Seit 05:50 Uhr Aus den Feuilletons
Freitag, 23.10.2020
 
Seit 05:50 Uhr Aus den Feuilletons

Kompressor | Beitrag vom 12.03.2020

Andy-Warhol-Retrospektive in der Tate ModernNeuer Blick auf einen alten Bekannten

Von Marten Hahn

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine Mitarbeiterin der Tate Modern Gallery betrachtet das Werk "Self Portrait" von Andy Warhol. (Dominic Lipinski / PA Images / imago-images)
"Self Portrait" (1986) von Andy Warhol - zu sehen in der Ausstellung "Andy Warhol" in der Tate Gallery of Modern Art in London. (Dominic Lipinski / PA Images / imago-images)

Von und über Andy Warhol glaubt man schon alles gesehen und gehört zu haben. Die Tate Modern widmet ihm jetzt dennoch eine Retrospektive. Die erste Warhol-Ausstellung des Hauses seit 20 Jahren hat den Anspruch, sein Werk neu zu entdecken.

Schon am Eingang hört man: Die neue Andy-Warhol-Ausstellung in London bietet mehr als nur ein Best-Of des Pop-Art-Künstlers. Natürlich finden Besucher hier auch die bekannten Campbell-Suppendosen und Marilyn Monroes bunte Gesichter, aber die Galerie Tate Modern fächert das Werk Warhols weit darüber hinaus auf.

Weg von der Kunstfigur – hin zu der Kunst

Und das sei höchste Zeit, so Kurator Fiontán Moran. In den vergangenen Jahrzehnten sei die Kunst fast hinter dem Künstler Warhol verschwunden:

"Wir wollten die Aufmerksamkeit der Menschen wieder auf das Werk lenken, weg von der Kunstfigur, die er vermarktete. Er sah sein Leben, seine Rolle als Performance. Und es ist leicht darüber zu vergessen, dass er Künstler war. Klar, er ging ins Studio 54. Aber danach ging er nach Hause und machte Kunst. Wir wollten dieses Gleichgewicht wieder herstellen."

Zum umfangreichen Werk gehört auch Warhols Arbeit mit der Band "The Velvet Underground". Gemeinsam mit Mitgliedern seiner "Factory" kombinierte der US-Künstler die Musik der Band mit Film- und Foto-Projektionen und Lichteffekten.

Das Ergebnis hieß Exploding Plastic Inevitable, kurz EPI. Die Ausstellung lässt das Multimediaerlebnis mithilfe von Projektoren und Lautsprechern wieder auferstehen. Das was damals schockte, wirkt heute fast zahm.

Eine Mitarbeiterin der Tate Modern Gallery spielt mit der Installation "Silver Clouds" in der Andy-Warhol-Ausstellung. (Dominic Lipinski / PA Images / imago-images)Die Installation "Silver Clouds" (1966) von Andy Warhol. In der Tate Gallery of Modern Art in London zu sehen bis zum 6. September 2020. (Dominic Lipinski / PA Images / imago-images)

Gleich nebenan läuft man durch einen Haufen silberner, knisternder Kissen aus Polyester. Stößt man sie an, schweben sie durch den Raum. Das Werk "Silver Clouds" entstand 1966.

Moran: "Damit verkündete er seinen Abschied von der Malerei. Ursprünglich wollte Warhol eine schwebende Glühbirne. Aber das klappte damals nicht. Also schuf er mit der Hilfe von Billy Klüver diese Kissen. Warhol nannte sie schwebende Gemälde. Dabei handelt sich nicht um Unikate. Für jede Warhol-Austellung werden neue gemacht. Er testete damit einmal mehr, was den Wert eines Objekts ausmacht. Die Besucher dürfen damit interagieren. Die Wolken schweben hier frei durch den Raum und jeder kann sich darin spiegeln."

Bisher unbekannte Warhol-Werke zeigen neue Facetten

Mit dem Mix aus Multimedia und Wolken zum Anfassen, gelingt der Ausstellung tatsächlich ein neuer Blick auf den schüchternen, schwulen Pop-Art-Star. Außerdem haben Moran und seine Kollegen Werke Warhols aufgetrieben, die kaum bekannt sind. Zum Beispiel Gemälde aus der Serie "Ladies and Gentlemen". Die Gemälde von afro- und lateinamerikanischen Dragqueens und Transfrauen werden hier erstmals seit 30 Jahren öffentlich gezeigt. In Großbritannien sind sie zum ersten Mal zu sehen.

Moran: "Man sieht ihn hier auf eine Art und Weise mit Farbe spielen, wie man es normalerweise nicht mit Warhol in Verbindung bringt. Er nutzt viel mehr Farbe und spielt mit den Farbschichten. Der Umgang mit Gender hat hier etwas Theatralisches. Die Farbe wirkt hier fast wie Make-Up, das aufgetragen oder entfernt wird."

Eine Mitarbeiterin der Galerie Tate Modern betrachtet das Bild "Alphanso Panell" aus der Serie "Ladies and Gentlemen" (1975) von Andy Warhol. (Andrew Dunkley /Tate Modern)Das Bild "Alphanso Panell" aus der Serie "Ladies and Gentlemen" (1975) von Andy Warhol. (Andrew Dunkley /Tate Modern)

Auch den Filmemacher Warhol stellt die Ausstellung vor. In einem schwarzen Raum läuft Warhols Anti-Film "Sleep". Dafür nahm der Künstler 1963 seinen damaligen Liebhaber, den Dichter John Giorno, beim Schlafen auf. Ein monotones Werk, voller Wärme und Intimität.

Mit ähnlichen Videos halten heute die jungen Influencer der App TikTok ihre Follower bei Laune. Immer mehr Nutzer live-streamen ihren Schlaf. Andy Warhol war auch hier seiner Zeit weit voraus. Mit diesem Bewusstsein verlässt man die Ausstellung. Und mit dem Gefühl, als hätte man an einem alten Freund neue Seiten entdeckt.

Andy Warhol
Tate Gallery of Modern Art, London
12. März bis 6. September 2020

Mehr zum Thema

Andy-Warhol-Retrospektive in New York - Ein Künstler als Prophet des 21. Jahrhunderts
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 12.11.2018)

90 Jahre Andy Warhol - Der Einfluss des Pop-Art-Erfinders auf die Popmusik
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 06.08.2018)

Ausstellung in Leipzig - Im Spiegel Andy Warhols
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 02.06.2016)

Fazit

Neu im Kino: "Bohnenstange"Bruch mit dem Heldenmythos
In einem Filmstill aus "Bohnenstange" ist eine Schauspielerin mit Kopftuch zu sehen. (Eksystent Distribution / Liana Mukhamedzyanova)

Leningrad nach dem Zweiten Weltkrieg: Zwei traumatisierte Frauen schlagen sich durch die zerstörte Stadt. "Bohnenstange" von Regisseur Kantemir Balagow ist kraftvolles Kino mit herausragenden Darstellerinnen und setzt auch politisch neue Akzente.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur