sie kompatibel sind mit der Republik, ihrer Mentalität und dem kulturellen Zeitgeist - umso besser.


Gunter Hofmann, Journalist und Autor. Jahrgang 1942, Dr. phil., seit 1977 bei der Wochenzeitung "Die ZEIT", seit 1994 Büroleiter in Bonn, seit dem Regierungsumzug in Berlin, einer der angesehensten Beobachter des deutschen Politikbetriebs, jüngste Buchveröffentlichung: "Abschiede, Anfänge. Die Bundesrepublik. Eine Anatomie"