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Buchkritik | Beitrag vom 09.04.2020

Andreas Götz: "Wir sind die Wahrheit" Wenn die Demokratie stirbt

Von Sylvia Schwab

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"Wir sind die Wahrheit" von Andreas Götz. Auf einem hellblauen Grund steht ein weißes X, drauf in Frakturschrift das Wort "wir". (Dressler Verlag)
Warum wird jemand zum Neonazi? "Wir sind die Wahrheit" von Andreas Götz geht dieser Frage nach. (Dressler Verlag)

Leah versucht herauszufinden, warum ihr sozial engagierter Bruder plötzlich Neonazi geworden ist. Dafür taucht sie tief in die rechte Szene ein und lernt: Wenn nur noch eine Wahrheit gilt, ist die Demokratie tot. Ein beeindruckender Jugendroman.

Schneller als die Literatur für Erwachsene reagiert meist die Jugendliteratur auf brisante gesellschaftliche Entwicklungen. Das zeigt sich wieder einmal beim Thema rechte Jugendszene in Deutschland. Andreas Götz‘ neuer Roman gehört zu den ebenso spannenden wie informativen Büchern, die den Rechtsradikalismus kritisch unter die Lupe nehmen und seine gefährlich-verführerische Kraft aufdecken.

Zwei Geschichten in einer 

Der Roman erzählt parallel zwei sehr unterschiedliche Geschichten, die doch eng miteinander verknüpft sind: Noah und Leah sind Zwillinge und emotional eng verbunden. Beide haben gerade Abitur gemacht, sind sozial engagiert und unterstützen Flüchtlinge. Bis Noah nachts von einem Trupp junger Leute so brutal zusammengeschlagen wird, dass er ins Koma fällt und wochenlang nicht aufwacht.

Leah, die Ich-Erzählerin, versucht auf eigene Faust herauszufinden, von wem und warum Noah zusammengeschlagen wurde. Sie entdeckt dabei, dass ihr Bruder heimlich eine politische Kehrtwendung gemacht und sich mit Neonazis eingelassen hat. Sie sucht daraufhin selbst Kontakt zur dieser Szene und verliebt sich in Alex, den charmanten Kopf der Gruppe.

Schleichende Radikalisierung

Noahs schleichende Wendung vom engagierten Liberalen zum Rechtsextremisten lässt sich darum gut nachvollziehen, weil er selbst alles in einem Videotagebuch aufgezeichnet hatte, das Leah nach dem Überfall zugespielt wird. Und auch Leahs verzweifelte Suche nach der Wahrheit zwischen der Faszination durch die agitatorischen rechten Thesen, Verliebtheit, instinktiver Abwehr und ihren eigenen Überzeugungen kommt überzeugend rüber.

Es gelingt Andreas Götz, die radikale Gesinnung von Leahs neuen Freunden sachlich zu dokumentieren und zugleich klar zu machen, wie unlogisch, hetzerisch und letztendlich unmenschlich sie ist. Leah – und mit ihr die Leserinnen und Leser – entdeckt, dass dort, wo es nur noch eine Wahrheit gilt, die Demokratie stirbt.

Mitreißend und spannend

Die Liebesgeschichte mit dem reichen, attraktiven Alex ist – weil recht klischeehaft – ein Schwachpunkt in diesem ansonsten mitreißenden Roman. Auch ohne die süßliche Geschichte überzeugt er durch die Inszenierung rechter Parolen, Argumente, Vorurteile und Prahlereien in verschiedensten Diskussionen und Situationen. So nimmt die Romanhandlung immer mehr Fahrt auf, die dramatische Verwicklungen enden schließlich in einem unheimlichen Schweigemarsch und dem Brand in einem Asylantenwohnheim.

Anfangs fragt man sich, warum Noah ins Koma geschickt und seine Stimme sozusagen aus dem Off – in Videobotschaften – eingeblendet wird, statt den jungen Mann selbst agieren zu lassen. Doch schnell wird klar, dass diese Konstruktion die Spannung noch einmal steigert, auch wenn es sich hier um eine klare Anleihe von der TV-Erfolgsserie "Tote Mädchen lügen nicht" handelt.

Schritt für Schritt entdeckt Leah, wer Noah lebensgefährlich verletzt und die Videos verschickt hat – und warum. Und noch etwas wird am Schluss bestürzend deutlich: Wie das Internet und mit ihm E-Mails, Kurznachrichten und Screenshots die Gewalt noch einmal potenziert.

Andreas Götz: "Wir sind die Wahrheit"
Dressler, Hamburg 2020
288 Seiten, 17 Euro
Ab 14 Jahren

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