Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 23.10.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.08.2016

Andreas Gehrlach: "Diebe"Eva und der Apfelklau

Von Michael Opitz

Podcast abonnieren
Adam und Eva in einem Gemälde von Bréviaire Grimani (Imago)
Berühmte Gesetzesbrecher: Adam und Eva in einem Gemälde von Bréviaire Grimani. (Imago)

Dem Autor Andreas Gehrlach gilt das Stehlen des Apfels als eigentlicher Sündenfall der Geschichte von Adam und Eva. Davon ausgehend beschreibt er in "Diebe" die Kulturgeschichte des Stehlens von der Antike bis in die postmoderne Philosophie.

War am Anfang das Wort oder doch die Tat, fragt sich Goethes Faust. Nach der Lektüre von Andreas Gehrlachs Buch "Diebe" scheint die Antwort eindeutig auszufallen: Am Anfang war die Tat und um noch genauer zu sein, alles hat mit einem Diebstahl begonnen. Mit Eva und mit Prometheus stehen zwei prominente Diebe im Zentrum von Gehrlachs Buch. Eva erscheint nicht nur als sündige Verführerin, sondern widerrechtlich hat sie den Apfel vom Baum der Erkenntnis gestohlen. Während der Biss in den Apfel, als der eigentliche Sündenfall gilt, konzentriert sich Gehrlach auf Evas Diebstahl. Dass sie eine Diebin ist, mindert ihre Bedeutung jedoch nicht wirklich, denn sie reiht sich – aus Sicht des Autors – in jene Reihe berühmter Gesetzesbrecher ein, an deren Anfang Prometheus steht, der den Göttern das Feuer stahl.

Diebe wurden härter bestraft als Räuber

Bemerkenswert an diesem Buch ist, dass Andreas Gehrlach mit dem Diebstahl einen Gründungsmythos an den Anfang der Menschheitsgeschichte stellt, dem der Makel einer Gesetzesüberschreitung anhaftet. Äußerst sachkundig und faktenreich ordnet der Kulturwissenschaftler die von ihm näher untersuchten "Straftaten" kulturhistorisch ein, und selbst wenn er sich dabei gelegentlich in Details verliert und sich manchmal zu weit vom eigentlich Kern seiner Erzählung entfernt, das vorliegende Resultat ist angesichts des zusammengetragenen Wissens ganz erstaunlich. Neben Eva und Prometheus wendet sich Gehrlach auch Hermes, dem Gott der Diebe zu, sowie den Dieben Augustinus und Jean-Jacques Rousseau und er unterzieht Edgar Allen Poes Erzählung "Der entwendete Brief" einer kenntnisreichen Analyse.

Diebe nehmen sich, was ihnen nicht gehört und für die Nichtachtung des Eigentums anderer werden sie bestraft. Anders als der Räuber, der sich mit seinem Gegner auf Augenhöhe bewegt, geht der Dieb heimlich und anonym vor. In früheren Zeiten sind Diebe härter bestraft worden als Räuber. Diebstahl galt nicht als Eigentumsdelikt, sondern als Gotteskränkung, worauf in älteren Kulturen die Todesstrafe stand. Inzwischen hat sich ein Wandel vollzogen – in Notsituationen ist Diebstahl sogar erlaubt: Erzbischof Frings rief im Winter 1946 dazu auf, sich zu nehmen, was man zur Erhaltung seines Lebens brauche. Seither spricht man vom "fringsen".

Diebstahl als Kulturleistung

In den Diebstählen, auf die sich Andreas Gehrlach konzentriert, geht es allerdings um mehr, als nur um die Umverteilung von Reichtum. Ihn interessieren Diebe, die nicht aus Not nehmen. Was sie stehlen, verliert im Moment des Diebstahls an Bedeutung und wird – aber in ganz anderer Hinsicht – bedeutend. Deshalb ist es berechtigt, im Falle von Eva und von Prometheus von Anfangsmythen zu sprechen. Mit Evas Diebstahl des Apfels und mit Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl, begann menschheitsgeschichtlich etwas Neues. Diebstahl ist in diesem Sinne zwar weiterhin ein Vergehen, aber eben auch eine Kulturleistung.

Andreas Gehrlach: Diebe
Die heimliche Aneignung als Ursprungserzählung in Literatur, Philosophie und Mythos
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2016
419 Seiten, 54 Euro

Mehr zum Thema

Verbrechen und Strafe in der Literatur - Alles Gauner
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 19.04.2016)

Michael Köhlmeier: "Das Mädchen mit dem Fingerhut" - Über Liebe, Verwahrlosung und das Böse
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 04.02.2016)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Der BriefromanIrrwege der Literatur
Mit einem Federhalter wird auf einem Stück Papier geschrieben. (imago/imagebroker/theissen)

Das Briefeschreiben ist längst aus der Mode. Wer heute Nähe oder Flirt sucht, greift zur Maus, nicht zum Stift. Ist damit auch der Briefroman tot? Ein literarisches Genre mit wilder Blütezeit und zarter Renaissance.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur